Die Vermessung des Glaubens (2)

Beitrag von wize.life-Nutzer

Auf die Frage, warum manche Menschen „gläubig“ sind, warum sie also Überzeugungen haben, die schon bei oberflächlichster Betrachtung ihre Absurdität offenbaren, und warum diese Menschen diese Überzeugungen trotzdem so unverrückbar verteidigen, versucht das Buch von Ulrich Schnabel Antworten zu geben.

„Es gibt einen Bewusstseinszustand“, so schreibt der Autor in seinem Buch „die Vermessung des Glaubens (S.156), „den ausschließlich religiöse Menschen kennen, in dem an die Stelle unseres Selbstbestätigungs- und Selbstbehauptungswillens die Bereitschaft tritt, zu verstummen und zu einem Nichts zu werden.“

Und weiter, S. 162: „Es ist ein psychologisches Faktum, dass mystische Zustände ab einer bestimmten Ausprägung für die Betroffenen meist richtungsweisend sind.“

Menschen, die absurden religiösen Ideen anhangen, scheinen also irgendwie in diesen bemerkenswerten Bewusstseinszustand geraten zu sein, der sich dann verfestigt hat und „richtungsweisend“ für ihr Leben wurde.

Dostojewski, der Epileptiker war, hat diesen Bewusstseinszustand beschriebens.203) „All ihr gesunden Leute habt nicht einmal einen Hauch einer Ahnung davon, was für ein Glück jenes Glück ist, das wir Epileptiker in der Sekunde vor dem Anfall erleben“

Dass es nicht ungefährlich – weil schlecht umkehrbar – ist, einen solchen Bewusstseinszustand zu erreichen, legen Erfahrung mit Drogen nahe. Auch unter der Droge Psilocybin wird das „Ich“ ausgeschaltet. Und Psilocybin-Probanden geben an, dass der Psilocybin-Rausch für sie eine der bedeutendsten Erfahrungen ihres Lebens oder gar die bedeutendste überhaupt gewesen sei (S.409). Nach sechs Monaten erneut befragt, berichteten sie durchweg von DAUERHAFTEN (!) Bewusstseinsänderungen.

Auch in der Bibel findet man Hinweise auf diesen besagten Bewusstseinszustand, den man anscheinend erlebt haben muss, wenn man religiös gläubig werden will:
Durch das Essen „vom Baum der Erkenntnis“ wurde der Mensch aus dem Paradies vertrieben, er hat den paradiesischen Zustand der Unwissenheit hinter sich gelassen. Für Gläubige ist das eine Sünde,und die Sünde besteht demnach darin, eine Form von Bewusstsein entwickelt zu haben, die es erlaubt, sich selbst und die Welt zu reflektieren.(S. 289). Als religiös Glaubender muss man also sein Ich-Bewusstsein unterdrücken, den eingangs erwähnten Selbstbestätigungs- und Selbstbehauptungswillen verstummen lassen.

Etwas Ähnliches geschieht beim Meditieren: „In der Meditation (werden) alle abstrahierenden Gedanken unterdrückt, der Prozess der automatischen Kategorisierung umgekehrt....Diese Rückkehr zur ursprünglichen kindlichen Wahrnehmung bezeichnet der Psychiater als De-Automatisierung“ (S. 456). Spirituelle Entwicklung findet statt, wenn man das Ego aufgibt. Das ist der Kern der spirituellen Erfahrung (S. 459)

Willis Jäger wird S. 494 mit derselben Ansicht zitiert: „Es gibt eine Erkenntnisebene, die das Mentale, das Rationale übersteigt. Was uns daran hindert, ist das Ich-Bewusstsein.“

Ich stimme dem zu, mit einem kleinen, aber wesentlichen Einwand: diese Erkenntnisebene liegt nicht ÜBER sondern UNTER der rationalen Erkenntnisebene. Sie ÜBERsteigt diese also nicht, ganz im Gegenteil: die prähistorische Entwicklung des menschlichen Bewusstseins – die im Zeitmaß der Evolution erst kürzlich stattgefunden hat und die den entscheidenden Schritt vom Tier zum Menschen darstellt – wird passager rückgängig gemacht! Das „Ich“, das den Menschen erst zum Menschen macht, wird zurückgedrängt, gestört, ausgeschaltet.

