HIldegard von Bingen - eine christliche Mystikerin

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Hildegard von Bingen – eine christliche Mystikerin

Aufmerksam auf sie wurde ich durch einen „Universitätsskandal“:
Da wurde doch tatsächlich von seiten der Universität der Versuch unternommen, die Habilitation eines renommierten Wissenschaftlers anzufechten.

Prof. Dr.med., Dr.phil. Schipperges, damals Leiter des Instituts f. Geschichte der Medizin an der Universität Heidelberg, hatte als Thema für seine Habil-Schrift die Mystikerin Hildegard von Bingen gewählt.
Er hatte auch ein Buch über eine andere skandalumwitterte Person des Mittelalters, Paracelsus, geschrieben, und so teilte sich die akademische Welt in Heidelberg in Fürsprecher und Widersacher, bis Schipperges tatsächlich siegreich aus diesem unrühmlichen Streit hervorging.

Schipperges hat ebenfalls Hildegards Bücher kongenial aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt und ist Mitherausgeber ihrer Schriften.

Es war also dieser Skandal, der mein Interesse an einer christlichen Mystikerin weckte. Ich wunderte mich ein wenig, dass ich vorher in der christlichen Kirche kaum etwas von diesem Kreis von Menschen gehört hatte. Offenbar WOLLTE oder konnte man sie nicht richtig verstehen. Als ich mich einmal an eine Predigt von Meister Eckart heranwagte, konnte ich ihm auch nicht viel abgewinnen.

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Erst als ich 45jährig meine erste Reise nach Puttaparthi in Südindien machte, weil es dort offenbar einen „indischen Christus“ gab, der Kranke heilen konnte, lernte ich Menschen kennen, die von speziellen ERFAHRUNGEN berichteten, die mit der „unio mystica“ der Christen übereinstimmten.
Ich las die Werke von Vivekananda, Yogananda, Sri Aurobindo, Rabindranath Tagore, Ramesh Balsekar und natürlich Sathya Sai Baba und erkannte, dass das Leben eine Rückkehr zu dem EINEN ist, aus dem alles entstanden ist.
Jahre später, auf einer Reise nach Kappadokien, nahm ich zur Kenntnis, dass auch die Derwische, die muslimischen Mystiker in der Ekstase des Tanzens dasselbe Ziel anstreben und erreichen.

Es sind also die Mystiker in allen Weltreligionen, die in diesem zentralen Punkt übereinstimmen, den auch der Geschichtswissenschaftler Ernst-Peter Fischer in einer Formel zusammenfasst: „Man muss in die tiefste Tiefe gehen, um dann Heraustreten zu können (Ek-stase).“ Er nennt diesen Prozess „Komplementarität“.

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Hildegard wurde 1098 als zehntes Kind des Grafen Hildebert auf Gut Germersheim bei Alzey im Rheinhessischen geboren. Mit 16 Jahren entschied sie sich, ihr ganzes Leben Gott zu weihen.
Mit 38 Jahren, 1136, wird sie Nachfolgerin der „magistra“ des Frauenkonvents.
Zwischen 1147 und 1152 baut sie bei Bingen ein Kloster, das 1632 durch die Schweden zerstört wurde.1165 entsteht ein weiteres Kloster, das heute Sitz der ST. -Hildegardis-Abtei zu Eibingen ist.

1141 entsteht unter dem Eindruck visionärer Erlebnisse ihr erstes Werk von der Schöpfung und Erlösung der Welt (Liber Scivias).
Es folgen 4 große Predigtreisen, die ihr großes Ansehen und ihren Mut beweisen.

1179 stirbt sie nach schwerer Krankheit.

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Ihre Werke fassen Kosmologie und Anthropologie aufs engste zusammen. Ihre Visionen reichen von der Genesis bis zur Apokalypse.
Zwischen 1150 und 1160 entstehen erstaunliche naturheilkundliche Schriften.
Hildegard erlebt in ihren Visionen die volle Einheit der Schöpfung, die Engelwelt, die Pflanzen- und Tierwelt, die Sinnes- und Seelenwelt des Menschen.

Zur Entstehung ihrer Werke hat sich Hildegard von Bingen öfter geäußert, wobei sie immer betonte, dass die “Schau“ nicht von ihr erfunden, noch von einem anderen Menschen beeinflusst sei..
Sie nannte sie schließlich „Auditionen“.

Schipperges schreibt in seiner Einleitung zu einem von ihm aus dem Lateinischen übersetzten Werk:
„Der Begriff der Mystik ist bei Hildegard weitaus strenger zu fassen. Ihr mystisches Erleben beruht einzig und allein auf der persönlichen Erfahrung einer Begegnung mit Gott ... (S. 19)

Dies hat mit einer ekstatischen Gotteserfahrung nichts zu tun. Deshalb sollte man ihr den alten Ehrentitel „Prophetin“ geben, was, aus dem Hebräischen übersetzt, heißt: „einen, der sprechen gemacht wird.“ (S. 21)

„Die Worte, die ich spreche, habe ich nicht aus mir noch von einem anderen Menschen, sondern ich sage sie aus der Schau, die ich von oben empfangen habe … Gott wirkt ja, wo er will, zur Ehre seines Namens und nicht zum Ruhme des irdischen Menschen.“ (Hildegard von Bingen)
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Zit. Nach Hildegard von Bingen, „Gotteserfahrung und Weg in die Welt.“ 4. Aufl. 1985.
Heinrich Schipperges, Prof. f.- Geschichte der Medizin in Heidelberg, ist Mitherausgeber des Gesamtwerks von Hildegard von Bingen.

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