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Der kleine Mann und seine Freundin

Der kleine Mann und seine Freundin

Von wize.life-Nutzer - Donnerstag, 16.04.2015 - 22:09 Uhr

"Bald bin ich nicht mehr da." sagt der kleine Mann. "Dann bin ich verschwunden, weil mir keiner mehr zuhört."
Er will dann den Eingang zu seiner Wohnung dicht machen, so dass niemand mehr herein kommen kann. Es ist ihm genug, er ist enttäuscht.
Seit mittlerweile 1.200 Jahren lebt er mit offener Haustür und hat Gäste stets willkommen geheißen. Einen heißen Tee oder eine Suppe - je nach Gusto – hatte er immer parat und ein offenes Ohr.
Nicht ganz uneigennützig, das gibt er ja zu. Denn die Geschichten aus fernen Regionen, die Abenteuer und Legenden, die er als Gastgeschenk zu hören bekam, die beflügelten sein Herz, seine Phantasie und brachten ihm die ganze Welt ins Haus. Wenn er schlief oder wenn er tagsüber runterkletterte und in der Sonne mit offenen Augen vor sich hin sinnierte.

"Das waren noch Zeiten!" denkt er. Aber jetzt?
Mittlerweile hört er sie schon, wenn sie kilometerweit entfernt sind. Sie bringen nie etwas Gutes, diese Schreihälse.
Das erste Mal hat er einen von ihnen noch herein gebeten. Der schwärmte, wie schön er es hier hätte und dass er ihn verstehen könne, wie er hier lebe. Aber – und das wäre doch nun wirklich etwas, das man ja mal sagen können müsse: das Moos würde knapp werden hier im Wald. Und ob er nicht auch gegen die Menschen protestieren wolle, die ohne etwas geleistet zu haben, in Kürze den ganzen Forst okkupieren werden... diese Nichtsnutze. Er hätte ja im Grunde gar nichts gegen sie. Aber es wäre ja wohl bewiesen, dass diese Menschen nicht im geringsten die Natur wertschätzen können. Das verbietet denen ihr Lebensstil, der ist nämlich auf Industrialisierung ausgelegt!

Der nächste Waldbesucher sprach schon von Vernichtung: "Wach endlich auf! Leb nicht weiter in Deinem selbst zurecht geträumten Schlaraffenland! Diese Menschen haben ein Ziel. Sie wollen uns mit ihren Grenzen, Gesetzen und Werten ein für alle mal vom Planeten radieren, das haben die einfach im Blut, das ist ihre Kultur. Lass es Dir von unseren Ältesten rezitieren."

Und dann kamen immer mehr, ganze Ströme hatte er in den letzten Wochen beobachtet. So wie er – Alfred – es verstanden hatte, gab es einen Aufstand. Viele Waldbewohner wollen die Grenzen dicht machen und keinen mehr herein lassen.
Das bereitete ihm dann doch zumindest schwere Gedanken. Er musste ständig an seine Lieblingsbesucherin denken ....

... sie kam schon zu ihm, als sie noch ein kleines Mädchen war. Wie lange war das nun her? Rebecca, dieses wunderbare Mädchen! Wie sehr sie zu kämpfen hatte. Mit sich selbst und mit den Menschen, mit denen sie nun mal zusammen gewürfelt wurde - so wurde sie halt geboren, so schwer das auch zu begreifen war für ihn.

Alfred hatte anfangs Schwierigkeiten zu verstehen, wie die Menschen miteinander verbunden waren. Es ging da irgendwie um Blut und 'V e r w a n d t s c h a f t' und Gefühle, die aber im Grunde nichts anderes waren als das, was die Pflanzen als Wasser, Erde und Wurzeln schon kennen. Aber komplizierter. Denn die Menschen können sich anscheinend andauernd umentscheiden. Es scheint da kein Konzept zu geben.
Eine ziemlich unsichere Sache, so wie es Alfred aus Rebeccas Erzählungen verstanden hat.

