Weihnachten in dunklen Zeiten

Beitrag von wize.life-Nutzer

Ich saß allein im Zimmer und schaute aus dem Fenster. Hinunter auf eine Straße, auf der sich die Autos stauten. Der Verkehrslärm stieg nach oben, und wenn man den Fensterflügel nur einen Spalt breit öffnete, verschluckte der Lärm jedes Wort. Das war eben Berlin.

Meine Familie hatte ganz plötzlich Nussberg verlassen müssen, weil wir als Deutsche in Polen lebten und Hitler Polen annektieren wollte. Meinem Vater, der an dem zweisprachigen Gymnasium in Sompolno Deutsch und Polnisch lehrte, wurde Berufsverbot erteilt, und so verließen wir bei Nacht und Nebel unsere Heimat. Das war die Flucht Nr. 1.

Der Wechsel hätte nicht schlimmer sein können. In dem kleinen polnischen Dorf hatten wir das Pfarrhaus bewohnt, obwohl mein Vater nur gelegentlich einen Lesegottesdienst hatte abhalten müssen. Aber da war der große Garten, die Zisterzienser-Kapelle unter dem Dach der Kastanienbäume, da war Lydia, das polnische Mädchen und Arko, der Schäferhund.
Das Leben dort war anders, da war Weite und natürlich die paradiesische Schönheit der Natur, die grünen Wiesen, die hellen Birkenwälder und die Seen ...

Jetzt lebten wir zu dritt in einem Zimmer als Untermieter bei einer alten weißhaarigen Dame, Frau Klicks. Es gab einen Wellensittich, den meine Schwester und ich eines Tages „befreiten“. Es sollte sein Weihnachtsgeschenk sein. Er konnte sein Glück zunächst gar nicht fassen, saß auf dem Fenstersims und überlegte, ob dieser neuen Freiheit zu trauen war.
Frau Klicks schimpfte, vergoss ein paar Tränen und kam dann mit einem neuen Vogel nach Hause.

Unten im Innenhof gab es einen Sandkasten, wo sich reichsdeutsche und volksdeutsche Kinder trafen. Man nannte die Volksdeutschen „Pollacken“ und rollte das „r“, um uns zu verspotten.

Aber das erste Weihnachtsfest im „Reich“ stand vor der Tür und ich hoffte, endlich meinen Vater wiederzusehen. Er war sozusagen die Unbeständigkeit in Person, aber wenn er einmal da war, erlebte ich alles viel intensiver. Es war dann , als ob die Schneeflocken vor dem Fenster anmutiger tanzten. Intensiver duftete es in der Wohnung nach Zimt und Lebkuchen, die Mutter und Frau Klicks arbeiteten fröhlicher in der Küche, und Herr Fischer, der junge Untermieter, machte Ingrid einen Heiratsantrag, obwohl sie doch erst 6 Jahre alt war.

Am Heiligen Abend standen dann zwei Schildkröt-Puppen unter dem Weihnachtsbaum, und es gab die traditionellen polnischen Mohnklöße und ein junges Rebhuhn, dass der Vater einmal geschossen und die Mutter eingeweckt hatte.
Es war schön, mitten im Krieg ein friedliches Weihnachtsfest zu feiern.

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Obwohl wir bald eine eigene große Wohnung beziehen konnten, empfanden wir das Leben in der Großstadt als unerträglich eng und zogen nach einem halben Jahr zurück nach Westpreußen, nach Bromberg, in die schöne Stadt an der Brahe. Venedig des Ostens.
Ingrid ging dort zur Schule, lernte mühselig m von n zu unterscheiden. „Wieviele Beine hat m“, fragte die Mutter. „Zwei“, sagte Ingrid. Ich saß dabei und lernte mit. Es wurden Diktate geschrieben, und als ich einmal die „Weinachtsgans“ ohne h geschrieben hatte und Ingrid mich auslachte, vergaß ich diesen Fehler nie.
Klar, warum sollte denn Wei - h -nachten etwas mit „weinen“ zu tun haben.


In Bromberg wurde Weihnachten anders gefeiert als in Berlin. Die Mutter lud in der Adventszeit ihre Cousinen ein, die hier auch wohnten, und sie strickten stundenlang bei Kerzenschein Socken für die Soldaten an der russischen Front. Wir durften dann die Weihnachtspäckchen packen.
In der Schule musste Ingrid die „Julbraut“ spielen – Krippenspiele gab es nicht mehr.

Weinachten 1944 fand ohne den Vater statt. Man hatte uns kurz vorher mitgeteilt, dass der Obergefreite Otto Steinke vermisst sei. Die Mutter weinte …, Ingrid sagte, man würde ihn sicher wiederfinden.
In der Stadt kursierte das Gerücht, eine Evakuierung stünde bevor, aber man müsse weitere Mitteilungen abwarten.
Dabei stand die Rote Armee schon 8 km vor der Stadt. Die Mutter packte zwei Koffer – für alle Fälle...

Weihnachten 1945 fand in Otzing in Niederbayern statt. Wir lebten schon fast ein Jahr in diesem kleinen Dorf als „Flüchtlinge“. Unsere Mutter war oft stundenlang unterwegs, um ein Brot zu „kaufen“. Sie hatte ihren Schmuck von zu Hause mitgenommen, die Bauern schenkten ihrer Frau einen Ring zum Weihnachtsfest, und unsere Mutter hatte alle Zutaten für den ersten Streuselkuchen.
Sie versteckte ihn , und als wir ihn am 1. Feiertag anschnitten, purzelten Ameisen unter den Streuseln hervor.
Sie wollten von dem ersten friedlichen Weihnachtsfest offenbar auch etwas abhaben.

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Viele Jahre vergingen -. ohne dass es etwas gab, was sich zu erinnern gelohnt hätte. Jahre ohne Höhepunkte, glanzlos. Erst viel später tauchte wieder ein Weihnachtsbaum auf und Geschenke und glückliche Gesichter. Und als wir später zum ersten Mal das Weihnachtsoratorium in der Kirche hörten, verkrochen sich auch die Schatten der Vergangenheit .

ez

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