Mit dem Rollator in den Krieg der Generationen
Mit dem Rollator in den Krieg der Generationen

Mit dem Rollator in den Krieg der Generationen

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

"Überfahr ihn mit Deinem Rollator!" "Opa, hat man deinen Rollator abgeschleppt? Hattest du vergessen, dass er im Halteverbot stand?" Plötzlich bekommen die Witze, die man schon immer mit dem und über das Alter machte, eine neue Note: Der aktive Alte wird als Zielscheibe des Spottes entdeckt. Früher war es der vergessliche, der blinde, der lahme - jetzt ist es der fitte Alte, der versucht, am Leben teilzuhaben, und der sich dazu der verfügbaren Hilfsmittel bedient, eben auch des Rollators. Ihn gilt es durch Lächerlichkeit herabzusetzen.

Die Stigmatisierung des Alters

Die Stigmatisierung des Alters mit Hilfe von Sprüchen gab es schon immer. Die Vorstellung, über den Silver Ager, den 50Pluser oder den 60Pluser ein neues Altersbild durchzusetzen, das von Respekt gekennzeichnet ist, war eine Wunschvorstellung. Dies funktionierte, solange man in den Alten Konsumenten sah, eine neue, über Vermögen verfügende Verbrauchergruppe, die zu umwerben und zu umschmeicheln es sich lohnte. Diese Phase ist vorbei. Man ist zu den alten, oft bösartigen Klischees zurückgekehrt oder einfach dort hängen geblieben.
Warum? Feindbilder entstehen immer aus einem undifferenzierten Gefühl der Bedrohung. Bedrohen die Alten wirklich die Jungen, die noch Berufstätigen? Ist die Große Koalition eine Verschwörung gegen die Jugend, weil die Mütterrente eingeführt wurde?

Das Gefühl der Bedrohung ist real und schon längst in den Medien angekommen, in der Spott-Sendung "Heute Show", in der Süddeutschen Zeitung: "Am Abend wird die Saison offiziell eröffnet. DFL- und DFB-Chef Dietrich Mateschitz hält eine bewegende Rede, bei der er sich ganz besonders bei seinen Vorgängern Wolfgang Niersbach und Hansi Flick bedankt. Beim anschließenden Festakt zum Jubiläum der Abschaffung der Winterpause vor zwanzig Jahren kommt Fifa-Präsident Karl-Heinz Rummenigge mit einem goldenen Rollator auf die Bühne. Rummenigge sagt: Liebe Winterpause, wir danken dir. Danke, danke, danke." In der Heute-Show passieren ähnliche Gehässigkeit.

Rummenigge mit Rollator

Rummenigge mit Rollator meint einen Rummenigge, der nicht abtreten kann, weil er nicht abtreten will. Der nicht dorthin geht, wo "anständige" Senioren hingehen: in den Schatten, raus aus dem Rampenlicht. Dieses gehört gefälligst den Jüngeren. Ein alter Mann am Stock gibt zu erkennen, dass er nur noch durch das Leben humpelt, keine Bedrohung für den, der auf zwei gesunden Beinen an ihm vorüberläuft. Ein Mann oder eine Frau mit einem Rollator kann Tempo aufnehmen, kann Schritt halten. Es ist ein neues Bild des alten Menschen in der Gesellschaft.
Plötzlich werden Fragen neu gestellt, von den Jungen aber auch von den Alten selbst: Ist mit dem Alter alles zu Ende? Oder beginnt jetzt erst die große Freiheit? Schließt sich am Ende der Kreis des Lebens oder dreht sich alles nur noch im Kreise? Ist das Altersheim die Endstation oder wohnen wir endlich in der WG, in der wir schon immer wohnen wollten? Ist der Rollator das Fortbewegungsmittel der Zukunft? Rock'n'Roll die Musik der Alten? Und wenn Mick Jagger mit 68 noch fasziniert, warum nicht ich auch? Die Jungen giften zurück: Wenn die Alten noch so fit sind, warum leisten sie nicht das soziale Pflichtjahr, anstatt nutzlos auf Parkbänken rumzusitzen?

Die Argumentation verliert ihren Kontext

Die Argumentation verliert ihren Kontext, die Unsicherheit über den Umgang mit den neuen Alten lässt die Grenzen zwischen Klamauk, Zuneigung, Diskriminierung und Gehässigkeit verschwinden. Die moderne Soziologie versucht dies wieder zurechtzurücken und untersucht die formalen Zusammenhänge (Arbeit, Rente, Wohnsituation, Finanzen) und die inhaltlichen Aspekte (abweichendes Verhalten, Familienbeziehungen) der Lebensphase "Alter". Die Frage bleibt, was die Soziologie wirklich mit ihren "Sozialwissenschaftliche Alternstheorien" leisten kann, etwa dem "Alter als Stigma".

