Lachen Problemlöser
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Wieso haben so viele ein Beschränktes Lachspektrum?

Beitrag von wize.life-Nutzer

Obwohl ich mit meinen etwas mehr als hundert Jahren nun doch schon zu den älteren Jahrgängen zähle und mich infolgedessen nicht mehr für jede technische Neuerung interessiere, beschäftigt mich seit einiger Zeit die Frage, warum zum Teufel beim Übertritt ein Lachspektrum gewählt werden muss. Kann mir einer eine Antwort geben?
Apropos Übertritt: Ich hoffe, jeder weiß, wovon ich spreche, und falls nicht, will ich diesen mittlerweile allgemein bekannten, akzeptierten und vielhunderttausendfach realisierten Vorgang doch noch mal kurz erläutern.
Als Übertritt – in prähistorischen Vortechnikzeiten soll der Begriff Konversion im Schwange gewesen sein – bezeichnet man den Wechsel der Seinsweise. Kurz gesagt: Wenn ein Mensch – manchmal sind es auch Hunde, Katzen, Zierfische oder anderes Getier –, wenn also ein Lebewesen seine organische Existenz hinter sich lässt, vollzieht es den Übertritt. Hinfort lebt es weiter, äußerlich kaum verändert, nur sind seine Eingeweide, die Haut, die Knochen, die Fuß- und Zehennägel und der ganze Rest, komplett ersetzt durch Bauteile aus alterungsbeständigen anorganischen Materialien.
Das Gehirn wurde mit allen Gedanken, Gefühlen, Wünschen, Affekten, Traumen und Träumen ausgelesen und neu geordnet; Überflüssiges gelöscht, der Rest neu strukturiert und auf einem kleinen, handlichen Chip gespeichert, wodurch sich in den meisten Köpfen der Übergetretenen eine ganze Menge Leervolumen ergibt; sie werden daher scherz- und boshafter Weise oft auch als Hohlköpfe bezeichnet, was natürlich höchstens hinsichtlich gewisser gehirnanatomischer Leerstellen zutrifft, keinesfalls aber für die intellektuelle Leistungsfähigkeit gilt: die Prozessoren sind erheblich leistungsfähiger als die alten, für Plaques und Verschleiß empfänglichen Nervenzellen aus organischen Materialien.
Das krankheitsanfällige alte Lebewesen kann nach dem Übertritt im Prinzip eine dauerhafte Existenz erwarten, also ein unendliches Leben; wenn es nicht durch Brand, einen Atomschlag oder crashende selbstfahrende Autos anomalen physischen Belastungen ausgesetzt wird, ist es folglich unsterblich.
Für die Realisierung eines Übertritts gibt es mittlerweile an jeder Ecke einen Laden, so wie es in den erwähnten prähistorischen Zeiten Kneipen an diesen Ecken gegeben haben soll, in denen, man kann es kaum glauben, sinnverwirrende und nervenauflösende Getränke gegen Bargeld – ich weiß mit dem Begriff, gebe ich zu, nichts anzufangen – ausgeschenkt wurden. Man geht in einen solchen „Laden für sanfte Übertritte“ – oder lässt sich, falls man selbst dazu nicht mehr in der Lage ist – dahin bringen, äußert seinen Wunsch, und wird bedient.
Freundliche Verkäufer – natürlich sind das keine echten Menschen mehr, sondern Lebewesen, die ihren Übertritt lange hinter sich haben – klären einen auf über die Kosten, den Vorgang, das erwartbare Volumen der überflüssigen und also zu löschenden Daten, die Kosten, die Garantieansprüche usw. Sie versprechen einem zunächst vollmundig eine vom Original nicht unterscheidbare anorganische Version der eigenen Person, um dann – und das wurmt mich und bewegt mich, weil ich es nach wie vor nicht verstehe – kleinlaut eine Einschränkung zu erwähnen.

