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Ambivalenz der Religion

30.09.2018, 11:33 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Warum haben manche Menschen Angst vor einem strafenden Gott, und andere Vertrauen in seine Güte?
Das liegt vor allem an Einflüssen in der Kindheit:

Schritt 1: Ambivalenz der Lehre

Die religiösen Lehren enthalten sowohl Angst machende als auch tröstende Elemente. Die Bibel (und Berichte anderer Religionen) erzählt sowohl von einem gnadenlos strafenden als auch einem helfenden, beschützenden Gott.
Doch was nehmen die Menschen in ihrer Kindheit davon auf?

Schritt 2: Beitrag der Erziehung

Kinder sind noch abhängig von Menschen, die sich um sie kümmern (Bezugspersonen). Diese Menschen können je nach eigener Einstellung entweder liebevoll-sorgend, oder streng-strafend sein.
Die Erfahrung mit diesen Bezugspersonen sind ganz reale Erlebnisse, die die Vorstellungskraft der Kinder (und späteren Erwachsenen) prägen.

Schritt 3: Wirkung der Kombination

Die so vorgeprägten Kinder werden dann im Lauf der Erziehung mit den religiösen Lehren konfrontiert. Mal abgesehen davon, dass auch die Lehren selektiv vorgetragen werden können und dann entweder den liebenden oder den strafenden Gott betonen, ist es auch so, dass ein Mensch vorwiegend das aufnimmt, was er kennt, was ihm vertraut ist, während das andere mehr wirkungsarm an ihm abfließt.
Ein Kind mit liebevoll-sorgenden Bezugspersonen wird also bevor­zugt die Erzählungen vom liebevoll-sorgenden Gott aufnehmen und verinnerlichen.
Ein Kind mit streng-strafenden Bezugspersonen dagegen bevorzugt die Erzählungen vom streng-strafenden Gott.

Als Folge dieser Kombination aus Erziehung und religiösen Lehren werden die Kinder und späteren Erwachsenen also entweder mit Vertrauen auf Gott oder mit Angst vor Gott leben.

Schritt 4: Auswirkung auf Verhalten


4a) Vertrauen auf Gott
Menschen mit Vertrauen auf Gott haben das Gefühl, dass ihnen nichts wirklich schlimmes geschehen wird. Ok, sterben müssen alle mal, und aus eigenen Fehlern oder reinem Zufall kann es auch Unfälle und Krankheiten geben. Aber da sie nicht einer bösartigen Macht zugerechnet werden, sind sie leichter zu überwinden, was wieder das Gefühl eines sorgenden Gottes verstärkt (sich selbst erfüllende Prophezeiung).
Das Vertrauen auf Rückendeckung (oder wenigstens Neutralität) durch eine höhere Macht gibt Kraft und Mut, führt zu Handlungs­bereit­schaft und Verantwortungsbewusstsein. Und die Erfolge bestätigen diese Einstellung.
Verantwortungsbewusstsein muss ich noch extra erklären:
Warum führt das Vertrauen in der Regel nicht zu Rücksichts­losigkeit? (Ausnahmen: Sich "auserwählt" fühlende Psychoten. Aber die sind auch in der Regel 4b) Zum einen, weil auch Menschen mit Gottvertrauen der Mechanismus von Ursache und Wirkung, von Verhalten und Konsequenz (nicht zu verwechseln mit Strafe) nicht fremd ist, zum zweiten, weil man sich mit einem liebevollen Wesen verbunden fühlt und damit auch seinen mutmaßlichen Zielen.

4b) Angst vor Gott
Menschen mit Angst vor Gott fürchten ständig, für irgendwelche Fehler ("Sünden") bestraft zu werden. Negative Erfahrungen, deren Ursachen nicht offensichtlich sind, werden schnell als "Strafe" interpretiert, und um sie zu verstehen, wird nach einer "Schuld" gesucht, um Schuld und Strafe künftig vermeiden zu können.
Das führt zu Vermeidungsverhalten, sowohl hinsichtlich eigen­ständi­gem Handeln als auch eigener Verantwortung. Es werden geistige Führer ("Gurus") gesucht, denen man folgt, damit man von der Verantwortung und damit einer drohenden Strafe entbunden ist. Passiert dann doch etwas, hilft u.U. die Suche nach einem Sünden­bock, der "in Wirklichkeit" schuld ist und bestraft wird, um Gott gnädig zu stimmen.

