Emotions
EmotionsFoto-Quelle: (c) Sabine Adameit

Traumzeit

Beitrag von wize.life-Nutzer

Was wir wirklich sind und die Wirklichkeit, die wir leben, ist unsere psychische Wirklichkeit, die nichts anderes ist – und beachten Sie dieses erniedrigende “nichts anderes” – als die Tag und Nacht fortwirkende dichterische Phantasie. Wir leben wirklich in der Traumzeit, wir sind der Stoff, aus dem die Träume sind.
(James Hillmann, Hundert Jahre Psychotherapie – und der Welt gehts immer schlechter)

Was ist wirklich, was verlässlich und worauf können wir bauen? Unsere Erinnerungen sind es sicher nicht. Die Annahme, unsere Erinnerungen seien so etwas wie säuberlich abgelegte Daten in einem übersichtlich geordneten Aktenschrank oder genaue Aufzeichnungen, wie die eines Videorecorders, aus denen wir die Vergangenheit jederzeit exakt abrufen können, ist längst widerlegt.
Jede Information die wir aufnehmen, sei sie beglückend oder dramatisch, ist begleitet von Bildern, Klängen, Gerüchen, physischen und psychischen Gefühlen und Eindrücken. All das findet seinen Platz an den verschiedensten Stellen in unserem Gehirn, wird verknüpft mit Erfahrungen, früheren Erinnerungen, Stimmungen und Körperempfindungen.

Das ist einer der Gründe, warum Erinnerungen unvermittelt und in den verschiedensten Situationen auftauchen, neu zusammengesetzt, mit anderen Schwerpunkten, aus anderen Blickwinkeln und in anderen emotionalen Zusammenhängen. Was auch immer unsere Erinnerungen sein mögen, verlässlich sind sie ganz sicher nicht.
Das, was uns geformt, geprägt und zu dem hat werden lassen, der wir heute sind, ist ein trügerisch unsicherer Stoff. Unsere Erinnerungen müssen wir heute als rekonstruktiven Vorgang verstehen, in dem eine permanente kreative Verschmelzung von Dichtung und Wahrheit stattfindet.
Dieser Prozess unterliegt zudem verschiedenen Einflüssen, derer wir uns gar nicht bewusst sind.
C.G. Jung schrieb allgemein über unser menschliches Denken:

Verstehen wir überhaupt je, was wir denken? Wir verstehen bloß jenes Denken, das nichts ist als eine Gleichung, aus der nie mehr herauskommt, als wir hineingesteckt haben. Das ist der Intellekt: Über ihn hinaus gibt es ein Denken in urtümlichen Bildern, in Symbolen, die älter sind als der historische Mensch, ihm seit Urzeiten angeboren und alle Generationen überdauernd, ewig lebendig die Untergründe unserer Seele erfüllend. Volles Leben ist nur in Übereinstimmung mit ihnen möglich. Weisheit ist Rückkehr zu ihnen. Es handelt sich in Wirklichkeit weder um Glauben noch um Wissen, sondern um die Übereinstimmung unseres Denkens mit den Urbildern unseres Unterbewussten, welche die unvorstellbaren Mütter jeden Gedankens sind, welchen auch immer unser Bewusstsein zu ergrübeln vermag.

In manchen Belangen stimme ich mit Jung nicht überein, allerdings zu dem Fazit, dass es eine Wirklichkeit jenseits unserer Wahrnehmung gibt, die uns berührt und unser Denken, Handeln, Fühlen und auch unser Erinnern beeinflusst, zu diesem Fazit kommen wir gemeinsam.

Die Existenz einer „geistlichen“, „spirituellen“ (oder wie immer wir sie auch nennen wollen), Wirklichkeit ist nicht von der Hand zu weisen. Je mehr und tiefer wir jedoch eintauchen in das, was uns ausmacht, bewegt und beeinflusst, um so größer wird das Erschrecken darüber, dass nichts zwangsläufig so sein muss wie es uns erscheint. Erinnerungen sind eine kreative Mischung aus dem, was war und dem, was hätte sein können, oder was uns lieber gewesen wäre. Unser Denken, sobald es über den Horizont einer, wie Jung es nennt, Gleichung hinausgeht, unterliegt viel mehr Einflüssen und hat viel mehr Ursprünge, als es uns lieb sein kann und unsere Wahrnehmung zeigt uns immer nur unser ganz persönliches Bild dessen, was wir für die Wirklichkeit halten.
In einem Zeitalter, in dem unser Wissenshorizont breiter und unsere Erkenntnisse tiefer geworden sind als irgendwann zuvor, scheinen unsere Antworten auf die entscheidenden Fragen nach dem woher, wohin, warum und wozu, unsicherer und zweifelhafter als je in der zurückliegenden Zeit der menschlichen Geschichte.

Was bleibt also?
Für mich wird der Boden erst dadurch tragfähig, dass ich parallel zur Geschichte des Menschen und seiner Entwicklung die Geschichte Gottes mit den Menschen hinzunehme. Füge ich die Existenz Gottes als Fixpunkt, als unwiderlegbare Gegebenheit in meine „Gleichung“ ein, werden zwar nicht alle Fragen beantwortet, meine Erinnerung, mein Denken, Fühlen und Handeln werden nicht verstehbarer oder bis in Letzte erklärbar, aber das ist hinnehmbar.
Ein Anker hält ein Schiff auf seiner Position, er verhindert nicht, dass es bei hohem Seegang schaukelt.
Letztlich wird mein Denken natürlich nicht vereinfacht, wenn ich die Existenz Gottes akzeptiere und in mein Denken einbeziehe. Die Akzeptanz der Existenz Gottes wirft - ganz im Gegenteil - noch viel mehr Fragen auf. Das Verstehen stößt an Grenzen und Zweifel sind Teil des Glaubens. Aber letztendlich bleibt mir als letzter Schluss und tröstliche Erkenntnis ein Satz, den vor 2000 Jahren die Nachfolger Christi geprägt haben:
"Herr, zu wem sollten wir gehen? Nur du hast Worte, die ewiges Leben schenken."

Bild: (c) Sabine Adameit / http://arts-of-emotions.de