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Mein Wort zum Sonntag: Die heiligen Schriften

Mein Wort zum Sonntag: Die heiligen Schriften

Von News Team - Sonntag, 14.06.2015 - 00:07 Uhr

Wir sind gewohnt, die heiligen Schriften wörtlich zu nehmen, und es wäre undenkbar, sie selbst (ohne kirchliche Autorität) zu deuten. Die Religionsgründer dachten da ganz anders.
Man nennt die Auslegung bzw. Interpretation von Texten "Exegese". Im Katholizismus darf nur der Papst die Bibelworte deuten. Bei den Protestanten wird jedes Wort wörtlich genommen, desgleichen im Islam, wo manche sogar der Meinung sind, eine Übersetzung aus dem Altarabischen sei unzulässig, denn Gottes Wort darf man in keiner Weise ändern. Die Exegese ist also, wie es scheint, nur Theologen und Schriftgelehrten vorbehalten. Doch das traf zumindest früher keineswegs zu. In der umfangreichen "Norton Anthology of World Religions" zitieren die Autoren zahlreiche Ur-Dokumente. Sie untersuchen, wie diese Schriften zur Zeit ihrer Entstehung von den Gläubigen angenommen und verstanden wurden. Ihr verblüffendes Ergebnis: Von "Werktreue" oder gar "wörtlicher Auffassung" konnte früher keine Rede sein.

Exegese im Judentum

Im "Talmud" wurden die mündlichen Überlieferungen schriftlich festgelegt. Der Talmud gehört zu den heiligen Schriften der Juden, ist also Teil ihrer "Bibel". Die Rabbis, die den Talmud zu deuten versuchten, erfanden eine höchst kreative Form der Exegese: Sie stellten sich vor, Moses wäre im 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung als Knabe auf die Erde zurückgekehrt, nur um herauszufinden, dass er seine eigenen Worte nicht mehr versstand. Der Grund: Was Gott dem Moses nicht offenbart hatte, das sagte er dem Rabbi Akiba und seinen Kollegen. Die Offenbarung war also keineswegs auf Moses beschränkt. Jeder, der sich ernsthaft mit den heiligen Texten auseinandersetzte, konnte weiterhin direkt Botschaften von Gott empfangen. Mehr noch: Jede Generation war verpflichtet, dies zu tun! Die jüdischen Schriftgelehrten nannten diesen Prozess "midrash", was so viel wie "erforschen" heißt.

Exegese im Christentum

Auch im Christentum waren manche Kirchenväter keineswegs so streng wie später die Kirche im Ganzen. So meinte der Heilige Augustinus (etwa 500 nach unserer Zeitrechnung): Sollte die wörtliche Deutung eines Bibeltexts mit wissenschaftlichen Tatsachen nicht im Einklang stehen, müsse man die Erkenntnisse der Wissenschaft respektieren! Die Auffassung, man müsse den Text der Bibel wörtlich nehmen, stammt von den Protestanten. Es war ja jedem erlaubt und möglich, die Bibel zu lesen, somit konnte sie jeder nach eigenem Gutdünken deuten. Um dem vorzubeugen, mussten sich die Leser strikt an die Worte halten. Diese Auffassung verbreitete sich dann auch allmählich im Islam.

Exegese im Islam

Und selbst der anscheinend so strenge Islam kannte andere Zeiten. "Koran" heißt nämlich "Lesung, Vortrag". Das Aufsagen (besser: Singen) der Suren war viel wichtiger, als sie zu lesen. Die Schönheit des Gesangs (in der Moschee) war ein wichtiger Teil ihrer Bedeutung. So konnte ein Muslim das Gefühl haben, in der Gegenwart Gottes, der sich durch Worte manifestierte, in Seine Gnade einzutauchen, in ihr gewissermaßen zu baden. Zudem hatte Gott darauf bestanden, die Suren immer als Ganzes zu betrachten und nicht einzelne Teile herauszupicken und isoliert zu deuten. Da denken so manche radikale Anhänger der Lehre heute anders. Immerhin wird vom Propheten überliefert, er hätte seinen Anhängern gesagt, sie sollen den "Dschihad" bleiben lassen und sich lieber zu Hause um ihre Eltern kümmern, ganz abgesehen davon, dass sie den Lehren der Juden und Christen folgen sollen, denn das wären ihre Vorgänger.

8 Kommentare

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Unsere Gesetzbücher geben die Richtlinien für ein geordnetes Miteinander in unserem staatlichen Gemeinwesen vor. Jedermann kann sie lesen. Jedermann kann sich Gedanken darüber machen, wie sie auf sein Leben wirken. Kommt es aber zum Streit, dann brauchen wir Anwälte und Richter als Rechtsexperten um die Vorschriften und Gesetze zu deuten und für die Streitparteien verbindlich festzulegen. Wieso sollte es bei den religiösen Schriften anders sein?
Richter und Anwälte sollen Gesetze kennen und durchsetzen.
Dass diese auch einer ständigen Überprüfung bedürfen ist eine andere Sache.
Eine solche Überprüfung sogenannter heiliger Schriften auf noch Gültigkeit im Hinblick auf inzwischen gewonnene Erkenntnisse ist eben auch angebracht.
Dies sollte aber offen und ehrlich geschehen und nich in Form von Herumdeuteln und Zurechtbiegen, damits noch irgendwie passt!
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Ich erlaube mir als Christ selbst darüber nachzudenken, was ich in der Bibel lese.
Würde ich als evangelischer Christ, dazu zähle ich mich, die Bibel wörtlich nehmen oder wörtlich nehmen müssen, so könnte ich nur verzweifeln aber nicht glauben.
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Peter: "WIR"? Tut mir ja Leid für dich, wenn du sie wörtlich nimmst - ich jedenfalls fühle mich bei dem "Wir" nicht einbezogen
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Das Alte Testament handelt vorwiegend von Mord und Totschlag. Ist also weder heilig noch Gotteswort. Vieleicht war es deshalb früher verboten, die Bibel zu lesen.
Wenn man den ersten Teil der Bibel genauer liest, wird man auch dort merken, dass es um einen liebenden, versorgenden und gerechten Gott geht. Als mir dies vor vielen Jahren mal ein Jude gesagt hat, habe ich auch erstmal irritiert geschaut. Aber er behielt recht, habe mich danach intensiver mit dem ersten Teil beschäftigt, wodurch mir dann auch einige Kronleuchter im zweiten Teil aufgingen.
Ein sehr gerechter Gott der damals den Israliiten half andere Völker zu Hunderttausenden totzuschlagen.
Die Frage ist nur, warum...... Lies mal nach, dann kannst Du das "gerecht" gut nachvollziehen.
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