Gewiss, man könnte sich streiten, ob diese Einschränkung überhaupt als solche gesehen werden kann. Es geht ja nur um das Lachen. Genauer: ein eingeschränktes Lachspektrum nach dem Übertritt. Wer zu neuem, anorganisch basierten und chipgesteuerten Leben erwachen will, um der Welt und seiner Familie die ewige Anwesenheit zu schenken, muss sich vorher für ein bestimmtes Lachen entscheiden.
Dabei ist die Auswahl nicht sonderlich groß: Man kann ein leises Lachen in einer bestimmten Tonart wählen; ein lautes, selbstsicheres, das sich, soweit ich hörte, bis zu einem brüllenden Lachen steigern lässt; dann gibt es noch ein spitzes, ein glucksendes, ein kicherndes Lachen zur Auswahl. Vielmehr ist leider nicht drin beim heutigen Stand der Übertritts-Technik.

Und da fange ich doch an zu überlegen: Für was soll ich mich entscheiden? Für ein leises, zurückhaltendes Lachen in a-Moll? Das gibt doch Schwierigkeiten, wenn ich von Menschen umgeben bin. Bei mehr als einer Person, also ab zwei, geht ein solches Lachen doch glatt unter bzw. es erreicht niemanden, es erstirbt, kaum dass es meinen Mund verließ. Fällt zu Boden, in den Staub, wird absorbiert, gelöscht. Wer lachte ein solches Lachen mit? Niemand, weil es quasi unhörbar und somit nicht existent ist; und wenn es doch jemand hat erhören können, würde er sich abrupt abwenden: Wer möchte etwas mit einem Lachen zu tun haben, das nur von falscher Bescheidenheit oder gar von Minderwertigkeitskomplexen zeugt! Nein, soviel Mitleid und Verständnis kann in unserer Welt nicht mehr vorausgesetzt werden.
Das Gegenteil wäre ein lautes, selbstsicheres Lachen, das sich in der Intensität erheblich steigern lassen soll – bis zum Brüllen, heißt es in den einschlägigen Übertritts-Werbefilmen. Aber wenn ich mir vorstelle, ich würde bei einer morgendlichen Begrüßung, zum Beispiel durch meine Frau, in ein lautes, selbstsicheres Lachen fallen und dieses dann bis zum Brüllen anschwellen lassen, ist mir nicht ganz wohl. Sie würde sicher sofort die Laserpistole zücken und versuchen, meinen Zentralchip lahmzulegen.
So ähnlich unangemessen, um nicht zu sagen: gefährlich, verhält es sich mit einem spitzen Lachen. Ich bekam mehr als hundertmal ein komplett lächerliches, völlig überflüssiges Geburtstagsgeschenk; meist gelang es mir, mit einem sonnigen Lächeln oder gekonnt freudigem Auflachen die Schenkenden zu täuschen, sodass sie im Glauben blieben, mir ein wertvolles Geschenk zugedacht zu haben, an das ich mich ewig würde erinnern. Lachte ich nun, nach dem Auswickeln des Geburtstagsgeschenkes, ein spitzes Lachen, stürzte ich die Schenker gewiss in eine Lebenskrise. Es wäre wohl vorbei mit der Geburtstagsseligkeit, vielleicht würde mir nie wieder jemand zum Geburtstag gratulieren.

Die restlichen Varianten muss ich nicht weiter erörtern: Es ist, glaube ich, plausibel, dass die Festlegung auf ein bestimmtes Lachen fast immer zu Verwicklungen, Peinlichkeiten, Missverständnissen, ja Aggressionen führt. Aus diesem Grund konnte ich mich bis heute nicht für den Übertritt entscheiden.
Sollte ich mich bis zum Ende meiner organischen Existenz nicht für eine der Lach-Varianten entscheiden können, werde ich wohl auf den Übertritt verzichten. Womit es sich mit meiner verschleiß- und Plaque freien Dauerexistenz auf anorganischer Basis hätte. Vermutlich lachen die anderen, die schon genau wissen, welches Lachen sie sich implementieren lassen, bereits jetzt über meine Skrupel.
Anonymus alias R.M.

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