Gedanken zu einem Gedicht von Rainer Maria Rilke: "Herbst"

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Gedanken zu dem Gedicht "Herbst" von Rainer Maria Rilke

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
Als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
Sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
Aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an; es ist in allen.

Und doch ist einer, welcher dieses Fallen
Unendlich sanft in seinen Händen hält.

Die symbolische Interpretation der Jahreszeiten, ihre Übertragung auf die Lebensspanne des Menschen, ist schon immer Thema der Lyrik gewesen. Dabei scheinen die Übergangszeiten Frühling und Herbst den Dichter noch mehr anzusprechen als Sommer und Winter. Denn nicht das SEIN, das WERDEN birgt das größere Geheimnis.
RIlke hat mehrere Herbstgedichte geschrieben, gleichzeitig (1902) entstanden "Herbsttag" und "Herbst". Während das eine noch mit drängenden Imperativen den Höhepunkt der Ernte herbeisehnt, dabei schon angefüllt mut dunklen Ahnungen von Abschied und Einsamkeit, ist das Thema dieses Gedichtes der Tod.

RIlke schreibt das Gedicht im Herbst 1902, als die Reisen in Russland und die durch die religiöse Inbrunst des Volkes zutiefst erlebte Begegnung mit Gott erst zwei Jahre zurückliegen. Unmittelbar voraus geht die Erfahrung von Trennung und Abschied. Lou Andreas Salomé, vier Jahre lang seine Geliebte, trennt sich 1901 von ihm, kurz vor seiner Eheschließung. Nach einjähriger Ehe nimmt er vom "Wächter seiner Einsamkeit" Abschied, gibt ein für allemal den Versuch eines Miteinanders auf. Von nun an wird er immer wieder Abschied nehmen, von Frauen, von Freunden, von Häusern und Landschaften, wird sich darin üben, den "kleinen Tod" zu überleben, denn für Rilke ist im Abschied der Tod als "feinstverteilte Essenz" enthalten.
Am 28. August 1902 ist er in Paris, jener Stadt, die ihn fortan sein ganzes Leben lang rufen wird, die er hassen und lieben und nie mehr vergessen wird. Immer wieder versucht er zu fliehen, aus ihrer lauten Geselligkeit in die Einsamkeit verwunschener Schlösser, immer wieder kehrt er zurück, und noch kurz vor seinem Tode will er ihren heißen Atem, ihren unbändigen Lebenshunger spüren.

Die erste Begegnung enthält schon alle Elemente dieser Beziehung, Verzweiflung und Ekstase, qualvolle Einsamkeit und beglückende Gemeinschaft.
Der heiße Sommer ist vorüber. "Es war die Zeit, da die Bäume in der Stadt welk sind ohne Herbst", schreibt er an die Freundin Lou. Unter fallenden Blättern wandert er die Alleen entlang, einsam, und verzweifelt, "da sich von mir, wie von einem Erblindenden, alle DInge zurückzogen, da ich zitterte vor Angst, das Gesicht des allernächsten Menschen nicht mehr zu erkennen ...". Todesgedanken überfallen ihn und lassen ihn bis zum Ende seines Lebens nicht mehr los. An seine Frau schreibt er: "Ich habe das noch in keiner Stadt gefühlt, und es ist seltsam, dass ich es gerade in Paris fühle, wo ... der Lebenstrieb stärker ist als anderswo. Lebenstrieb - ist das Leben? Nein - Leben ist etwas Ruhiges, Weites, Einfaches. Lebenstrieb ist Hass und Jagd, Trieb, das Leben zu haben, gleich, ganz, in einer Stunde. Davon ist Paris so voll und darum so nahe am Tod.".

Am 1. September ist Rilke auf dem Weg zur Werkstatt Rodins, dem er schon Jahre zuvor Ehrfurcht und Bewunderung entgegengebracht hat. Von ihm erwartet und erhofft er neue Impulse für die eigene Arbeit. Die Begegnung mit dem Meister, "der versenkt in sich selbst steht wie ein alter Baum im Herbst", überwältigt ihn. Tief betroffen steht er vor der Riesenhand, der "Hand Gottes", in die sich ein Menschenpaar hineinschmiegt. "Es gibt im Werke Rodins Hände, selbständige, kleine Hände, die zu irgendeinem Körper gehören, lebendig sind. Hände, die sich aufrichten ... Hände, die gehen, schlafende Hände, und Hände, welche erwachen ..." Und so groß ist seine Bewunderung, dass er Rodins schöpferische Kraft mit der Gottes vergleicht: " ... wenn er eine Hand bildet, so ist sie im Raum allein und es ist nichts außer einer Hand; und Gott hat in sechs Tagen nur eine Hand gemacht und hat die Wasser um sie ausgegossen und die Himmel gebogen über sie; und hat geruht über ihr als alles vollendet war, und es war eine Herrlichkeit und eine Hand."
Es scheint, als sei dieser Eindruck so stark gewesen, um als zentrales Bild in unser Gedicht einzugehen.

Die Begegnung mit Rodin ist das erste prägende Erlebnis nin der fremden Stadt; sie ist der Anfang einer Freundschaft, die Höhen und Untiefen hat. Rilke, der Jüngere, gerät zunächst ganz unter den Einfluss des im Alter schon weit vorgerückten Meisters. Es ist sicher kein Zufall, dass das erste Gedicht nach dieser Begegnung den Tod zum Thema hat.

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Zit. nach EZ, "Die Hand Gottes - Gedanken zu einem Gedicht von Rainer Maria Rilke "Herbst". (Literatur für Leser).