Ich möchte mich hier erdreisten, dem Herrn Metzinger (den ich sonst sehr schätze) zu widersprechen. Metzinger „.. kann sich vorstellen, dass der Moment, in dem man die permanente Repräsentation und Konstruktion unseres Gehirnes durchschaut, das ist, was religiöse Traditionen mit „Erleuchtung“ bezeichnen.“ Aber: wenn „Erleuchtung“ so etwas ist wie die Ausschaltung des „Ich“, dann ist doch niemand mehr da, der „ die permanente Repräsentation und Konstruktion unseres Gehirnes" durchschauen könnte. Metzinger selber hat auf die These „Das Ich ist eine Illusion“ einmal geantwortet, dass das nicht stimmen könne, weil ja dann niemand mehr da ist, der diese Illusion haben könnte.

Warum wird der Verlust des „Ich“ aber als so etwas Schönes, Positives, Erstrebenswertes empfunden? S.495 benennt Herr Jäger die Ursache:
„..diese Erfindung des Ich, diese Frucht vom Baum der Erkenntnis, (führt) zur Vereinzelung. Wir empfinden uns als getrennt von anderen Existenzen, erleben uns als in die Welt geworfene Objekte, die eine Zeit lang ihre egoistischen Interessen verfolgen und irgendwann zu Staub zerfallen.“

Wer religiös empfindet, begibt sich somit zurück auf die Bewusstseinsstufe eines Kleinkindes. Kinder sagen erst im Alter von etwa dreieinhalb Jahren „ich“ zu sich selber. Deswegen ist religiöses Empfinden auch „..etwas ganz Einfaches, jedes Baby bringt es mit sich auf die Welt. Deshalb ist auch der Geist Jesu ein “Kinder-Geist“, ein Anfänger-Geist, nicht der Geist von Könnern oder Gelehrten.“ (S. 511) Auch in der Bibel steht doch irgendwo, dass Gläubige werden sollen „wie die Kinder“.

Wie erreicht man aber diesen Zustand des Ich-Verlustes, der religiöses Empfinden erst möglich macht? Auf S. 509 erfährt man:
„Tatsächlich kann jede Handlung eine religiöse Dimension erhalten, vorausgesetzt, sie wird im Geiste ungeteilter Konzentration ausgeführt und lässt sich regelmäßig wiederholen. Wer sich auf solche Momente einlässt, kann dabei sein stolzes Ich- und Selbstmodell – wenigstens für kurze Zeit – hinter sich lassen und zu..einer Rückkehr zur ursprünglichen kindlichen Wahrnehmung gelangen.“

Ich möchte einmal spekulieren, dass diese anscheinend notwendigen regelmäßigen (rhythmischen) Wiederholungen die (ebenfalls rhythmischen) elektrischen Wellen stört, wie sie im EEG aufgezeichnet werden können (und deren Bedeutung unbekannt ist). Vielleicht findet so etwas wie Resonanz oder Interferenz statt? Das wäre mindestens plausibel.

Das „Königreich“, das im Neuen Testament öfter als Sehnsuchtsort erwähnt wird, befindet sich also nicht irgendwo auf der Erde. Jesus sagte ja auch (ich glaube vor Pilatus) „mein Reich ist nicht von dieser Welt“. Im apokryphen Thomasevangelium heißt es: „das Königreich der Himmel ist vielmehr INWENDIG in euch und um euch herum“ (S.512). Gemeint ist der Geisteszustand mit einem verminderten „Ich“-Empfinden, der eine alternative Wirklichkeit vorgaukelt.

