Weisheit
Weisheit

Jahrtausende sind vergangen

Beitrag von wize.life-Nutzer

Tausende von Katstrophen und Kriegen haben ganze Länder und Landschaften zerstört. Die Kulturen haben gewechselt von Jahrhunderten zu Jahrhunderten, nur die menschliche Natur hat sich in all der Zeit nicht geändert. Die Weisheit seit Epikur keinen Schritt vorwärts gemacht hat, sondern eher tausend Schritte zurück. Diese Einsichten sind keineswegs veraltet. Die menschliche Natur hat sich in all der Zeit nicht geändert. Die inneren Bedürfnisse und Sehnsüchte der Menschen, ihre Ängste und Sorgen, das Selbst, die ‚Buddha-Natur‘ sind gleichgeblieben. Modern gesprochen: Die neuronalen und biologischen Gehirnfunktionen laufen immer noch nach denselben Gesetzmäßigkeiten ab wie im Altertum, mag sich auch alles Äußere geändert haben. Zur Beschreibung, was zu einem ‚guten Leben‘ gehört, haben die großen Denker des Altertums immer wieder bestimmte Qualitäten genannt: innere Ausgeglichenheit, Selbsterkenntnis, Authentizität, Selbstbestimmtheit, Aufrichtigkeit, Achtsamkeit, Mitgefühl, Zugewandtheit, Genügsamkeit, Heiterkeit, Gelassenheit, ein maßvolles Leben. Oder sie sagten, dass wir ein ‚gutes Leben‘ führen, wenn wir uns befreit haben von Ängsten, Sorgen, Zorn, Hass, innerer Zerrissenheit, Unruhe, Getrieben sein, Neid, Gier, Selbstsucht, Überheblichkeit, Geltungssucht. Sie bezeichneten diese Formen menschlichen Leidens als ‚Krankheiten der Seele‘, die wir mit einer von Weisheit geleiteten Übungspraxis ‚heilen‘ können. Weise Lebensführung führt zur Gesundheit der Seele. Die Gesundheit der Seele aber war Synonym für ein ‚gutes Leben‘, für Glück: „Weisheit ist Glück“, sagte Sokrates. Philosophie in diesem Sinne war ‚Seelenheilkunde‘. Es muss nicht betont werden, dass dies alles leichter gesagt als getan ist. Es bedarf einer kontinuierlichen Arbeit an sich selbst, um im Leben Fortschritte zu erzielen: „Um richtig leben zu lernen, braucht es das ganze Leben“ (Seneca). Ist Moral angeboren? Der Mensch ist das einzige Tier, das zwischen Gut und Böse unterscheiden kann die meisten Philosophen waren und sind dieser Ansicht. In der Geschichte der abendländischen Philosophie ist die Fähigkeit zur Moral fast überall eine Sache der menschlichen Vernunft. Zweifel daran hatten die angelsächsischen Philosophen David Hume und Adam Smith. Für sie war Moral in erster Linie ein Gefühl. Durch ungezählte Versuche mit Affen und Menschenaffen wissen wir heute, dass auch unsere nächsten Verwandten so etwas haben wie moralische Gefühle. Im Wesentlichen sind es drei Bausteine der Moral: die Fähigkeit zum Mitgefühl, eine Tötungshemmung und ein elementares Gespür für Fairness. Alles drei findet sich bei Affen ebenso wie bei Menschen aller Kulturen. Die Grundlage der Moral sind demnach angeborene Fähigkeiten, unser Mitgefühl zum Beispiel basiert auf den Anfang der 1990er Jahre entdeckten Spiegelneuronen. Es sind Nervenzellen im Gehirn, die es ermöglichen, uns in die Gefühle anderer Menschen hineinzuversetzen. Wir wissen heute, dass unsere moralischen Gefühle eine sehr große Rolle spielen für unsere moralischen Überlegungen. Fast immer nämlich entscheiden wir instinktiv darüber, was wir für gut oder böse halten. Das größte Thema unserer Zeit ist die Liebe. Über