Ulrich Schnabel: "Die Vermessung des Glaubens"

Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Vermessung des Glaubens (Ulrich Schnabel)


Dieses Buch wurde im Rahmen der Diskussionen hier erwähnt, irgendjemand hat es auch gelobt. Ich habs mir dann gekauft, ich glaube für zweifuffzich oder so. Das ist es durchaus wert.

Ich hab darin viele Bekannte wiedergefunden: Dawkins natürlich, Dennett, Metzinger, Spitzer, Jaynes ... Manchmal hab ich mich gefragt, wer von wem abgeschrieben bzw. Abbildungen übernommen hat.

Natürlich kann man in diesem Umfeld hier nicht das gesamte Buch besprechen oder diskutieren. Aber ich möchte ein paar Gedanken herausgreifen.

Da ist z.B. von einem „Kreuzzug der Atheisten“ die Rede, den Dawkins angeblich führen soll. Und von dessen Absicht, eine „atheistische Welt“ herbeizuführen, was „ethisch fragwürdig“ und auch gar nicht möglich sei.

Ich meine, wer Dawkins vorwirft, er möchte die Religiosität ausrotten, hat ihn nicht verstanden. Es geht den Atheisten – auch mir – nicht darum, den Menschen ihren Glauben auszutreiben. Es geht vielmehr darum, Gläubigkeit in ihre Schranken zu verweisen, welche sie (nicht nur im Christentum, nicht nur in der Vergangenheit) weit überschritten hat.

Dawkins wurde in einem Interview (vom Schweizer Fernsehen?) einmal gefragt, ob er der Oma, für die ihr Gott noch die einzige Bezugsperson darstellt, den Glauben nehmen möchte. Das ist natürlich nicht der Fall. Wer an einen Gott glauben möchte, kann und darf das tun, wir haben ja gottseidank – besser: glücklicherweise – verfassungsrechtlich garantierte Religionsfreiheit. Jeder darf glauben, was er will, sei es an Götter verschiedenster Art, an Horoskope, an Homöopathie, an Akupunktur und was es da noch alles für verschrobene Gedankengebäude gibt.

Religionsfreiheit bedeutet aber nicht, dass alles, was religiöse Ideen zu verlangen scheinen, auch umgesetzt werden darf!

Dawkins wendet sich (er ist ja Biologe) z.B. strikt dagegen, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse wie die Evolution der Lebewesen solch kruden religiösen Gedanken geopfert werden sollen.
Noch drastischer sieht man diese falsch verstandene Religionsfreiheit gerade im Islam, wo Religionsführer am liebsten die weltliche Macht übernehmen würden und den Inhalt von „heiligen“ Büchern zum Gesetz machen wollen.
Auch das organisierte Christentum leistet sich so manche Überschreitung seines natürlichen Einflussbereiches indem man sich kirchlicherseits in die Politik einmischt und religiös begründete Vorschriften etwa bei der Familienplanung oder beim Arbeitsrecht durchsetzen möchte. Was Homosexualität betrifft, ist der Streit auch noch nicht ausgestanden.

Die „neuen Atheisten“ prangern dieses Festhalten an den Thesen uralter Bücher zu Recht an und fordern eine Gesellschaft, die sich an der heutigen Zeit orientiert und auch die Ideale propagiert, die sich bewährt haben. Und das sind nun mal die humanistischen Ideale. Nachzulesen sind sie unter „die zehn Angebote“ (kann man leicht ergoogeln).

Ich würde der Religion zukünftig dieselbe Rolle zubilligen wie etwa der Astrologie. Es wird immer Menschen geben, die so etwas fanatisch verteidigen – und anscheinend auch zum Leben brauchen. Aber die Gesellschaft wird sie nicht besonders beachten. Es wird heute doch nicht diskutiert, ob man Abermillionen investieren sollte um etwa um die Umlaufbahn einen Kometen zu ändern, weil der ansonsten an einer Stelle am Himmel auftauchen würde, die Unglück verheißt. Andererseits wird aber immer noch viel Geld ausgegeben, um nutzlose leere Kirchengebäude zu erhalten und die Prunksucht mancher Kirchenfürsten zu befriedigen.
Letzteres ist nur möglich, weil die organisierten Kirchen bei uns noch viel zu viel Einfluss haben: Kirche und Staat müssen endlich getrennt werden. Die Kirchensteuer muss weg, der Reli-Unterricht muss aus den Schulen verschwinden und soziale Einrichtungen gehören nicht unter kirchliche Trägerschaft. DAS sind die Ideen der „neuen Atheisten“, und nicht etwa der Oma ihren Glauben auszureden. Und wir sind ja auf dem richtigen Weg: den Kirchen laufen die Gläubigen gerade in Scharen davon.

Mehr zum Thema