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Von der Komplementarität des Seins

21.07.2018, 14:30 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Von der Komplementarität des Seins

Als ich vor ein paar Tagen das Video „Wissen und Glauben“ von Prof. Dr. Ernst-Peter Fischer hörte, dessen Vortrag immer spannender ist als ein Krimi, faszinierte mich ganz besonders e i n Gedanke:

Er sagt, Wissen und Glauben seien ineinander verschränkt. Er nennt das die Komplementarität des Seins und besteht darauf, dass immer ZWEI zu einer EINS gehören, dass sich Ek-stase (AUSSER -sich-sein) immer dann einstellt, wenn man IN einer Sache steckt, ob es sich um Erkenntnisse, kreative Prozesse oder Erotik handelt.
Zur Physik gehöre immer die Metaphysik!

Könnte das vielleicht die Weltformel schlechthin sein? Könnte man sie so verkürzen, dass sie von jedem verstanden und zeitlebens erinnert werden könnte?
Ich schlage 6 Worte vor, in eine mathematische Gleichung gezwungen: Außer sich sein = in etwas sein. Sie sind enttäuscht? Sie denken in die falsche Richtung? Ihr Denken ist blockiert?

Ich versuche es erneut, so zu präzisieren, dass sie meinen Rausch oder meine Ek-stase beim ersten Hören dieser Erkenntnis besser nachvollziehen können.

Die Präzisierung sollte ich eher zu einer Veranschaulichung machen, denn heute ersetzt man das eigene Denken gern durch Bilder. Die Welt ist ein optisches Erlebnis geworden. Wer nicht gesehen wird, existiert gar nicht mehr. Den Selfies sei Dank!

Also ich fange mit einem BILD an:
Mit dem einfachsten schlechthin, einem Bild aus der Küche. Hier fühlen sich ja auch die Männer zunehmend zu Hause.
Es geht um eine Flasche mit Olivenöl, deren Verschluss sich weigert, den Inhalt zur Verfügung zu stellen. Mit brutaler Gewalt lässt sich nicht viel erreichen. Techniker haben die Flasche sicher stundenlang angestarrt, sich sozusagen in dieses Problem versenkt, bis etwas in ihrem Gehirn AUFBLITZTE. Es ging ihnen ein Licht auf, sagt die schöne deutsche Sprache. Und in der Tat: es ist ein Instrument ent-deckt worden, eine Schere, die sich am Verschluss ankrallen und ihn in die richtige Richtung bewegen konnte.

Der Techniker ging buchstäblich in das Problem hinein, er vertiefte sich in die Beschaffenheit des Verschlusses und aus dem Dunkel des Nicht-Wissens traf ihn der Blitz der Erkenntnis.! Und er war AUSSER SICH vor Freude, vor Triumph, vor Glück ( endlich dieses native Öl kosten zu können).

IN etwas sein  AUSSER sich sein

Ein zweites Beispiel für etwas anspruchsvollere Leser:
Ein Musiker zieht sich seinen besten Anzug an, weil er spürt, er müsse jetzt ein paar Noten schreiben.
Es überfällt ihn regelrecht, er kann an nichts anderes denken, er vergisst unwichtige Handlungen, die sonst zu seinem täglichen Leben gehören, er setzt sich hin und schreibt in vier Stunden ein Geigen-Konzert.
Staunend betrachtet er sein Werk, außer sich vor Glück, denn „Gott sprach durch ihn“.

Ein drittes Beispiel aus der Literatur, sogar ein historisch belegtes:
Rainer Maria Rilke sagte, seine Gedichte würden ihm „diktiert“. Hatte er einen Sekretär? Nein, er hörte sie einfach im Inneren seines Kopfes, und es musste nach außen treten. Der Rausch geistiger Schöpferkraft setzte kurz danach ein. Aus der Versenkung nach innen entstand die Ekstase des schöpferischen Menschen.

xxx

Das schönste Beispiel, das vielleicht nicht einmal Ernst Peter Fischer bekannt ist , soll den Beitrag abrunden.

Es geht um Meditation.

