Missionierung - Begriffsklärung

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Missionierung – Begriffsklärung


Das Wort 'Mission' geht auf lat. missio = das Schicken, die Entsendung zurück (DUDEN, Etymologisches Wörterbuch) und wurde im 16. Jh mit dieser Bedeutung in die deutsche Sprache aufgenommen.
Es folgten schnell die davon abgeleiteten Wörter 'Missionar', 'missionieren' und 'Missionierung'.

Missionierung betreibt also ein Gesandter, der die Aufgabe hat, andere zur Nachfolge eines vorgestellten (religiösen) Inhalts zu bewegen.

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Da sich im Neuen Testament die Christusworte „ Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.“ (Mark 16,15) finden, haben Christen aller Zeiten dies als einen Auftrag empfunden.
Vorfahren von Hermann Hesse z.B. sind als christliche Missionare nach Indien aufgebrochen.
Kerala, die Provinz im SW des Landes, wird immer als Vorzeigemodell für gelungene Missionsarbeit angeführt. Hier gibt es keine Hungersnöte, ein ausgezeichnetes Schulsystem, die niedrigste Zahl von Analphabeten in ganz Indien.

Eine persönliche Erfahrung in Indien war für mich oft die Reaktion auf die Frage nach meinem Herkunftsland. Wenn ich Deutschland nannte, lächelte man erleichtert.
Obwohl englische Missionare sehr viel dazu beigetragen hatten, ein aufwendiges Verkehrsnetz zu bauen und vorzügliche Bildungseinrichtungen zu schaffen, empfand man sie als „Herren“ und sich selber als gedemütigt.

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Findet in den Sozialen Netzwerken Missionierung statt? Wenn Heidi Klum z.B. Fotos einstellt und von 45 000 Followern spricht, ist das Missionierung? Gibt sie vielleicht die Botschaft weiter: „Bleibt ewig jung, genießt euer Leben, verkauft euch meistbietend?“
Enthält nicht jedes Selfie, jedes Video eine Botschaft? Und ist das dann nicht eine „Auto-MIssionierung“?

Stellt z.B. jemand bei wize.life einen Beitrag ein, so macht er das vor allem, weil er mit anderen in ein Gespräch kommen möchte.
Macht er das mit einer besonderen Leidenschaft, so sollte das unter 'pädagogischem Eros' vermerkt werden.
„In dir muss brennen,was du in anderen entzünden willst.“ (Augustinus)
Man sollte auch gar nicht ausschließen, dass sich der Verfasser eines Beitrags darüber freuen würde, wenn sich jemand nach der Lektüre des Beitrags über Khalil Gibran mit dem Dichter befassen würde. Ist das Missionierung? Nein.

Würde der Autor darauf bestehen, dass der Leser sich mit diesem Thema befasst – unter Androhung schlimmer Konsequenzen, wenn er das nicht täte, dann wäre das der Versuch einer Missionierung!

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Wer andere auffordert, seine Weltanschaung oder seine Lebensphilosophie zu ändern, ist ein M i s s i o n a r.
Wer anderen öffentlich von seinen Erfahrungen egal wo, egal wie und egal in welchem Bereich berichtet, ist ein E r z ä h l e r oder Berichterstatter.
Wer anderen eine Handcreme vorstellt und sie verkaufen möchte, macht W e r b u n g.

Missionierung und Werbung gleichen sich darin, dass sie eine mehr oder weniger versteckte A b s i c h t verfolgen: eine andere Person zu beeinflussen.
Dies kann durchaus positive Wirkungen haben, negative sind nicht auszuschließen.

Berichte, Erzählungen, Romane, Bilder, Kunstwerke aller Art beeinflussen natürlich auch den, der sich ihnen nähert.
Dieser Einfluss ist allerdings subtiler, er geht vom Werk aus, wird vom Einzelnen zugelassen und manchmal gar nicht bemerkt.

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Wer anderen in den Sozialen Netzwerken aktive Missionierung unterstellt, sollte diese Behauptung beweisen müssen. Denn er wirft ihm fraglos einen Macht-Missbrauch vor.

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