23 Kommentare

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wize.life-Nutzer
Ein interessanter, gut geschriebener Artikel:
Fast alle Religionen, haben eine Art SM-Prinzip* (Zuckerbrot & Peitsche) zur Grundlage, nämlich den STRAFENDEN und den GÜTIGEN Gott... so wie es bei einem "liebenden Vater" eben sein muss, denn sonst macht ja JEDER** nur noch das, was er WILL, oder?

*Sado-Maso Prinzip
** jedes Kind
  • 30.09.2018, 15:21 Uhr
Wenn man zwischen Strafe (willkürliche Maßnahme) und Konsequenz (logische Folge eines Verhaltens) unterscheidet, kommt man auch ohne Strafe aus.
  • 30.09.2018, 16:36 Uhr
wize.life-Nutzer, die Gegen-These lautet:

Ohne Sanktionen* nimmt die soziale Entropie zu.

*freundliche Umschreibung des Begriffs "Strafe"
** Entropie, ein Maß für den Grad von Unordnung (bis hin zum Chaos)
  • 30.09.2018, 16:49 Uhr
In der erzieherischen Wirkung sind sich Strafe und Konsequenz gleich.
Konsequenz ist sogar leichter nachvollziehbar und wirksamer.
Für das Bodenpersonal allerdings ist die Strafe nützlicher. Denn
1. kann man damit auch "Gebote" durchsetzen, deren Missachtung keine natürlichen Konsequenzen haben,
2. braucht es zum Erkennen von Konsequenzen keine Vermittler, das Bodenpersonal hätte keine Macht.
  • 30.09.2018, 17:21 Uhr
Hier wurde ein Kommentar durch den Ersteller entfernt.
wize.life-Nutzer
Strafen sind ja mögliche Konsequenzen.

Andere mögliche Konsequenzen müssen nicht unbedingt etwas mit Strafe zu tun haben, das ist richtig.

Aber, man kann mit den entsprechenden Konsequenzen erstens "Gebote" durchsetzen und zweitens, auch Konsequenzen benötigen "Vermittler", die die entsprechende Macht haben, denn sonst würden bestimmte Konsequenzen erst gar nicht eintreten.
  • 30.09.2018, 18:05 Uhr
OK, sprachliche Differenz.
Ich betrachte solche Dinge aus psychologischer Sicht. Da wird streng differenziert zwischen Strafe (willkürlich ausgewählte Sanktion) und (natürlicher) Konsequenz.

Natürliche Konsequenzen brauchen keine Vermittler, höchstens Erklärer. Wenn das Kind beim Anziehen so trödelt, dass die Bahn weg ist, dann schaffen wir es halt heute nicht mehr in den Zoo.
  • 30.09.2018, 18:19 Uhr
wize.life-Nutzer

Was sollen wir tun? ...und zwar ohne die Androhung von Strafen oder sonstigen Konsequenzen!

Der kategorische Imperativ:

"Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."
(Immanuel Kant: AA IV, 421)

Pflichtethik bei Kant: Wir sollen aus Freiheit zur Pflicht moralisch handeln und nicht wegen drohenden Strafen (Gesetz) und anderen Konsequenzen.

Aber funktioniert der "kategorische Imperativ" in der Praxis?
  • 30.09.2018, 18:46 Uhr
Nur in kleinen Gemeinschaften.
Wenn sich früher in einem Stamm oder Dorf jemand asozial verhalten hatte und deswegen ausgegrenzt wurde, hatte das miese Folgen für seine Überlebenschancen. Und wenn er zu Gewalt griff, musste er mit Notwehr bis zur Tötung rechnen. Da waren die Konsequenzen deutlich zu erkennen.

In größeren Gemeinschaften wurde es zu unübersichtlich, so dass die größere Gemeinschaft (im Idealfall demokratisch) Regeln und Konsequenzen oder auch Strafen definieren musste. Aber selbst das funktioniert(e) nur, so lange die Folgen für alle gleich verbindlich sind und auch konsequent durchgezogen werden (was in D ja leider nicht auf allen Gebieten der Fall zu sein scheint).
Je logischer und klarer die Folgen von Fehlverhalten sind, desto eher haben sie den Charakter von Konsequenz, und desto einsichtiger sind die Menschen.
Ich denke, dass auch die Regeln der Religionen auf diese Weise entstanden sind. Lies mal meine Interpretation von Levitikus: http://www.peter-becker.de/Peter/Rel...viticus.htm
  • 30.09.2018, 20:08 Uhr
Im Grunde interpretieren wir den Sachverhalt* ähnlich, nur mit einer etwas anderen Begrifflichkeit. Entscheiden ist aber was hinten dabei 'raus kommt.

