Allein oder einsam?
Allein oder einsam?

Alleinsein ist Luxus – selbst gewählte Einsamkeit tut der Seele gut

Christine Kammerer
Beitrag von Christine Kammerer

Bei der Einsamkeit scheiden sich die Geister: die einen können sie kaum ertragen, die anderen preisen sie als Quell der Kreativität und Inspiration - als einen Luxus, der mit Geld kaum aufzuwiegen ist.

Die einen meiden sie, wann auch immer das möglich ist. Sie suchen Zerstreuung und Unterhaltung, lassen sich rund um die Uhr von der Glotze berieseln, sind Tag und Nacht im Internet unterwegs – immer in Kontakt mit anderen - nur um nicht mit sich selbst allein sein zu müssen. Die anderen suchen sie regelrecht – sie nehmen sich Auszeiten vom Alltag, schotten sich ab und meditieren im stillen Kämmerlein oder ziehen sich gleich ganz auf eine einsame Berghütte zurück – abgeschieden von der hektischen Welt da draußen.

Immer Online
Wir sind immer aktiv und fast 24 Stunden am Tag erreichbar. Nur wenn wir schlafen, ruhen unsere Verbindungen in die Außenwelt. Ansonsten stehen die meisten von uns in einem dichten Netzwerk von Verbindlichkeiten, das mit immer neuen Anforderungen an uns heran tritt: Partner, Kinder und Enkel, die unsere Zeit und Aufmerksamkeit einfordern, Freunde und Bekannte, denen wir Zuwendung schenken, jede Menge Aufgaben, die Tag für Tag erledigt werden wollen. Wenn wir nur wollen, könnten wir selbst den letzten Rest unserer knapp bemessenen Zeit mit diesem und jenen anfüllen – mit Shoppen, mit Chatten, mit Hobbies und ehrenamtlichen Tätigkeiten. Wir müssen nicht einsam sein – wenn wir nicht wollen…


„Allein sein zu müssen ist das Schwerste, allein sein zu können das Schönste.“ (Hans Krailsheimer)

Was ist das eigentlich – Einsamkeit?
Mit dem Alleinsein ist es so eine Sache: begeben wir uns freiwillig hinein, fühlen wir uns darin durchaus geborgen. Werden wir hinein gezwungen, befällt uns schnell ein schales Gefühl – zum Beispiel wenn wir über längere Zeit keinen Partner haben und uns doch so sehr danach sehnen.

Alleinsein ist befreiend. Wir können unseren Gedanken nachhängen, stehen in Verbindung mit uns selbst. Alleinsein tut uns gut - wenn wir den Zustand selber wählen. Einsamkeit dagegen kann mitunter quälend sein, deprimierend und düster. Und Einsamkeit geht nicht zwangsläufig mit Alleinsein einher – auch unter Menschen kann man sich sehr einsam fühlen. Nein, Alleinsein ist wirklich nicht dasselbe wie Einsamkeit.

Alleinsein – das letzte Abenteuer der Menschheit

In der selbstgewählten Einsamkeit begegne ich nur einem Menschen: mir selbst. Ein Abenteuer, auf das sich nur wenige wirklich einlassen wollen oder können. Gerade weil sie dort jemandem begegnen könnten, der ihnen mehr als fremd ist. Fremder manchmal sogar als der eigene Partner. Wir sind soziale Wesen – wir brauchen andere Menschen! Und wir können uns tatsächlich in der Einsamkeit verlieren, wenn das Alleinsein andauert und wenn wir uns dabei immer mehr einigeln. Aber fast genauso sehr verlieren wir uns ohne das Alleinsein – wir lernen uns nicht kennen und wir finden uns nicht. Wir werden nicht die, die wir sind ohne die Alleinsamkeit.