Schubladendenken

Beitrag von wize.life-Nutzer

Schubladendenken

„Er ist ein Zeuge Jehovas,“
„Er ist ein Roma.“
„Sie ist eine Esoterikerin.“
„Er ist ein Jude.“
„Er ist ein Nazi.“
„Sie ist Astrologin.“
„Er ist Pfarrer.“
"Sie ist eine Ossi."
"Er ist ein Wessi."

Ist er kein M e n s c h?

Schubläden gehören unwiderlegbar zu unserem geordneten Alltag. Sie helfen, im Chaos des täglichen Lebens nicht unterzugehen, den richtigen Schlüssel im rechten Moment zur Hand zu haben, die Schere zu finden, die alle Verschlüsse zu öffnen versteht, und die tausend kleinen Dinge, die vielleicht nur einmal im Leben ihren wichtigen Auftritt haben und dennoch Platz beanspruchen.
Jeder Ordnungsfanatiker liebt sie, die Schubläden.

Sie ersparen Zeit, vermitteln Sicherheit und rufen die Empfindung hervor, jeder Situation gewachsen zu sein.
Schränke ohne Schubläden sind wie Mäntel oder Menschen ohne Taschen.

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Was aber, wenn sie überhand nehmen, wenn man auch Menschen darin unterbringen möchte, ihnen ein Schild um den Hals hängt oder - wie es in einer unguten Zeit möglich war - ihnen einen 6-zackigen Stern am Rücken befestigt.

Im gegenwärtigen Sprachgebrauch ist es heute wieder üblich, solche Stigmata einer Gruppe oder einem Einzelnen anzuheften und ihn dann zur allgemeinen Beschimpfung oder Spott freizugeben.

„Er ist ein Zeuge Jehovas … er ist ein Pfarrer - sie
ist eine Astrologin ...“

Ob der Zeuge Jehovas vielleicht anderen Menschen in der Not geholfen hat, interessiert nicht.
Ob der Pfarrer neben einer großen Familie auch die Nöte vieler Gemeindemitglieder auf sich genommen hat, interessiert nicht.
Ob die Esoterikerin vielen jungen Menschen geholfen hat, das Leben besser zu verstehen, Interessiert nicht.

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Ich verstehe jetzt immer mehr, warum die Weltreligionen so einen Akzent auf die EINHEIT allen Seins legen, dass Christen von ihrem Nächsten, Humanisten von ihren Brüdern und das GG von der „unantastbaren Würde“ JEDES Menschen spricht.

Aber ich verstehe nicht, warum es Spaß macht, Menschen wegen ihrer friedlichen Lebenseinstellung, ihrer Hobbies, ihrer Essgewohnheiten, ihres Lebensstils lächerlich zu machen.

Natürlich bleibt auch Raum für K r i t i k, aber sie sollte niemals Besserwisserei sein, die gar nicht das Bessere weiß.

Man hat als Stigmatisierter drei Möglichkeiten: sich verbal zur Wehr zu setzen, zu schweigen oder zu gehen.
Man kann das auch nacheinander tun

ez

Anm.: Ich habe die Kommentarfunktion deaktiviert, weil das Thema verfälscht wurde.

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