Liebe zwischen den Welten - ein Märchen

Beitrag von wize.life-Nutzer

Sie kam auf ihn zu, als würde sie ihn schon seit Jahrmillionen kennen. Wie eine züngelnde Feuerlohe war ihr Sari, orangefarben, mit goldenen Fäden durchwirkt. Eine breite goldene Kette lag um ihren Hals, und goldene Reife umschlossen ihre Hand- und Fußgelenke. Ihr Haar war blauschwarz und reichte auf die schmalen Hüften hinab.

Sie kam auf ihn zu, als würde sie ihn schon seit Jahrmillionen kennen. So nahe waren ihre beiden Augen, dass sie ineinander ertranken. Seine Hände umfassten die Mitte ihres Körpers, wanderten auf der bronzefarbenen Haut tastend nach oben, bis sie die Lotosknospen umschlossen.

"Wer bist du", flüsterte er, "wie heißt du?"
"Ich heiße Canna," sagte sie.
"Canna, Canna," sagte er, "was bedeutet dein Name?"
"Kühle Flamme," sagte sie..

Und sie griff nach ihrem langen blauschwarzen Zopf, schlang ihn um seinen Hals und verknotete ihn. Dann wandte sie sich zum Gehen, und er folgte ihr. Ihre Haut duftete nach Myrrhe, Sandelholz und Jasmin. Rasch und anmutig schritt sie aus, und die Schlinge um seinen Hals zog sich zusammen.
"Canna," schrie er, "Canna" ... und wachte auf.

Er lag allein in seinem Bett. EIn blauschwarzes Haar lag auf seiner Brust Zwischen den Augenbrauen sah er im Spiegel einen roten Fleck. Seine Augen flackerten.

Er lief auf die Straße hinunter in die vertrauten Gassen, wo die Bäume im Herbstwind seufzten und das Pflaster unter seinen Schritten bebte. Sie war verschwunden.

Er lief zum Bahnhof, kaufte sich eine Karte, geriet aus Versehen in einen Blumenladen, wo ein junger Verkäufer sich wort- und gebärdenreich um ihn kümmerte.
"Was möchten der Herr? Eine Päonie für die Gattin?" Unwillig schüttelte er den Kopf, wäre rückwärts aus der Tür entwichen, wenn nicht der junge Mann ihm den Weg versperrt hätte.. Er hatte eine große grüne Pflanze im Arm.
"Mein Herr, eine Canna indica - das wäre das Richtige für Sie. Ich schenke sie Ihnen für 20 €. Schon hatte er sie eingepackt und ihm auf den Arm gelegt.

Er trug sie nach Hause und gab ihr den schönsten Platz in seiner Wohnung -zwischen Spiegel und Flügel. Er wusste, sie würde sich gern im Spiegel betrachten und ihm gern zuhören, wenn er spielte. Er umfasste den kühlen grünen Schaft mit beiden Händen und sog die Süße der Knospe in sich ein.
"Canna", sagte er, "du bist gegangen und wiedergekommen! Canna! Canna!" Und als hätte sie ihn verstanden, entrollte sie ihre rotgoldenen Blütenblätter, entfaltete ihre Schönheit vor seinen staunenden Augen.

Und in der Nacht kam sie wieder im Traum zu ihm, und ihr blauschwarzes Haar umhüllte sie beide wie ein seidener Vorhang. Ihr kühler Körper löschte die Flamme seiner Sehnsucht.

Man fand ihn später tot in seinem Bett.. EIn Lächeln umspielte seinen Mund, und auf seiner Brust lag ein langes, blauschwarzes Haar. "Wir wussten gar nicht, dass er eine Geliebte hatte," sagten die Nachbarn.

(c) ez, Märchen aus 2001 Nacht.2002.

Anm: Die Canna indica ist eine indische Blume aus der Familie der Gladiolen.