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Mainau, Bodensee

Erfahrene Tiefe - eine Trilogie (2. Teil)

Von wize.life-Nutzer - Sonntag, 07.06.2015 - 11:23 Uhr

Seit dem Erlebnis meiner eigenen Tiefe ist nun fast ein halbes Jahr vergangen. Dieses Erlebnis lies mich dafür Kämpfen, dass unsere Urlaubsreise in diesem Jahr nach Sumatra geht. Meine Frau war es zwar etwas Schade um das viele Geld, mit dem man doch sicher etwas schöneres anfangen hätte können, aber insgeheim freute sie sich schon auch sehr auf diesen Urlaub. Am 2. Juli war es dann endlich so weit, unser Flugzeug hob ab und brachte mich meinem lang gehegten Traum näher als ich bewusst nie zu hoffen gewagt hätte. Ich muss noch anmerken, dass ich schon lange Jahre dem Hobby des Tauchens fröne und ich mir nie etwas sehnlichster wünschte, als einmal in die Tiefe des Meeres zu tauchen.
Die beiden ersten Tage verstrichen fast ungenutzt, denn der Jetlag, die Zeitverschiebung hatte uns voll im Griff. Aber am dritten Urlaubstag war es dann so weit. Punkt 9 Uhr legte die Yacht der Tauchschule ab. Zunächst stand für den Vormittag noch eine Stunde antauchen an einem Korallenriff auf dem Plan, aber schon am Nachmittag sollte es dann in tiefere Gewässer gehen zum Wrack-Tauchen. Natürlich waren nur entsprechend erfahrene Taucher zugelassen, die auch den notwendigen Nachweis erbracht hatten. Ein ortskundiger Tauchlehrer führte die Gruppe an.
Bereits das tauchen zwischen den Korallen war für mich Bodenseetümmler ein Event für sich. Die Farbenvielfalt sowohl der Korallen als auch der vielen bunten Fischschwärme war überwältigend. Besonders erstaunlich war die Neugierde einiger größerer Fische, die sich zu uns gesellten. Angstfrei und interessiert wurden Tauchermasken, Sauerstoffflaschen und Schwimmflossen begutachtet. Tauchten wir weiter, so konnten wir sicher sein, dass sie uns Begleitschutz gaben. Natürlich wirkte auch, wie bei allen anderen Tauchgängen, die ich bislang unternahm, die absolute Stille hier in 20 - 30 m Tiefe sehr beruhigend. Die gesamte Situation strahlte eine Wärme und unendliche Ruhe aus, machte einen selbst ruhig und gelassen, und unendlich zufrieden.
Nur ein Anstupser eines Mittauchers konnte mich aus dieser Ruhe bringen. Die Zeichen hatte ich einfach übersehen, so gefangen war ich in dieser Situation. Ein wenig erinnerte sie mich schon jetzt an diese Nacht vorm Fernseher. Dieses in sich sein und in sich Ruhen.
Nach einem leichten Mittagessen war noch eine Stunde Siesta angesagt. Dann hieß es wieder "fertig machen zum Tauchgang!"
Unser Boot war weiter von der Küste weg in tiefere Gewässer. Natürlich, wir waren nicht die ersten, die zu diesem Wrack zur Besichtigung geführt wurden. Aber es war für uns Touristen das erste Wrack zu dem wir tauchten.
Das Wrack war eine uralte Dreimastbark. Sie dürfte hier schon einige hundert Jahre gelegen haben. Zum Teil hatten sich Algen an Masten und Reling festgesetzt und es gab keinen Hinweis, dass jemals vor uns jemand hier gewesen wäre. Es ist überraschend, wie schnell die Natur die Spuren von uns Menschen auslöschen kann. Nun ging es in das innere des Schiffes. In der Mannschaftkajüte standen noch Teller und das entsprechende Besteck auf dem Tisch, einige Teller waren zu Boden gefallen und nur schwer unter einer dicken Sandschicht zu erkennen. Einige der neuen Bewohner verließen bei unserem eindringen Fluchtartig ihre Behausung. Wir tauchten in Zweiergruppen durch das Schiff.
In der Ruhe der Tiefe stellte sich plötzlich wieder das Gefühl ein, dass sich damals vorm Fernseher einstellte. Nein, nicht genauso, es war etwas anders. Dieses mal befand ich mich in der realen Welt und in meiner eigenen Tiefe gleichzeitig. Ich war in die Pracht-Zeit des Schiffes zurück versetzt und seine Geschichte begann vor meinen Augen zu leben. Alles was ich je über die Freibeuter der Meere gehört hatte, wurde verwendet, um aus der tatsächlichen Kulisse vergangene Zeiten auferstehen zu lassen. Diese Eindrücke, die ich aus der Tiefe mit nahm, beschäftigten mich noch den ganzen Abend. Und doch befand ich mich auch den ganzen Abend noch in zwei Welten, der realen und der, meiner eigenen Tiefe. Meine Frau meinte am Ende des Urlaubs, ich sei seit jenem Tauchgang ganz anders, viel ruhiger und scheinbar auch ausgeglichener. Ich beschäftige mich noch heute oft mit dem Gedanken, ob ich bei diesem Tauchgang einem Stück meiner eigenen Vergangenheit begegnet bin. Dieser Gedanke wurde noch durch einen späteren Urlaub in den Bergen vertieft, von dem ich im dritten Teil berichten werde.

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