Schweinskram II. Das Interview mit Karl Ludwig Schweisfurth
Schweinskram II. Das Interview mit Karl Ludwig Schweisfurth

Schweinskram II. Das Interview mit Karl Ludwig Schweisfurth

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Die Lebensmittel- und Ernährungsindustrie ist einer der wichtigsten Industriezweig in Deutschland. Einer von ihnen war der der Fleischermeister Ludwig Schweisfurth und seine Frau Wilhelmine, die 1887 ihre erste Metzgerei in Herten/Westfalen eröffneten. Im Jahre 1917 arbeiteten bereits über fünfzig Mitarbeiter im Unternehmen. Sohn Karl Schweisfurth übernahm die Geschäftsleitung in den 20er Jahren und schaffte es in Zeiten der Inflation und Wirtschaftskrisen, das Unternehmen auszubauen. Nach dem zweiten Weltkrieg übergab er das Unternehmen an seinen Sohn Karl Ludwig Schweisfurth, der das Familienunternehmen zur modernsten Fleischwarenfabrik Europas machte. Doch während Schweisfurth, den wir in der Stiftung in der südlichen Auffahrtallee neben dem Nymphenburger Schloss besuchen, eine radikale Wendung vollzog, blieb das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit bei den anderen Firmen der Agrarindustrie bestenfalls ein Marketing – Gag.

Welche Firma interessiert Sie denn besonders?
Schweisfurth lacht. Hier nehmen wir diese Firma. Sie verspricht, nur noch Rinder zu verarbeiten, die nicht auf gerodeten Regenwaldflächen geweidet wurden. Oder diese. Das ist doch alles Killefitt. Wenn sie wenigstens weiden würden, sie werden gemästet mit Stoffen, die für Rinder gar nicht geeignet sind.

Ich habe noch ein Beispiel. Das Unternehmen, ein Großhändler, fordert von seinen Zuliefereren eine Dokumentation über die Auswirkungen der Herstellung ihrer Produkte.
Ich habe ja in zwei Welten gelebt. Und ich hatte in meinem ersten Leben mit den ganzen Handelsunternehmen zu tun. Die Handelsunternehmen führen einen irrsinnigen Preiskampf, um ihren Wettbewerbern Kunden wegzujagen. Das hat doch dazu geführt, dass Lebensmittel heute so billig sind wie noch nie, aber unter unsäglichen Bedingungen produziert werden. Dieser billige Preis ist nur möglich durch Ausbeutung: des Bodens, der Tiere und der Menschen, die in diesem System verfangen sind. Und durch eine unsägliche Verschwendung von Energie für die Riesenmaschinen, die heute überall in der Lebensmittelindustrie angewendet werden. Und das ist Umweltzerstörung pur. Wenn die Rede auf diese Unternehmen kommt, sträuben sich bei mir die Haare. Es sind diese Handelsunternehmen, die den Produzenten das Messer auf die Brust setzen: Noch billiger produzieren. Und deswegen werden die Hühner in Käfige gesperrt, die Schweine in enge Boxen. Roden des Urwaldes, Verschwendung, Ausbeutung. Gehen Sie heute mal in eine Fleischwarenfabrik oder in ein Schlachthaus. Schauen Sie mal, unter welchen Bedingungen dort die Menschen arbeiten. In meiner Zeit waren das noch alles gestandene Handwerker, Leute die dort mit ihren Familien wohnten. Die gibt es nicht mehr, die hat man rausgeschmissen und durch irgendwelche 6-Euro-Leute aus östlichen Ländern ersetzt. Das ist skandalös.