Stigma bedeutet, dass ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen durch Voreingenommenheit, Klischees und Gemeinplätze diskriminiert oder mit einem negativen Bild belegt werden. Alten Menschen wird oft mit Vorurteilen begegnet, d.h. ihnen werden gruppenspezifische negative Eigenschaften zugeschrieben. Dies ist bedingt durch die Gesellschaft, die die Ideale jung, dynamisch und erfolgreich vertritt. Altsein wird mit mangelnder geistigen Leistungsfähigkeit, Krankheit und Pflegebedürftigkeit gleichgesetzt. Dies geschieht aus zwei Gründen: Die Jungen haben ein Interesse daran, die Alten zu stigmatisieren und zwar aus Gründen der Machtverhältnisse (die bestehen oder entstehen sollen), damit die Jungen automatisch positive Attribute erhalten. So wird erwartet, dass der Arbeitsplatz für jüngere Mitarbeiter freigegeben wird, es wird erwartet, dass der alte Mensch mit weniger finanziellen Mitteln auskommt, es wird erwartet, dass der alte Mensch in seinen Reihen bleibt.
Die Aktivitätstheorie fragt, ob die Aktivität, die man während des Berufslebens aufgebracht hat, in das Alter transportiert werden kann. So können mittels Aktivität Verluste kompensiert werden. Verluste, die mit dem Berufsaustritt empfunden werden sind der Verlust der Rolle (als Berufstätiger, Kollege), der Verlust an Kontakten und der Verlust an Funktionen (Vermitteln von Erfahrung, von Lebenserfahrung).
Die Disengagementtheorie meint, dass sozialer Rückzug die Voraussetzung sei für erfolgreiches Altern. Der Verlust von Kontakten und Aktivitäten wird positiv angesehen, da dieses zunächst unabänderlich ist. Man geht davon aus, dass Aktivität in das Alter transportiert wird und fehlende Aktivität ebenso. Der Rückzug aus den Lebensbereichen wird hier als biologischer Prozess angesehen, der vollkommen natürlich ist und letztendlich notwendig und erwartet wird, um allen Gesellschaftsmitgliedern gerecht zu werden (Jüngere können auf dem Arbeitsmarkt eingesetzt werden und Ältere verlangen nach Ruhe).

Die Arbeitswelt einer Gesellschaft

Es geht bei diesen soziologischen Theorien fast immer um die Arbeitswelt einer Gesellschaft, die einerseits fordert, dass jeder länger arbeitet, andererseits den festen Arbeitsplatz durch mehrere Beschäftigungs- und Vertragsformen aufgelöst hat und nun versucht, etwa über die Festschreibung der (Mindest-) Entlohnung dieser Arbeitswelt wieder eine Struktur zu geben. Dabei stört der Alte, der weder auf eine feste Beschäftigung aus noch auf Mindestlöhne angewiesen ist. Selbst dessen Stigmatisierung als weniger anpassungs- und leistungsfähig gerät ins Rutschen. Denn was im Alltag der Rollator ist im Beruf die Beherrschung des Computers, der nicht nach Jugend oder Alter fragt.
Alle Versuche der letzten Jahre, durch Gesetze (flexible Altersgrenze, Erleichterung des Bezugs eines vorgezogenen Altersruhegeldes) die Zahl der Älteren im zu verringern, führten nicht zum gewünschten Ergebnis. Andererseits gelang es nicht, ältere Arbeitslose wieder in die Berufswelt zu integrieren. Wissen und Praxis sind weder nachzuholen noch auszugleichen. Die "drin" sind, bleiben drin, die "draußen" sind, bleiben draußen.

Was weder die Soziologen noch die gesetzliche Rahmen beantworten können, ist die Tatsache, dass heute Leistungsfähigkeit und - wille keine Frage des Alters mehr sind, sondern mit der Gesundheit, den Interessen und den Lebensumständen zu tun haben. Der eine will mit 70 noch arbeiten, der andere nicht. Beide haben Recht und Anspruch darauf, ihren Wünschen entsprechend zu leben. Solange diese Flexibilität nicht gegeben ist, haben die Jungen Angst vor den Alten und versuchen sie, in die gewünschten Schablonen zu pressen, und sei es mit Witzen. Doch die Alten könnten ihnen mit dem Rollator über die Füße fahren. Erst wenn die Flexibilierung des Rentenbezugs, die Freiheit des Alters zum Arbeiten kommt, wird diese Stigmatisierung aufhören.

Gehässigkeit muss nicht sein

Dabei muss der Umgang der Generationen miteinander nicht von Gehässigkeit geprägt sein. Die Rock'n'Rollator Show mit den "Groove@Grufties", die im Theater Bonn ihren Auftritt hatte, berichtete von einem geradezu lustvollen Umgang der Generationen miteinander. Die Senioren rührten die Werbetrommel, indem sie mit einem geschmückten Rollator in der Bonner Innenstadt unterwegs waren. Mit Erfolg, alle Vorstellungen waren ausverkauft. Es geht eben doch: Der lebenslustige Brückenschlag zwischen Alt und Jung und der vergnügliche Versuch, der ewigen Jugendlichkeit aller Altersklassen nachzuspüren.