Rebecca jedenfalls wurde nach ihrer Zeugung und Entstehung erst mal relativ sich selbst überlassen. Sie fühlte sich allein und fand in ihrer Einsamkeit einen Weg zu ihm, Alfred. Das ist schon eine tolle Geschichte. Wie sie da saß und abwechselnd geweint und geschrien hat, die Rinde geschlagen, aber nie ernsthaft verletzt hat. Sie konnte ja nicht wissen, was für Schmerzen sie ihm damit bereitet hätte.
Und er hat viel von ihr gelernt, weil sie – außer wütend – auch noch sensibel war. Mitfühlend und verstehend.

Wo sie jetzt wohl war? Das letzte, was er von ihr gehört hatte war, dass sie mit anderen Menschen los wollte, um 'etwas zu unternehmen'.

Wörtlich sagte sie: "Ich werde mit meinen Freunden auf einen Baum klettern, um einen Vogel zu retten. Er ist in Gefahr, viele Menschen wollen ihn töten. Der Vogel heißt Freiheit und er ist wie Du seit langem ein Freund von mir. Ich sterbe vielleicht, wenn er stirbt."

10 Kommentare

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wunderbare geschichte, barbara. danke!
ich mag es sehr, wie du schreibst
alles liebe, barbara
Ein tolles Kompliment
Mein Herz schlägt höher, wenn meine Geschichten da ankommen, wo sie hingehören!
Bei Dir weiß ich, dass ich richtig bin. Danke dafür!
ja, barbara, hier bist du richtig. ich freu mich immer sehr, wenn ich eine geschichte lese von dir.
ich warte schon auf die nächste.
liche grüße
barbara
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Schön ,danke dir. Sehr feinfühlig auf den Punkt gebracht
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Was für eine Geschichte! - Märchenhaft und - wie alle Märchen - voller Wahrheiten. - Manchmal erkennt man die wichtigen Dinge in der Welt besser, wenn man sie mit den Augen einer Märchenfee sieht, als wenn man sie durch ein ein Mikroskop oder Fernrohr betrachtet. Danke, Barbara, für den "Durchblick".
Friedhelm. ich danke Dir!
Ich mag, wie Du schreibst und vermute, dass in Dir auch einige Geschichten stecken, die erzählenswert sind.

Schön, dass wir uns hier getroffen haben! Und noch viel schöner, einen Menschen zu sehen, der sieht, zuhört, denkt und so mitfühlend geblieben ist wie Du!
Barbara, danke für das Lob. Meine Mutter hat mir aber schon vor ca. 80 Jahren den Rat mit auf den Lebensweg gegeben: "Junge, lass Dir das nicht zu Kopfe steigen", was wohl in ihrer einfachen Art heißen sollte: Werde nicht eigebildet!
Ach was Friedhelm! Ein bisschen was dürfen wir uns schon erlauben.
Nämlich die Phantasterei, die Wonnen, das Ungewöhliche zu Erforschen ... bis in die Spitzen des Ungesagten uns vorzuwagen.
Oder um es mit meinem Papa zu sagen: "Ui Vollmond! Die Revolution liegt in der Tat ... kommst Du mit liebe Tochter?"
Barbara
Ich habe in letzter Zeit mehrere Deiner Notizen und Beiträge mit Interesse gelesen. Dabei fiel mir die obige Äußerung Deines Papas wieder ein: Ja, Du bist in der Tat eine Revoluzzerin, eine Aufrührerin, aber im guten Sinne. Du lässt Dich trotz verletzender Anschuldigungen und Verunglimpfungen nicht von Deinem Weg abbringen, selbst wenn es manchmal so aussieht, als ob alle Mühe umsonst ist. Sie ist es aber nicht, wie Du immer wieder an den ermutigenden und zustimmenden Kommentaren feststellen kannst. Es sieht so aus, als ob Du Dich heute noch mit Deinem Papa auf den "Vollmondspaziergang" machst.
Mache weiter so! Auch wenn es manchmal anders scheint, es gibt auch hier genügend Leute, die Dich auf diesem guten Weg begleiten und unterstützen möchten.
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Barbara, deine Geschichte, eine schöne Erinnerung daran, immer mehr vernetzt und systemorientiert zu denken und auch zu klären, mit welchem Zukunftsbild wir in Beziehung mit der Welt und den Menschen leben wollen. LG
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