Was hat Sie denn zum Umschwenken gebracht? Die berühmte Saulus – Paulus – Geschichte?
Natürlich, darauf basiert ein Teil meiner Glaubwürdigkeit. Ich war 30 Jahre in der anderen Welt tätig, immer als Pionier an der vordersten Front, wenn es um die Industrialisierung ging. Bis ich dann umstieg. Und mein Denken vollkommen veränderte, bis dahin, dass ich heute Herrmannsdorf mache. Um Ihre Frage zu beantworten. Da kommt einiges zusammen. Die Kinder haben eine große Rolle gespielt. Als sie ihr Abitur hatten und sich orientieren mussten, was sie nun machten mit ihrem Leben, gab es sehr heftige Diskussion. Ich habe Zwillinge, Jungen, Karl und Georg, und ein Mädchen, die Anne. Als mir die Hebamme Karl hingehalten hat, sagte sie: Das ist der Bauer. Und der ist auch Bauer geworden. Und unter seiner Führung haben mir die Kinder Feuer unterm Hintern gemacht. Vater, noch eine Fabrik, was soll denn das? Noch eine Laden irgendwo. Du musst doch gar nicht mehr, was in deinem Unternehmen, in den 10 Fabriken in aller Welt und zwischen den 5.000 Mitarbeitern alles passiert. Dich sieht man immer nur im Flugzeug und hier hin und dort hin hasten. Zur Fabrik in Brasilien, zur Fabrik in Äthiopien, dann bist du Präsident der Fleischwarenindustrie, musst nach Brüssel und nach Bonn. Man sieht dich nur mit fliegenden Rockschößen. Was soll das Ganze? Am Ende waren das Fragen nach dem Sinn meines Tuns. Im Ergebnis wollten sie mit meinem Laden nichts zu tun haben.
Da wurden mir ein paar Dinge klar: 1. Ich habe mit meinem Riesenunternehmen, Herta, wenn es um die Wurst geht...

Bekannt.
Ich habe ein wirklich soziales Unternehmen aufgebaut, wo der Mensch im Mittelpunkt steht. Gelernte Handwerker, bodenständige Leute. Aber ich lernte, ich habe in meinem Unternehmer immer weniger zu sagen. Immer mehr zu sagen hatten die Einkäufer der großen Handelsunternehmen. Das waren ungefähr 100 Mann. Die haben mir gesagt, wie ich zu produzieren und zu verpacken hatte. Das hat den und den Preis. Und den sozialen Quatsch mit deinen Mitarbeitern und deine Versuche, Kunst in die Fabrik zu bringen und mit den Mitarbeitern einen Dialog zu führen. Diesen Firlefanz sind wir nicht bereit zu finanzieren. Und da merkte ich: Ich werde meine Vorstellung des Unternehmertums nicht durchhalten können. Das nehmen mir die Einkäufer Stückchen für Stückchen weg. Das spürte ich. Das halte ich nicht durch. Den Druck, der später entstand, als die alten Handwerker abgefunden wurden, konnte ich damals noch nicht ahnen. Gesunde, kräftige Männer hatten nichts mehr zu tun, wurden durch billige Leiharbeiter ersetzt. Dann kam noch etwas hinzu: die Tiere. Ich rede von einer Zeit so um 1980. Ich merkte, die Tiere, die ich in meine Schlachthäuser bekomme, mit denen stimmt etwas nicht, wenn sie ausgeladen werden, fallen sie wie tot um. Das waren keine normalen Tiere mehr, die waren durch intensivste Tierhaltung körperlich und geistig gestört. Das Fleisch war zu wässerig, so dass ich keine guten Schinken und Würste mehr machen konnte. Da bin ich hingegangen und habe mir in Norddeutschland angeguckt, wo die Schweine herkommen, die ich schlachte.