*Ambivalenz der Religion
  • 30.09.2018, 20:14 Uhr
"Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."
Für Kant war das noch klar.
Das ist inzwischen alles etwas komplizierter geworden.
Ein Angehöriger einer polygamen Kultur oder in dessen Kultur die Mädchenbeschneidung üblich ist, wird durchaus nichts dagegen haben, dass die Maximen der Polygamie oder der Mädchenbeschneidung allgemeines Gesetz würden.
Gerade der IS will, dass die Maximen der Scharia allgemeines Gesetz werden.

Aber da hätte ich etwas dagegen!
Kant glaubte auch noch an ein natürliiches Sittengesetz.
  • 30.09.2018, 20:18 Uhr
Hehe, der "Wortklauberer" meldet sich mal wieder zur Wortklauberei, oder?
  • 30.09.2018, 20:44 Uhr
Also meine Sitten sind immer noch NATÜRLICH.
  • 30.09.2018, 20:45 Uhr
KANT konnte ja nicht wissen, dass ein Krieg der Kulturen drohen könnte, denn einen politischen Islamismus gab es damals noch nicht.

KANT gilt natürlich nur für und in vergleichbaren Kulturen.
  • 30.09.2018, 20:47 Uhr
Welches Wort habe ich geklaubt?
Kants Maxime wird ja als allgemeingültig für die Menschheit verkauft.
"… denn einen politischen Islamismus gab es damals noch nicht."
nicht mehr. Assassinen zur Kreuzfahrerzeit?

"Also meine Sitten sind immer noch NATÜRLICH." Au weia. Für Paulus war es die "natürliche Sitte", dass Männer kurze, Frauen lange Haare trugen und Frauen in der Volksversammlung nichts zu suchen hatten.
Was ist denn "natürlich"? Jetzt klaube mal das Wort und sage mir, wer mit welcher Autorität festlegt, was "natürlich" ist - oder wie man mit welcher Methode feststellt, was natürlich ist.

Lange Zeit galt Homosexualität als widernatürlich. Die Antike sah das mit Ausnahme Israels ganz anders.
  • 01.10.2018, 08:56 Uhr
wize.life-Nutzer
Verliere bitte den Ausgangspunkt nicht aus den Augen:

wize.life-Nutzer:
>>>"Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."

Für Kant war das noch klar.
Das ist inzwischen alles etwas komplizierter geworden.
Ein Angehöriger einer polygamen Kultur oder in dessen Kultur die Mädchenbeschneidung üblich ist, wird durchaus nichts dagegen haben, dass die Maximen der Polygamie oder der Mädchenbeschneidung allgemeines Gesetz würden.
Gerade der IS will, dass die Maximen der Scharia allgemeines Gesetz werden. <<<

Anm.: Übrigens, als NATÜRLICH darf dasjenige bezeichnet werden, was erstens in der Natur vorkommt und zweitens die Freiheit anderer nicht mehr als nach den Umständen unvermeidbar einschränkt.

KANT hat den kategorischen Imperativ nur für Menschen mit vergleichbarem kulturellem Hintergrund und Werten entwickelt. Das heißt, der kategorische Imperativ kann auch für Muslime gelten, aber dann bezogen auf DEREN Wertesystem.

Kants kategorischer Imperativ ist NICHT Werte unabhängig! ...und das stößt im Zeitalter des Globalismus auf große Probleme.
  • 01.10.2018, 10:11 Uhr
" Übrigens, als NATÜRLICH darf dasjenige bezeichnet werden, was erstens in der Natur vorkommt und zweitens die Freiheit anderer nicht mehr als nach den Umständen unvermeidbar einschränkt."
Wir sind Teil der Natur. Was bei uns vorkommt, ist auch natürlich, womit der Zirkel vollkommen ist.
Die Benachteiligung der Frauen, d.h. des weiblichen Teils der Lebewesen, kommt in der Natur sehr häufig vor, ist also natürlich. Und die dadurch erzeugte Einschränkung der Frauen ist nach den Umständen durchaus vermeidbar. Gleichwohl wird das Patriarchat entweder offiziell (Orient) oder sublim (geringerer Verdienst der Frauen) allgemein praktiziert.

