Wie kommt Geist in die Natur?

Beitrag von wize.life-Nutzer

Das ist eine teilweise Zusammenfassung eines Beitrages von Hedda Hassel Mørch von der Uni Oslo, veröffentlicht in der FAS vom 14.1.2018.

Die Neurowissenschaft hat keine Erklärung, wie aus physikalischen Hirnzuständen Bewusstsein entsteht. Unsere Erfahrung in der ersten Person liegt jenseits traditioneller naturwissenschaftlicher Methoden. Aber nicht nur das Bewusstsein ist ein ungelöstes Rätsel, sondern auch die Materie. Leibniz und Kant rangen mit der Frage, was die physikalische Materie in und aus sich selbst hinter der mathematischen Struktur, wie sie die Physik beschreibt, ist. Auch dieses Problem scheint jenseits der traditionellen Methoden der Wissenschaften zu liegen. Alles, was man beobachten kann, ist, was die Materie tut, nicht aber, was sie in sich ist. Man kennt die „Software“ des Universums, aber nicht die „Hardware“. Beide Probleme könnten aber im Tiefsten miteinander verbunden sein.

Gehirne sammeln nicht nur Informationen und verarbeiten sie. Sie erzeugen auch vielerlei Gefühle, z. B. sich hungrig fühlen oder verblüfft sein. Es fühlt sich irgendwie an, man selbst zu sein, und niemand wird das je so direkt wissen, wie man selber. Woher kommt nun dieses Bewusstsein? Die Naturwissenschaft hat gute Gründe dafür, dass das Bewusstsein in der Physik und der Chemie unseres Gehirns gründet und nicht in etwas Immateriellen oder Transzendentem. Danach braucht man nur Materie in bestimmter Weise zusammenzusetzen, wie das im Gehirn geschieht, dann entsteht Bewusstsein. Aber die Frage, wie Bewusstsein herauskommt, wenn man unbewusste Materie zusammensetzt, bleibt offen.

Die Lösung dieses Problems ist deshalb so schwierig, weil sie sich dem Experiment prinzipiell entzieht. Immer ausgetüfteltere Experimente und immer weiter fortgeschrittene Visualisierungen der Neuronen ermöglichen immer bessere Zuordnungen von bestimmten Erfahrungen zu bestimmten Gehirnzuständen, aber das Erscheinen von Bewusstsein aus rein physischer Komplexität bleibt unerklärt. Das Problem des Bewusstseins bliebe bestehen, auch wenn man jede vorstellbare Art physischer Details kennen würde. Die Physik kann im Prinzip alles sagen, was über Materie gewusst werden kann. Die Physik lehrt, was fundamentale Teilchen tun und wie sie sich zu anderen Dingen verhalten Aber sie sagt nichts darüber, wie sie in sich selber sind, unabhängig von anderen Dingen.

Ladung zum Beispiel ist die Eigenschaft, Partikel mit der gleichen Ladung zurückzuweisen und Partikel mit gegensätzlicher Ladung anzuziehen. Ladung ist also eine Weise, sich auf andere Partikel zu beziehen. Masse ist die Eigenschaft, auf angewandte Kräfte zu reagieren und andere Partikel über die Gravitation anzuziehen. Auch die Festigkeit von Teilchen ist nur das Verhalten, das nötig ist, um das Eindringen oder Überlappen anderer Teilchen zu verhindern. Offenbar können alle fundamentalen physischen Eigenschaften mathematisch beschrieben werden. Nach Galilei ist das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben. Doch diese Sprache hat Grenzen: Sie kann nur abstrakte Strukturen und Relationen beschreiben. Von Zahlen kann man nur wissen, wie sie sich zu anderen Zahlen und mathematischen Objekten verhalten, indem sie den Gesetzen der Addition, der Multiplikation usw. folgen.

Die Frage bleibt, wie physikalische Artikel unabhängig von dem sind, was sie tun oder wenn sie sich auf andere Dinge beziehen, wie sie in sich selbst, also „intrinsisch“ sind. Die Physik beschreibt also nicht die „Hardware“ des Universums, also den wirklichen konkreten Stoff, sondern die „Software“, die logische und mathematische Struktur.

Für das Bewusstsein gilt im Prinzip das Gleiche. Je mehr physikalische und chemische Details des Gehirns gesammelt werden, desto mehr Struktur wird erkannt. Das Problem der Materie an sich kann auf diese Weise nicht gelöst werden, vielmehr bedarf es dazu nicht-strukturelle Eigenschaften, und das Bewusstsein ist der einzig bekannte Kandidat dafür. Es ist voll von qualitativen Eigenschaften, der „Rotheit“ von Rot, dem Unbehagen am Hunger. Diese „Qualia“ können zwar auch Strukturen haben, aber sie sind mehr als diese Struktur: Wir wissen, wie bewusste Erfahrungen an sich selber sind und nicht nur, wie sie funktionieren und sich zu anderen Eigenschaften verhalten. Man stelle sich jemanden vor, der nie einen roten Gegenstand gesehen hat und dem niemand je erzählt hat, dass es die Farbe „Rot“ überhaupt gibt. Diese Person weiß also nichts darüber, wie sich Rotheit zu Gehirnzuständen verhält oder zu physikalischen Gegenständen wie Tomaten oder zu den Wellenlängen des Lichts. Sie weiß auch nicht, wie sie sich zu anderen Farben verhält, dass es beispielsweise Orange ähnelt und vollkommen verschieden von Grün ist. Eines Tages halluziniert diese Person spontan einen großen roten Fleck. Die Person lernt nun, wie sich Rotheit anfühlt, auch wenn sie die Relation zu anderen Dingen nicht kennt. Das Wissen, das sie erwirbt, ist nicht-relationales Wissen.

Das legt nahe, dass Bewusstsein in einer rudimentären Form die Hardware ist, auf der die Software, die von der Physik beschrieben wird, läuft.
Ein Elektron zieht andere Entitäten an oder stößt sie ab und bezieht sich auf andere Weisen auf sie entsprechend fundamentaler physikalischer Gleichungen. Warum? Es könnte sich dabei um einen winzigen Strom von Elektron-Erfahrungen handeln. Elektronen und andere Teilchen könnte man sich als mentale Wesen mit physikalischen Kräften vorstellen.

Leibniz und Russel folgten dezidiert der naturwissenschaftlichen Rationalität, wie man aus ihren diesbezüglichen Texten ersehen kann. Sie gingen aber auch davon aus, dass das Bewusstsein wirklich und einzigartig ist und forderten einen radikalen Wandel des Denkens. Die Neurowissenschaftler nehmen häufig an, dass das Bewusstsein die Software ist und das Gehirn die Hardware. Es könnte nun genau umgekehrt sein: Die Physik gibt nur die Software, eine große Menge von Relationen bis hinab in die unterste Ebene. Bewusstsein ist aber mehr als das wegen seiner eindeutig qualitatven nicht-strukturellen Eigenschaften.
Dann erübrigt sich die Frage, wie Bewusstsein aus nicht bewusster Materie entsteht; denn alles Materielle ist bereits bewusst. Auch erübrigt sich die Frage, wie Bewusstsein von Materie abhängt, denn die Materie hängt vom Bewusstsein ab, wie Relationen von den Relata abhängen oder die Software von der Hardware.

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