Ich weiß es noch wie heute. Als ich die Ställe betrat, wo 5000 Schweine drin waren, es stank nach Ammoniak. Der Bauer sagte, schmeiß die Tür nicht zu, sonst kriegen die Schweine einen Herzinfarkt. Das ist mir unter die Haut gegangen. Ich kannte die Berichte und die Fotos, aber du wirst ja erst mit all deinen Sinnesorganen berührt, wenn du selbst hingehst. Wenn du es siehst und riechst und fühlst. Oh Gott. Es setzte sich wie Blei in meine Seele. Und im Januar 1984, ich war mit meiner Frau beim Fasten, bei dritten oder vierten Tag, wenn man stille sitzt, der Kopf leer ist, der Bauch leer ist. Da habe ich morgens zu meiner Frau gesagt: Dorothee, ich habe eine Idee. Es war eine Eingebung, kein Ergebnis strategischen Nachdenkens. Ich habe gesagt, ich bin ganz sicher. Das machen wir. Ich habe von dem alten System die Schnauze voll, und wir fangen noch einmal von vorne an. Ich habe alles niedergeschrieben, Sie können es bei Herrmannsdorfer nachlesen. Ich habe Herta verkauft, an Nestle per Handschlag. Am 1.1.1985 zog ich die Tür hinter mir zu, schloss dieses Kapitel meines Lebens ab.
Als erstes wurde die Stiftung gegründet. Sie kriegte ihren Auftrag, der von meinen Ideen, die ich in Herrmannsdorf umsetze, abgeleitet. Er ist heute noch genauso gültig. Die Schweisfurth-Stiftung fördert Wege zu einem ganzheitlichen und erfüllten Leben, in dem Arbeit und Technik wieder in einen besseren Einklang mit der Natur gebracht werden. Geprügelt haben sie mich dafür. Esoterik, Sekte, hieß es. Als ich Ethik einforderte bei denen, die Lebensmittel herstellen, die mit Boden, Pflanzen, Tieren, Menschen umgehen. Da hat man mir gesagt, du spinnst ja. Mit einem Unternehmen muss Geld verdient werden.
Das tue ich mit dem zweiten Projekt, mit Herrmannsdorf, das Lebensmitteln ihre Bedeutung als Lebens-Mittel zurückgibt. Es ist der Mittelpunkt eines Netzwerkes von etwa 70 ökologisch wirtschaftenden Bauern und Herstellern in der Region östlich von München, wobei Herrmannsdorf als Schwerpunkt die Verarbeitung der ökologisch erzeugten Pflanzen und Tiere in Metzgerei, Bäckerei, Käserei und Brauerei sowie die Vermarktung der Lebens-Mittel übernimmt. Auf diese Weise sind die vielen Stufen der Verarbeitung auf kurzem Wege vereint; es wird wieder Nähe hergestellt zwischen dem Ort, an dem die Pflanzen und Tiere wachsen und dem Ort, wo sie zu Lebens-Mitteln umgewandelt und auch vermarktet werden. Hinter diesem Verbund steht ein Leitbild eines achtsamen Umgangs mit allem Leben und Lebensnotwendigen.

Haben Sie eigentlich auch ihre eigene Art zu leben geändert. Haben Sie früher Herta-Wurst gegessen?
Aber ja, und ich war stolz darauf. Unter den gegebenen Verhältnissen war es ein tolles Unternehmen. Ich habe die Inhaltsstoffe angegeben, ich war fortschrittlich. Aber mit der Entscheidung begann ein Prozess des Lernens. Ich wusste vor 30 Jahren nicht, was Ökologisch bedeutete. Ich verstand mein Handwerk, und dann begann ein hochinteressanter Lernprozess, den ich nicht missen möchte. Er hat mein eigenes Denken und Handeln völlig verändert.

Und heute, würden Sie Ihre Produkte von damals heute anrühren?
Ich mache einmal einen Sprung. Voriges Jahr in SalIch mache einmal einen Sprung. Voriges Jahr in Salzburg bei den Festspielen. Wo die Kulturschaffenden und Kulturverzehrenden die Wiener Schnitzel, das ihnen vorgesetzte Zeug mümmeln. Da bekam ich das Buch von Jonathan Safran Foer in die Hände: Tiere essen. Ich stürze mich auf dieses Buch, weil es so gut geschrieben war. Und das Ergebnis: Ich sage zu meiner Frau. Dorothee, jetzt bin ich Vegetarier, außerhalb von Herrmannsdorf esse ich kein Fleisch mehr, keine Schinken, keine Würste, kein Ei. Ich bin also ein Auswärtsvegetarier.

Und warum die Ausnahme für Herrmannsdorf?
Weil ich es kenne, und weil ich der Meinung bin, dass die dortigen Produkte mit gutem Gewissen essen kann.