"Kants kategorischer Imperativ ist NICHT Werte unabhängig! ...und das stößt im Zeitalter des Globalismus auf große Probleme."
Eben. Da stimme ich dir voll zu.

Es ging ja um Verhaltenslenkung (Zuckerbrog + Peitsche).
Die Vorfrage lautet ja, wie kommen die Lenkungsziele zustande?
  • 01.10.2018, 11:02 Uhr
Genau, du hast mich verstanden: Kants KI kann nur für gleiche Werte-Kulturen und -Zivilisationen gelten, falls man überhaupt ein Befürworter des KI ist?

wize.life-Nutzer:
>>> Die Benachteiligung der Frauen, d.h. des weiblichen Teils der Lebewesen, kommt in der Natur sehr häufig vor, ist also natürlich. Und die dadurch erzeugte Einschränkung der Frauen ist nach den Umständen durchaus vermeidbar. Gleichwohl wird das Patriarchat entweder offiziell (Orient) oder sublim (geringerer Verdienst der Frauen) allgemein praktiziert. <<<

Anm.: Richtig, die Muslima sind zwar ein Teil der Natur, aber die Freiheit der Muslima wird MEHR als nach den Umständen UNVERMEIDBAR* eingeschränkt und muss, nach unserem Wertesystem, deshalb abgelehnt werden.

*z.B. Frauen zu schlagen, falls sie dem Mann nicht gehorchen, ist vermeidbar! ...zumindest sehe ich und die meisten Europäer das so.
  • 01.10.2018, 11:20 Uhr
Damit ist nicht beantwortet, wie die Lenkungsziele zustandekommen.

Mir ist diese Frage gekommen, als es hieß, dass bei der Sterbehilfe "Dämme" brächen und der Weg für die Tötung unwerten lebens dann offen sei.
Ich habe mich gefragt ob das wirklich stimmt.

Bei der Abtreibung kann man beobachten, dass bei der Diskussion um die Freigabe die religiös nicht Gebundenen ein für meine Begriff signifikantes Meinungsbild abgeben:
Das Verbot für den Zeitpunkt der Empfängnis hat nur wenige Anhänger, die Zustimmung wächst bis zum 3. Monat und nimmt dann wieder ab.

Das bedeutet doch, dass es so eine Art "Bauchgefühl" gibt, bei dem der Ausgleich zwischen Lebenserhaltung und "mein Bauch gehört mir" für den 3. Monat ein Optimum bildet. Da brechen offenbar keine Dämme, sondern da gibt es wohl geheime Dämme in uns, die unüberwindbar, das heißt nicht mehrheitsfähig sind.
Bei der erlaubten Sterbehilfe in den Niederlanden ist die Zahl allmählich von 2100 Fällen 2007 auf 6000 im Jahr 2016 gestiegen. Das zeigt, dass man sich häufiger traut, das zu begehren. Interessant ist aber, ob das immer weiter ansteigt, oder ob es eine natürliche Grenze gibt.
Ich glaube, dass die Gesetze ein zu Text geronnenes forum intrnum sind.

Ein anderes Beispiel ist der Strafprozess. Ursprünglich gab es ausschließlich das Erfolgsstrafrecht. Wer einen Schaden verursacht hat, muss dafür bestraft werden. Aber irgendwann kam aus diesem Forum internum die Forderung, dass die Motivation nicht außer Acht bleiben dürfe. So kam es dann zum Schuldstrafrecht.

Die Kultur kommt nach meiner Ansicht nicht aus dem Nichts und wächst nicht willkürlich auf der grünen Wiese.
  • 01.10.2018, 13:45 Uhr
wize.life-Nutzer, über deine "Lenkungsziele" reden wir dann ein anderes Mal, okay?
  • 01.10.2018, 13:54 Uhr
wize.life-Nutzer
Mach doch mal einen Artikel über Sterbehilfe und dann noch einen Artikel über den Schwangerschaftsabbruch.
  • 01.10.2018, 13:57 Uhr
Hier ist das Thema: "Ambivalenz der Religion"
Das Thema ist komplex genug.
Nicht mit anderen Themen verzetteln!
  • 01.10.2018, 13:59 Uhr
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Sehr, sehr gut beschrieben.
  • 30.09.2018, 13:20 Uhr
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