Die Frage, ob es jenseits der normalen Wirklichkeit einen „Gott“ gibt, ist mithin falsch gestellt. (S.513) Die eigentliche Frage lautet, was es für uns Menschen bedeutet, in der Wirklichkeit zu sein.“ Das ist das eigentlich Gefährliche an religiösen Überzeugungen: Gläubige leiden an einer Störung des Wirklichkeitsempfindens.

Zu dieser These (Religiosität beruht auf einer Störung des Realitätssinnes) passen auch die zahlreich beschriebenen „Wunder“ die nicht nur im Christentum so lebendig sind, vom biblischen Wunder der „Auferstehung“ bis zu heutzutage noch vorkommenden Marienerscheinungen und selbstverständlich auch die angeblich „wirkliche“ (nicht symbolische!) „Wandlung“ von Wein und Oblaten in Menschenfleisch und -blut in der katholischen Messe. Zum Teil handelt es sich wohl klar um Halluzinationen, es ist aber auch ein fliessender Übergang zur einfachen Verkennung der Realität zu beobachten.

Damit harmonieren die Spekulationen des Herrn Julian Jaynes sehr gut, der davon ausgeht, dass sich das menschliche Bewusstsein nicht im Laufe der Evolution schlagartig eingestellt hat – eine durchaus vernünftige These – sondern dass ein Übergang stattgefunden hat von einer Art Vorbewusstsein, das dem Geisteszustand heutiger halluzinierender Geisteskranker geähnelt hat. Unser heutiges Ich-Bewusstsein ist entwicklungsgeschichtlich gesehen noch nicht sehr alt und nicht sehr fest etabliert, es kann schon durch einfache Meditationsübungen ausgehebelt werden. Die Gläubigen geraten dann in einen vorbewussten Zustand, der aus den oben angeführten Gründen als sehr angenehm empfunden wird, aber – gewissermaßen als Nebenwirkung – diese Störung des Realitätsempfindens hervorruft.

Ich frage mich nun, ob es erstrebenswert ist, diesen Ich-freien, vor-bewussten Geisteszustand zu erreichen. Immerhin scheint er unter Umständen das Leben des Betroffenen unumkehrbar zu beeinflussen. Es drängt sich mir der Vergleich mit dem Gebrauch von psychoaktiven Substanzen auf. Ich meine nicht unbedingt „harte“ Drogen, obwohl es bei diesen besonders ausgeprägt ist. Auch der „Genuss“ von Nikotin und Alkohol beschert u.U. angenehme Erlebnisse, welche aber mit Vorsicht zu genießen sind. Vor allem Nikotin verändert bei den meisten Anwendern den Realitätssinn soweit, dass die eigene Gesundheit und Lebenserwartung gleichgültig werden.

Ist Religion also doch "Opium für das Volk"?

Es kommt zum Glück niemand auf die Idee, schon in der Grundschule – ja sogar im Kindergarten – den Umgang mit Nikotin und Alkohol zu üben. Religiöse Inhalte werden aber schon Kleinkindern vermittelt! Es ist dann nicht verwunderlich, wenn im Jugendalter an Einigen diese religionsbedingte Störung des Realitätssinnes auftritt: sie „glauben“, sie halten absurde Überzeugungen für unbestreitbar wahr. Wollen wir das wirklich weiter zulassen?

Es will mir so vorkommen, dass die Kirchen hier keinen Deut besser sind als die Tabakkonzerne: beide profitieren von einer Verwirrung im Gehirn der Menschen, beide arbeiten mit aller Macht daran, ihren Einflussbereich nicht zu verlieren und beide gaukeln der Bevölkerung vor, sie täten „Gutes“ - die Tabakkonzerne indem sie z.B. Sportveranstaltungen sponsern, die Kirchen indem sie (mit staatlichen Steuergeldern) soziale Einrichtungen betreiben.

Wölfe im Schafspelz!

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