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Markt der Möglichkeiten auf dem Kirchentag

Zeltstadt der Zivilgesellschaft - der Markt der Möglichkeiten auf dem Kirchentag

Von Deutscher Evangelischer Frauenbund Bayern - Montag, 08.06.2015 - 18:05 Uhr

Die freundlichen Wegweiser


Abends die Letzten, morgens die Ersten - geduldig halten sie ihre Wegweiser hoch und weisen die zahlreichen Besucher zur S-Bahn oder zum Markt der Möglichkeiten. Wir könnten auch noch auf den Stadtplan schauen, der dem umfangreichen Programmbuch des Kirchentags beigegeben und extrem nützlich ist. Oder einfach der Herde nachlaufen.

Zwei Kontrollen, aber wir haben ja unsere Kirchentagskarte am Hals hängen wie die Hunde ihre Steuermarke. Muss man mögen, geht auf Kosten der Eleganz, aber das kümmert so recht nun auch keine. Was braucht frau noch? Geduld beim Schlangestehen. Zwei Kolleginnen haben sich gestern abend geschlagene anderthalb Stunden angestellt, um an einer Veranstaltung im Rathaus teilnehmen zu können. Und bei der immer vollen Stiftskirche haben viele schon erfolglos umgedreht. Es muss schon was Besonderes sein an dieser Kirche... Vielleicht ist sie so etwas wie das schlagende kirchliche Herz der Stadt und auch des Kirchentags.

Am Morgen, sagen die Erfahrenen, musst Du auf den Markt der Möglichkeiten gehen, am Nachmittag in die Stadt. Denn dann ist es in den Zelten einfach zu heiß! Also streben wir mit einigen hundert anderen mit der 11 und dann per pedes raus auf den Volksfestplatz, den Cannstädter Wasen, wie das Stuttgarter Oktoberfest ja auch heißt. Wenn der Vergleich mit dem Oktoberfest irgendwo überhaupt zulässig ist, dann beim Cannstädter Wasen.

Man wäre in Tagen nicht fertig, so groß ist die Vielfalt


Aber diesmal sind es keine Riesenbierzelte, aus denen es herauswummert, sondern es ist die Messe der Zivilgesellschaft. Große weiße Zelte, insgesamt zwölf, bilden sozusagen das globale Dorf. In einem wird gereist, aber da wir immer einfach ungebucht losfahren und auch nicht mit Jugendgruppen unterwegs sind, war das nicht ganz das Richtige für uns. Aber die schier unüberschaubare Menge der Stände von gesellschaftlichen Gruppen - kirchliche, welche, die sich mit Gesundheit beschäftigen, Soziales, Bildung - einen ganzen Tag würde man brauchen, all diese Angebote auch nur mal anzuschauen, und man wäre wahrscheinlich am Abend noch nicht fertig! Es ist ja auch quasi die halbe Welt zu Gast, insbesondere an den Projektständen aus Afrika, Asien und Südamerika.

Oder die angeschlossene Buchmesse - eine ganze Halle nur Bücher, CDs Videos in einer unüberschaubaren Vielfalt. Dazwischen der Kirchentagsshop, wir mussten uns ja mit den roten Schals versehen, ohne die man sich auf dem Kirchentag ja nicht blicken lassen kann. Erst dann hat man die Weihen, wenn man einen roten Schal trägt oder an den Rucksack gebunden hat. Eine Kerze für meine Mutter zu kaufen, war bei der Hitze gar keine so gute Idee, aber für unsere Schwestern haben wir zwei schöne Kaffeetassen gekauft, "Schön, dass es dich gibt!". Würde man für sich selbst nie kaufen, aber bei der Schwester, da stimmt es doch! Und wer schleppt das alles? Ja, richtig.

Begegnungen und Gespräche


Wer zuhause in der Kirchengemeinde einen EineWeltLaden hat, der rund um die Gottesdienste und Veranstaltungen im Gemeindehaus auf hat, der kennt Schnitzereien, bunte Stoffe, Tassen, Kerzenleuchter und auch Tee, Schokolade und Kaffee aus fairem Handel. Aber auch auf dem Kirchentag wird Fairkaffee getrunken, und wir haben uns sogar an einer Umfrage beteiligt. Diese war gar nicht so ohne, obwohl auch sie den ehrenwerten Zweck hatte, erstmal miteinander ins Gespräch zu kommen. Was denn die beiden häufigsten Kaffeesorten sind (Arabica und Robusta, hab ich gewusst), Durchschnittsverbrauch pro Kopf, und und und. Es war sehr lehrreich. Da wir eine Kaffeemühle haben, und unsere Nichte immer tüchtig mahlt, wenn sie uns besucht, habe ich auch ein Päckchen gut riechender und eben garantiert gewissensbissfreier Kaffeebohnen mitgenommen. Gemahlen hätte es auch gegeben. Es war imponierend, was die Dame alles über den Kaffee im Allgemeinen und den fairen Kaffee des eigenen Projekts im Besonderen wusste!

Wenn man schnell durchkommen will, darf man keinen Blickkontakt aufnehmen. Wär aber schade. Besser, man ist offen und neugierig und guckt vielleicht auch ein bisschen freundlich, damit sich die vielen Standbetreuerinnen denn auch trauen, eine gesprächseröffnende Frage zu stellen! Ein Lächeln hilft. Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns auf dem Kirchentag zu Abtreibung und Beratung Gedanken machen würden, aber wir bekommen als Frauen einen Beutel hingehalten, und auf dem Loszettel steht die Nummer einer Beratungsstelle und die immer dringliche Frage "Pflichtberatung - Zumutung oder Chance?" Ein Gespräch um Recht und Gesetz und die großen Nöte einer ungewollt Schwangeren, und eine Frau, alleingelassen in ihrer Not und vielleicht in einem furchtbaren Durcheinander, kann sich nur freuen, eine solche behutsame Seelsorgerin und Beraterin zu finden.

Auf die Dame am Attacstand steuere ich selbst zu. Ich will ihr erzählen, wie wunderbar alle Altersgruppen umfassend und vollkommen friedlich unsere G7-Gipfeldemo mit 40000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in München war, wie wir alle um den Altstadtring gezogen sind, und als die Ersten hinter dem Monsantogiftmonster und dem Campact-Musik-LKW her das Isartor passierten, brachen erst die Letzten am Ausgangspunkt am Stachus auf. Aber das interessiert sie nicht die Bohne. Sie muss m i r was erzählen, nicht ich i h r. Wenn ich schon an einen Infostand komme, muss ich mich schon an die Regeln halten!

Eine Vielzahl von Gesprächen weiter sind auch wir klüger geworden, wie es das Kirchentagsmotto meint, nachdenklich, aber auch begeistert von den Begegnungen, dem Gehörten und Gesehenen. Die Zivilgesellschaft ist ein ganz wichtiger Bestandteil der Gesellschaft, das Engagement dieser vielen guten Menschen, die zum Beispiel auch hier an den Ständen Dienst tun, hält unsere Welt eigentlich erst zusammen. Und hier sind auch die Ideen oder zumindest die Fragen, die helfen, die Welt besser zu verstehen und besser werden zu lassen. Das globale Dorf, von dem im Zusammenhang mit der Digitalen Revolution so oft schon die Rede war, auch hier auf dem Kirchentag ist es aufgebaut. Seine Bewohner sind aufgeschlossen und gastfreundlich, interessiert und lebenszugewandt.

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