Ich erinnere mich an eine Mitschülerin am Hölderlin-Gymnasium in Heidelberg, die dieses Wort „Meditation“ in den Fünfziger Jahren erwähnte. Ich kannte es gar nicht. Da gab es noch keine Hippie-Bewegung, keine Blumenkinder, keine Hare-Krishna-Jünger auf den Straßen. Man lachte damals über Meditation.

Später brachte dieser seltsame indische Meister die Transzendentale Meditation in den Westen, scheffelte Geld damit, brachte aber sogar die störrischen Wissenschaftler dazu, sich mit der Sache zu befassen und sie sogar positiv zu bewerten.
Plötzlich wurde Meditation zu einem gepflegten Hobby.

Man ging eben ins Innere , zumal die verlockende Außenwelt zu viele Reize anbot. Man versprach sich eine bessere Gesundheit, einen niedrigeren Blutdruck, aber die wenigsten wissen bis heute, was Meditation eigentlich ist und welche Methode ungefährlich und zielführend ist

Was sie aber ist, steht zweifelsfrei fest: Sie führt ins Innere des Menschen.
Und sie ist seit Jahrtausenden der Königsweg zur Erleuchtung, jener ekstatischen Erfahrung, die jene beschrieben haben, die sie erlebt haben, die aber alle stammelnd feststellen, dass sie gar nicht mit Worten beschrieben werden kann.
Die alten Inder nennen sie sat-cit-ânanda, was soviel heißt wie Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit.
Westliche Meister sprechen von der Ausweitung des persönlichen in das absolute Bewusstsein, und David Hawkins ist vielleicht einer der besten westlichen Mahatmas, der sie in seinen vielen, auch ins Deutsche übersetzten Werken immer wieder ekstatisch beschreibt.

IN etwas sein  AUSSER sich sein.

xxx

Die Erkenntnis von Ernst Peter Fischer, dass die tiefe Versenkung in ein wissenschaftliches Problem, in die Welt der Kunst, in das menschliche Bewusstsein Ekstase und Glück in höchster Potenz generiert, ist ein Meilenstein auf dem Weg zur Meisterschaft des Lebens.

Übrigens erwähnt er auch, dass im Bereich der Erotik dasselbe Gesetz wirkt. Ich füge das ganz zuletzt hinzu, da Sie, vom Lesen des Textes schon ein wenig erschöpft, das sicher doch noch problemlos verstehen werden.

© ez

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23 Kommentare

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Interessante Betrachtung. Ob es aber verstanden wird?
  • 22.07.2018, 10:07 Uhr
Von einigen sicher, Lina - für mich ist die Entdeckung dieses Wissenschaftlers ein Höhepunkt dieser heißen Sommerwochen, und ich kann nun meditative Erfahrungen neben andere stellen, also generalisieren.-
Da ist Fischer besonders stark. Er zählt nicht nur auf, er durchdringt die Masse von Einzelheitern und e r k e n n t.
  • 22.07.2018, 10:12 Uhr
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Das Glück kreativer Zeit u.a. beim Schreiben eines Liedes oder natürlich auch solches im Zusammenhang mit Liebe kenne ich auch. Nur auf die Idee, daraus einen so komplizierten Begriff wie den im Beitragstitel abzuleiten, bin ich noch nicht gekommen.
  • 21.07.2018, 16:27 Uhr
PS: Ich bin in glücklichen Momenten bzw. Phasen voll bei mir und in mir und nicht irgendwo außer mir. Ok, in solchen Zeiten ist mir innen und außen auch sehr egal. Vielleicht meint er das.
  • 21.07.2018, 16:34 Uhr
Knight, du kennst aber sicher das Verb "komplettieren = vervollständigen". Das ist einfach das Substantiv davon, und da FIscher es so bezeichnet hat, habe ich es übernommen.