nichts anderes gibt es so viele Bücher, Lieder oder Filme. Aber wie erklären sich Lust, Verliebtheit und Liebe? Glaubt man den Meldungen auf den Wissenschaftsseiten der Zeitungen, dann ist die Liebe eine Frage chemischer Kampfstoffe und Hormone im Dienste unseres biologischen Auftrags zur Fortpflanzung. "Sage mir, welchen Hormonpegel du hast, und ich sage dir, wie du liebst!", lautet die Verheißung. Tatsächlich aber lässt sich die romantische Liebe nicht mit Hormonen, Boten- und Bindungsstoffen erklären. In wen wir uns verlieben, ist ebenso eine Frage von Kindheitserfahrungen wie von gesellschaftlichen Umständen. Und unsere biologische Sexualität hat mit unserem Verlieben und unseren Liebesbeziehungen nur sehr entfernt etwas zu tun. In der romantischen Liebe suchen wir nicht die Fortpflanzung, sondern Aufregung, Verständnis und einen Spiegel für unsere Identität. Brauchen wir Eigentum? Wir erwerben Dinge, die wir nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen, mit Geld, das wir häufig gar nicht haben. US-amerikanische Glücksökonomen haben herausgefunden, dass ab einem Pro-Kopf-Einkommen von 20.000 Dollar das Glück nicht mehr proportional zum Einkommen ansteigt. Trotzdem werden wir das Suchtverhalten, unser Ich mithilfe materieller Dinge erweitern zu wollen, nicht los. Wenn wir Verluste fürchten, sollten wir uns klarmachen, dass alles nur ‚geliehen‘ und vergänglich ist, dass Besitz, Arbeitsplatz, gesicherte Stellung, Freunde, Lebenspartner ‚kommen und gehen‘ können. Wir sollten lernen, nicht zu stark anzuhaften: „Das Werden und Vergehen wählt der, der dieses Leben wählt“ (Platon). Je mehr wir klammern, umso verletzlicher werden wir. Wir sollten uns darin üben, dass, was wir nicht ändern können, gelassen zu ertragen. Wir sollten es machen wie die Seeleute, die nicht Wind und Wetter ändern, sondern ihr Segel setzen (Teles). Seitdem ich den Ausspruch „Achtsam zuhören und nicht viel reden“ (Kleobulos) kenne, übe ich mich darin, weniger von mir zu reden und mehr Aufmerksamkeit meinem Gegenüber zu widmen. Das ist viel interessanter, als sich selbst zuzuhören. Ich kann das für ein gutes Leben hier nur anreißen, aber versichern, dass ich das und einiges mehr selbst ausprobiert habe und es weiter tue, weil es mein Leben bereichert. Viele Menschen stellen sich heute die Frage nach dem Sinn des Lebens. Dass wir überhaupt danach fragen, ist nicht selbstverständlich. Im Mittelalter etwa gab es noch eine klare Antwort: "Lebe so, wie Gott es dir vorschreibt." In der heutigen Welt erscheint uns dagegen nur noch wenig vorgeschrieben. Aus diesem Grund sind wir Suchende. Doch welche Art von Antwort erhoffen wir uns? Meine Meinung: „Besser das Leben ist sinnlos, als dass es einen Sinn hat, dem ich nicht zustimmen kann." Einen objektiven Lebenssinn sollten wir also weder erwarten, noch sollten wir uns einen wünschen. Und vielleicht ist es im Grunde auch viel schöner, dass wir in der Sinnfrage eine gewisse Wahl haben, selbst wenn sie uns manchmal verzweifeln lässt. Ein Minimum an Sinn könnte in dem liegen, was Leo Tolstoi einmal gesagt hat: "Das Glück besteht nicht darin, dass du tun kannst, was du willst, sondern darin, dass du immer willst, was du tust."

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