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Mein Wort zum Sonntag: Hat uns Gott einen freien Willen gegeben?

Mein Wort zum Sonntag: Hat uns Gott einen freien Willen gegeben?

Von News Team - Sonntag, 06.12.2015 - 11:55 Uhr

Ohne Freien Willen keine Moral, kein Gesetz, kein geordnetes Leben. Wie rechtfertigen Religionen den freien Willen (und damit die Selbstverantwortung) des Menschen?
Gott ist bekanntlich allwissend. Aber wenn Gott alle Fakten kennt, weiß er auch, welche Entscheidung ein Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt treffen wird. Dann aber gibt es keine Alternativen, mithin keine Freiheit. Noch verschärft wird das Dilemma dadurch, dass wir Gott auch als allmächtig sehen. Dann kann Er unsere Geschicke nach Belieben beeinflussen, was zum "Vorsehungsglauben" führt.

Ist alles vorherbestimmt?

Verschiedene Religionen gehen unterschiedlich mit diesem Paradoxon um. Im strengen Protestantismus in der Nachfolge von Augustinus ("Nur ein Gnadenakt Gottes kann uns retten") und Calvin wird ein unabänderliches und unerbittliches Schicksal beschworen. Das aber ließ seine Anhänger nicht in fatalistischem Nichtstun erstarren. Im Gegenteil: Es gab ihnen Kraft und Ausdauer, denn wie Gott es will (oder besser gesagt: schon lange wollte), so kommt es auch. Und so schufen die Calvinisten durch ihren unbekümmerten Fleiß die Grundlagen des Kapitalismus. Die "Prädestinationslehre" finden wir auch im Islam, im Hinduismus, nicht aber im Katholizismus und im Judentum, das stets den Freien Willen und die Verantwortung des Einzelnen betont. Allerdings gab es auch im Islam eine Richtung, die Qadariten (von "qadar" = festlegen), welche die Eigenverantwortlichkeit der Menschen für ihr Tun betonten. Niemand sollte seine Sünden mit der Behauptung rechtfertigen können, dass er dazu gezwungen sei, weil Gott die Sünden vorherbestimmt habe.
Die Prädestinationslehre teilen manche ihrer religiösen Anhänger mit den Physikern. So sagte schon Albert Einstein: "Ich weiß ehrlich nicht, was die Leute meinen, wenn sie von der Freiheit des menschlichen Willens sprechen. Ich habe zum Beispiel das Gefühl, dass ich irgend etwas will; aber was das mit Freiheit zu tun hat, kann ich überhaupt nicht verstehen." Kein Wunder: In der Physik ist alles durch Formeln vorherbestimmt. Ist es aber nicht, wie schon der Mathematiker und Physiker Henri Poincaré um 1900 erkannte. Er schuf die "Chaostheorie", die besagt: Auch wenn exakte Formeln und damit auch exakte Ursachen die Entwicklung der Welt bestimmen, gibt es immer wieder Situationen, in denen die Kräfte eine Situation schaffen, in der Voraussagen infolge der Komplexität der Ereignisse nicht mehr möglich sind. Das "sensible Chaos" hindert uns daran, für alle Zeiten festgelegt zu sein. Und unser Hirn ist fast immer in diesem Zustand!

Wissen macht frei

Zudem ist der Widerspruch zwischen Gottes Allwissenheit und Freiem Willen nur ein scheinbarer, wovon Sie sich durch ein einfaches Gedankenexperiment überzeugen können. Denken Sie an irgendeine wichtige Entscheidung in Ihrem Leben, die mindestens zehn Jahre zurückliegt: Wahl des Studiums, Eheschließung mit einer bestimmten Person, ein Ausflug mit weitreichenden Folgen, Umzug in eine andere Stadt, usw. Nun überlegen sie, wie Sie sich damals mit dem heutigen Wissen der Folgen Ihrer Handlung entschieden hätten. Hätte Ihr Zusatzwissen die Entscheidung in der Vergangenheit beeinflusst? Die Sciencefiction-Literatur beschäftigt sich gern mit diesem Thema unter dem Begriff "Zeitreisen in die Vergangenheit". Wir können das natürlich nur geistig machen.
Je mehr wir wissen, desto bessere können wir uns entscheiden, und die Entscheidung liegt immer noch an uns. Eine Verlagerung der Entscheidung nach außen ist nichts anderes als eine Verlagerung - und damit eine Ablehnung - unserer Verantwortung. Mit anderen Worten: eine billige Ausrede.

1 Kommentar

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Die Gedanken sind frei, könnte man auch sagen. Allerdings ist wohl kaum alles realisierbar, was man will, weil es dazu meist gewisser Resourcen bedarf und die sind ja nunmal in der Regel begrenzt verfügbar.
Letztlich sind natürlich auch die individuellen Gedanken begrenzt, solang man noch von einer endlichen Lebenszeit jedes Einzelnen ausgeht.
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