Im Übrigen - das habe ich im Beitrag vergessen zu erwähnen - ist diese Bipolarität in der ältesten Philosophie b ei Konfuzius und Laotse bekannt gewesen, das Yin/Yang.
Das Passive und Aktive, Weibliche und Männliche, nach innen Gehende und nach außen Wirkende ... aber so fasziniert hat mich nur FIscher
  • 21.07.2018, 16:37 Uhr
Komplementarität im Zusammenhang mit Menschen ist schon für mich ungewöhnlich als Denkansatz. Dass Menschen in sich widersprüchlich sein und so auch agieren können, ist mir wohl bewusst.
Komplettieren würde ja Unvollständigkeit voraussetzen und für mich ist der Mensch komplett. Mag sein, es ist ihm nicht immer bewusst.
  • 21.07.2018, 16:44 Uhr
Nein, da muss ich dir widersprechen. Ich finde, jeder hat Schwächen, d.h. jeder ist unvollständig. Mein Mann war technisch hochbegabt, Gottseidank!

Alle unsere Berufe haben es damit zu tun, Unvollkommenheit zu beseitigen oder abzumildern: Lehrer, Ärzte, Anwälte etcetcetc.
  • 21.07.2018, 16:57 Uhr
Ok, man kann es so betrachten. Natürlich hat jeder spezielle Talente und anderes liegt ihm weniger. Dabei geht es jedoch immer um diverse Fähigkeiten und heißt für mich nicht, dass der Mensch als ganzes unvollständig ist.
  • 21.07.2018, 16:59 Uhr
Ich kann deinen Standpunkt absolut schätzen.
Wenn ich einem Menschen begegne, sehe ich ihn als M e n s c h ohne abfällige Bewertung.

Wenn ich aber generell über den Menschen der Gegenwart in diesem Land spreche, dann sehe ich durchaus Defizite.
  • 21.07.2018, 17:07 Uhr
Es fällt mir im täglichen Leben auch schwer, immer den Menschen insgesamt und nicht nur diverse seiner Eigenschaften zu betrachten.
  • 21.07.2018, 17:08 Uhr
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Danke für Deinen Beitrag liebe Edith.
Paßt gerade wunderbar
Hab eben mit einer Freundin telefoniert, die u.a. ein philosphisches Cafe moderiert. Sie hatten diese Woche das Thema "ich weiß, dass ich nichts weiß"
Hab ihr natürlich von den eingestellten Dateien erzählt und sie ist schon ganz heiß darauf, sie zu lesen. Werd ich ihr natürlich schicken.
So zieht das Leben und ein Thema seine Kreise.............
Schönes Wochenende nach Heidelberg aus dem Böhmerwald
  • 21.07.2018, 15:51 Uhr
Erika, das freut mich sehr! Ja, ich staune auch immer wieder über die vielen Koinzidenzen - oder die Kette der HINWEISE: ich finde zufällig ein Video, das mich tröstet und mir eine neue Einsicht schenkt.
Ich kaufe mir 3 Bücher sofort, entdecke einen Hinweis, dass der Autor an der Uni HD lehrte. Suche das Erscheinungsjahr: 2014. Schaue im Telefonbuch und finde heraus, dass Ernst Peter Fischer im selben Stadtteil (Neuenheim) von Heidelberg wohnt wie ich!!!

Das erinnert mich an einen Staffellauf ...
  • 21.07.2018, 16:44 Uhr
Und, wie ich gelesen habe, kennt ihn eine Nutzerin hier, mit der Du sicherlich befreundet bist.
Im Leben kommt es immer so, wie es für uns gut ist.
Wenn wir offen dafür sind.
So meine unwissenschaftliche Erklärung für mich selbst.
  • 21.07.2018, 16:56 Uhr
Ja, Heidi P. kennt ihn: Ich kenne sie nur als wize.life Userin.

Das ist auch meine Erfahrung, dass wir, wenn wir dem Leben offen gegenüber stehen, das erhalten, was wir im Moment brauchen.

