Kommunikation in Online Communities: Darf ich wirklich alles sagen, was ich  ...
Kommunikation in Online Communities: Darf ich wirklich alles sagen, was ich denke?Foto-Quelle: © fotomek - www.Fotolia.com

Kommunikation in Online Communities: Darf ich wirklich alles sagen, was ich denke?

Sonja Bissbort
Beitrag von Sonja Bissbort

Der schwere Skiunfall von Michael Schumacher machte einmal mehr deutlich, dass Web 2.0 nur so gut ist wie jeder einzelne Beitrag. Im Gegensatz zu Web 1.0 sind die Community-Mitglieder in dieser neuen Web-Welt nicht einfach mehr oder weniger passive Nutzer und Konsumenten, und die Inhalte werden nicht von großen Medienunternehmen zentralisiert erstellt und bearbeitet, gefiltert.

Wir gestalten die Inhalte selbst - als so genannte Prosumenten, vom englischer Prosumer abgeleitet. Im Grunde ist also jeder Einzelne ein kleiner Medienunternehmer - mit allen Freiheiten und Pflichten der persönlichen Meinung und öffentlichen Meinungsbildung.

War das nicht schon immer so?

In der Tat, und sicherlich kennt jeder in seinem persönlichen realen Umfeld, was es bedeutet, wenn jemand zu viel persönliche Meinung äußert. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, eine Nachbarin meiner Eltern ließ an niemandem etwas Gutes. Je nach Stimmung war mal der eine, mal der andere dran, irgendwann auch meine Eltern. Die meisten ließen das Gerede über sich ergehen, man wusste ja, von wem es kam. Die wenigsten pflegten jedoch persönlichen Umgang mit der Frau, weil sie jedes Vertrauen verspielte. Man wollte eben selbst nicht mehr als unbedingt nötig ins Gerede kommen, ihr möglichst keinen Anlass bieten.

Eine Community im Netz ist wie ein Dorf. Man kennt sich, mag sich, schätzt sich - und redet. Idealerweise miteinander und nicht übereinander. Denn:

Ein Shitstorm im Netz ist ein emotionaler Tsunami für jeden Betroffenen.

Wenn meine alte Nachbarin jemanden schlecht redete, dann war der Radius klein und mehr oder weniger jeder wusste ihre Aussagen einzuschätzen und zu relativieren. Angenehm war es dennoch nicht. Wenn im Netz ein unbedachtes oder schlechtes Wort gegen jemanden gerichtet wird, wird es schnell zur Waffe, zum Lauffeuer und Flächenbrand, der kaum mehr zu löschen ist.

Bei Facebook und Twitter lesen potenziell Millionen, was eigentlich nur zwei Menschen wie etwas Herrn Pocher und Herrn Becker angehen sollte. Auch für den Fall, dass möglicherweise auch ein bißchen Selbst-PR im Spiel gewesen sein sollte, tut das irgendwem gut? War ihr Schlagabtausch in irgendeinem Punkt bereichernd? Hat er irgendwie Sinn gemacht? Sensationalismus und Voyeurismus sind auf Dauer leere Eitelkeiten.

Der offene Dialog über alle Grenzen hinweg bietet so viele Möglichkeiten. Auch bei unterschiedlicher, selbst kontroverser Meinung.

Marshall B. Rosenberg hat in den 1980ern vor dem Hintergrund der Kriege, die Amerika in Asien geführt hatte, das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation entwickelt. Mit dem Ziel, dass Kommunikation zu mehr Vertrauen und Freude am Leben führt - und insbesondere auf politischer Ebene den Einsatz von Gewalt, sprich: Krieg als letztes Mittel zu verhindern. Deshalb soll das, was wir sagen, nicht dazu dienen, andere Menschen zu einem bestimmten Handeln oder Denken zu bewegen, sprich: sie zu manipulieren. Kommunikation soll helfen, eine wertschätzende Beziehung aufzubauen und damit mehr Kooperation und gemeinsame Kreativität zu ermöglichen.

Was mich an dieser so genannten "Sprache des Herzen" begeistert:

  • Wir müssen den anderen nicht bewerten oder gar verurteilen, weil er anders denkt. Wir hören ihm zu, versuchen zu verstehen oder lassen das Gesagte einfach stehen, ohne zu moralisieren.

  • Wir fordern nicht, sondern bitten. D.h., der andere muss nichts einlösen, wir agieren nicht mit Angst und Schuldgefühlen, wenn er unsere Bitte nicht erfüllt.

  • Wir beobachten nicht so sehr den anderen, sondern bleiben bei uns und klären unser Bedürfnis.

  • Wir entgegnen nicht sofort und im Gefühl der Empörung oder Wut, sondern halten inne und überlegen, was den anderen bewogen haben könnte, so zu agieren, und was uns empört. Aus einem gewissen Abstand heraus fühlen sich die gleichen Dinge, lesen sich die gleichen Worte meist völlig anders.

So verhindern wir ein Aufbrausen, zu dem anfängliches Gezwitscher und Twittern schnell werden kann, weil Aussagen zu spontan, zu wenig bedacht, vielleicht sogar unüberlegt erfolgten, Aussagen, die uns später vielleicht sogar leid tun. Alles und jeder wird zum Anlass zur Kritik und Empörung. Brauchen wir das? Was auch immer meine alte Nachbarin zu ihrem Verhalten bewogen haben mag - sie war einsam. Keiner mochte sie.

In der Roman-Biographie "Schönheit der Verwilderung" habe ich eine schönes Gegenbild dazu gefunden:

Dialog und Kommunikation als ein Austausch, indem man aus zwei Gläsern hin und her gießt, ohne etwas zu verschütten.

Warum es bei Facebook oder Twitter immer wieder zu einem Shitstorm und zum "Twittern" kommt? Möglicherweise "motiviert" das Medium selbst dazu - die extreme Kürze der Nachrichten, die keinen Raum lässt, eine Aussage differenziert darzustellen, sondern auf Tempo zielt?

Wie man dem entkommt?

Zum Beispiel, indem man nicht alles sofort und ohne noch einmal nachzudenken schreibt, auch wenn Web 2.0 Schnelligkeit erlaubt. Aber sprechen wir ruhig aus, was uns bewegt - so, dass es der andere verstehen und nachvollziehen kann, dass er gerne zuhört und sich wahr genommen fühlt. Dann fühlt auch er sich frei zu antworten und auf das Gesagte einzugehen. Eigentlich genau so, wie wir immer kommunizieren. Warum auch sollten im Netz andere Regeln der Kommunikation herrschen?

So bewirken wir eine Kettenreaktion, die nicht atomar und mobbend wird, sondern bereichernd und synergetisch.

So könnte die Welt doch noch zu einem schönen kleinen Dorf echter Gemeinschaft werden.

In diesem Zusammenhang ein weiterer interessanter Artikel zum Thema: "Kommunikation in Online Communities: Privatfehden und Hitzeschlachten"