Die Bhagavadgita - der Gesang des Erhabenen

Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Bhagavadgita – der Gesang des Erhabenen

Als Studentin begegnete ich auf den Straßen Heidelbergs oft den sog. Hare-Krishna-Jüngern, die ein kleines Buch an Passanten verteilten: die Bhagavadgita.
Das exotisch klingende, fünfsilbige Wort sagte mir damals nichts.
Die Erinnerung daran verblasste mehr und mehr, und erst, als ich Jahrzehnte später erfuhr, dass das kleine Buch eigentlich die „Bibel der Inder“ sei, dass sie n a c h der Bibel das am meisten übersetzte Buch auf der Welt sei, dass sie 200 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung geschrieben wurde – 700 Doppelverse in der uralten Sprache des Sanskrit – las ich den Text in englischer Übersetzung, der von Millionen Menschen auf der Welt gesungen, gehört, gelernt und kommentiert, gebetet und meditiert wird.
Und zu meiner großen Überraschung verstand ich dieses „Lied Gottes“ besser als das „Wort Gottes“ der christlichen Bibel.

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Die erste Übersetzung vom Sanskrit ins Englische geschah 1785 durch Charles Wilkins.
1823, also in der deutschen Romantik, waren es die zwei Schlegel-Brüder, die die erste kritische Ausgabe herausbrachten.
Wilhelm von Humboldt studierte Sanskrit und „dankte Gott“, dass er dieses inspirierte Werk habe lesen dürfen. Er nannte es „die vielleicht tiefste und erhabenste Wirklichkeit, welche die Welt uns bieten kann.“ (S. 11)

Mahatma Gandhi sagt, er finde „einen Trost“ in der Bhagavadgita, den er „selbst in der Bergpredigt vermisse.“ (S. 14).

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Die Gita ist Teil des riesigen Epos Mahâbhârata, das aus 90 000 Versen besteht und dessen Autor Vyasa sein soll. Diesem geradezu gigantischen Werk sind 18 Kapitel entnommen, die als Gîtâ (= Gesang, Lied) bezeichnet werden.
Inhalt ist „der große Krieg der Bharatas“, die in zwei Familien gespalten sind: die Kauravas und Pandavas. Zwei Brüder mit ihren Abkömmlingen führen gegeneinander Krieg.

Für Leser, die keine spirituellen Interessen haben, ist das Ganze lediglich Schilderung eines Familienkrieges. Aber das Geschehen lässt sich auf mehreren Ebenen erfassen und deuten.

Der zentrale Kern ist das Gespräch zwischen Krishna, einem Avatar, und Arjuna, der vor der Schlacht gegen seine Verwandten von Zweifeln und Angst überwältigt wird und Rat einholen möchte.
Arjuna, der Mensch in einer äußerst sensiblen Situation, bekommt nun von Krishna, dem Verkünder der göttlichen Lehre, Ratschläge:

„Was wirklich ist, kann nicht das Sein verlieren...
Die Seele wird nicht geboren und stirbt auch nicht...
Dieser Bewohner im Körper eines jeden Menschen ist ewig und unzerstörbar. Darum solltst du um keiner Kreatur willen Kummer empfinden...
Du hast ein Recht auf das Handeln, aber nur auf das Handeln an sich, niemals auf dessen Früchte …
Der Mensch, dessen Selbst im Yoga gegründet ist, erkennt das Selbst in allen Wesen und alle Wesen im Selbst.
Wer Mich überall erkennt und alles in Mir, ihm gehe Ich nicht verloren, und er geht Mir nicht verloren...
Wer frei ist von Ichhaftigkeit, Freundschaft und Mitgefühl mit allen Wesen hat und keinem lebendigen Geschöpf mit Hass begegnet, wer von ruhigem Gleichmut erfüllt ist gegenüber Freud und Leid, wer geduldig ist und vergibt, wer wunschlos zufrieden ist und sich ständig selbst beherrscht … der ist mir lieb...
Ich wohne im Herzen aller. Aus mir stammen das Gedächtnis und das Wissen und deren Abwesenheit. Ich bin in der Tat der Kenner der Vedas und der Verfasser des Vedantas...
Es gibt zwei spirituelle Wesen in dieser Welt: den Unwandelbaren und den Wandelbaren. Der Wandelbare ist zu allen diesen Wesen geworden. Das hoch erhabene Bewusstsein des Zustands des Brahmans wird der Unwandelbare genannt.....“

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Arjuna, der Wagenlenker, ging nach der Unterweisung gestärkt in die Schlacht und wurde zum Sieger.
Aber das ist nur der Rahmen für ein denkwürdiges Gespräch zwischen Arjuna, einem Menschen, und Krishna, der sich als der Erhabene bezeichnet.
Dieser enge Kontakt zwischen dem Wirklichen und Unwirklichen, der keine Brückenbauer braucht, beschwört eine Nähe herauf, die sich jeder Gläubige wünschte.

Literatur:
„Die Bhagavadgita in der Übertragung von Sri Arobindo“, 1992 (Herder).

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