Gruß an Deine Freundin - super, ein Philosophen-Café
  • 21.07.2018, 17:02 Uhr
werd ich ausrichten. Sie hat inzwischen auch die Ausbildung an der Uni Wien gemacht um mit Kindern im Unterricht Philosophie im Alltag zu "betreiben". Und sie berichtet immer von herrlichen, eigentlich natürlichen, Schlussfolgerungen der Schüler. Ein wunderbares Thema. Finde ich.
Das gibt es bei Dir doch bestimmt auch.
Da bin ich mir fast sicher, in einer Universitätsstadt wie Heidelberg.
https://ooe.orf.at/news/stories/2845479/
  • 21.07.2018, 17:11 Uhr
Grad gelesen: "Kennen" ist übertrieben, er war der Freund des verstorbenen SChwiegervater meiner Tochter, hier in KN. Ich glaube aber nicht, dass er mich groß wahrgenommen hat. Ich weiß aber, wo alle seiner Bücher, für mich zum Ausleihen stehen. (und außerdem habe ich ein paar Jahre lang in einem Steuerbüro seine Steuererklärung gemacht, durfte aber nicht in Erscheinung treten, dass es so aussah, als sei der Chef persönlich am Werk gewesen)
Zu einem Kommentar zum Thema selbst muss ich erst noch ein wenig nachdenken.
  • 21.07.2018, 17:37 Uhr
Ich habe nun beide Teile angeschaut. Fischer zitiert Johannes Kepler, der bei der Arbeit an den Planetengesetzen (die das geozentrische Weltbild und die Annahme, dass Götter keine Ellipsen kennen, völlig auf den Kopf stellten), eine "heilige Raserei" verspürt habe.
Würde Kepler heute leben, würde er das bestimmt auch anders ausdrücken, etwa mit Ehrfurcht und Staunen vor der Schöpfung.
Völlig in einer geliebten Arbeit aufzugehen, ist auch möglich, wenn man einen Tisch zimmert oder ein Essen kocht - es hat etwas Meditatives, was ich persönlich aber fast als Normalzustand sehe.
Wenn das Meditative mehr und mehr im Leben Platz nimmt, würde man es gar nicht aushalten, wenn sich dabei Ekstase oder "heilige Raserei" einstellten.
  • 21.07.2018, 18:17 Uhr
Das ist eindeutig - wenn sich das erste Mal eine solche bewusstseinserweiternde Erfahrung einstellt, ist kein Weiter So möglich.

Dann erfolgt meist erst ein Rückzug (David Hawkins) .

Dennoch: Nichts ist wichtiger, als sich diesem Ziel anzunähern, ohne das ZIel bewusst anzustreben.Klingt paradox, aber das leuchtet mir ein.

Im Übrigen: ich habe keine regelmäßige Meditationspraxis, hatte das aber vor vielen Jahren einmal, allerdings im Zusammenhang mit der ARKAN SCHULE in Genf.
Jetzt lebe ich total spontan.
  • 21.07.2018, 18:24 Uhr
Das erinnert mich grad an eine Stelle im Hesse-Siddhartha, wo er seinem Freund Govinda das mit dem Suchen und Ziel erklärt. Kann sie aber nich spontan zitieren.
  • 21.07.2018, 18:42 Uhr
Edith, Was deinen ersten Satz betrifft: Es gibt einen schönes Buch mit vielen Erleuchtungserfahrungen von Jack Konrnfield: "Nach der Erleuchtung Kartoffeln schälen und Wäsche waschen".
Sicher - ein solches Erlebnis macht zunächst einmal euphorisch - und man freut sich, wenn es sich wiederholt.
Aber es ist nicht alltagstauglich, es sei denn, man beschließt, sein weiteres Leben in einem kontemplativen Kloster zu verbringen.
  • 21.07.2018, 18:44 Uhr
Das wäre echt die hohe Kunst. So etwas im Alltag zu leben konsequent.
Aktuell bin ich mal wieder nahe an einem solchen Zustand.
  • 21.07.2018, 18:46 Uhr
So ist es, Heidi - und wenn die Erfahrung integriert ist, leben sie meist ruhig und unkenntlich unter uns.
Aber sie können die Atmosphäre einer ganzen Stadt positiv verändern. DAS ist das Entscheidende.
  • 21.07.2018, 19:33 Uhr
na ja, mir reicht schon mein persönliches Umfeld
  • 21.07.2018, 19:46 Uhr
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