Brennendes Flugzeug in Pearl Harbor 1941
Brennendes Flugzeug in Pearl Harbor 1941Foto-Quelle: USMC Archives

Mein Wort zum Sonntag: Glauben Sie an Verschwörungstheorien?

News Team
Beitrag von News Team

Verschwörungstheorien führen zu extremen Reaktionen. Für die einen sind sie Spinnereien esoterischer Paranoiker, für die anderen ernstzunehmende Rekonstruktionen seltsamer Ereignisse. Und was meinen Sie?
Es gibt offensichtlich unsinnige oder gar gefährliche Verschwörungstheorien: Dass die Juden die Welt beherrschen, eine unter Neonazis und in manchen arabischen Ländern immer noch verbreitete These. Oder dass die Amerikaner die Mondlandung nur simulierten und in Wirklichkeit nie auf dem Mond landeten. Dann gibt es welche, die niemand glauben möchte, die aber doch zutreffen: Die schrecklichen Terror-Anschläge am Bahnhof von Bologna (2. August 1980) und am Oktoberfest in München (26. September 1980) wurden nicht etwa von radikalen Linken oder Einzeltätern verübt, sondern von einer staatlich geförderten Geheimorganisation namens "Gladio". Und welcher vernünftige Mensch würde diese These glauben: Der Geheimnisdienst eines großen Lands jenseits des Atlantiks hört die ganze Welt ab, sammelt alle Daten, vom einfachen Bürger bis zur Bundeskanzlerin. Große Software-Konzerne wie Google und Apple unterstützen ihn dabei, der Präsident des Landes weiß davon und findet es gut, zumal dieser Geheimdienst zusätzlich Wirtschaftsspionage betreibt und damit auch befreundete Länder schädigt. So ein Unsinn! Hätte man vor ein paar Jahren noch gesagt …

Der Überfall auf Pearl Harbor - eine Verschwörung?

Wie man Verschwörungstheorien betrachten sollte, möchte ich am Beispiel des Überfalls der Japaner auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 zeigen. Tatsächlich hatten Roosevelts Kryptographen den japanischen Code kurz zuvor geknackt, die Hinweise betreffs Überfall wurden aber an den verantwortlichen Admiral Kimmel nicht weitergeleitet. Und der damalige Kriegsminister der USA, Henry Stimson, schrieb am 25. November 1941 in sein Tagebuch: „Die Frage war, wie man sie (die Japaner) in eine Position manövrieren könnte, in der sie den ersten Schuss abgeben würden, ohne dass uns zuviel passiert.“ Denn Roosevelt suchte verzweifelt nach einem Grund, in den Krieg gegen Hitler einzutreten. Der war sein Feind, berechtigterweise, nicht Japan! Der Kongress und die gesamte Stimmung im Lande aber erlaubten das nicht. Noch ein paar andere Punkte weisen auf eine Verschwörung durch den Präsidenten hin: Wichtige Leute wurden vom Marinestützpunkt kurz zuvor abgezogen, wichtige Kriegsschiffe ebenfalls. Usw.
Schaut man sich die Sache genauer an, löst sich einiges im Nichts oder in politischer Logik auf. Denn: Hätten die Japaner die Hafenanlagen und Vorräte zerstört, wäre die US-Marine in ihrer Bewegungsfreiheit über einen sehr langen Zeitraum massiv eingeschränkt gewesen. Tatsächlich war die Zerstörung der Hafenanlagen als Teil des Angriffs vorgesehen. Da der erste Angriff jedoch länger dauerte als geplant und zu befürchten war, dass die gestarteten Maschinen bei einem weiteren Angriff nicht vor Einbruch der Dunkelheit zurückkehren würden, entschloss sich der japanische Befehlshaber trotz heftiger Proteste seiner Offiziere, auf den zweiten Angriff zu verzichten. Da diese Entscheidung aber unmöglich vorherzusehen war, müssten die amerikanischen Planer, wenn sie tatsächlich den Angriff wissentlich zuließen, davon ausgegangen sein, wahrscheinlich den kompletten Stützpunkt zu verlieren. Es ist zweifelhaft, ob Washington bereit gewesen wäre, sich auf so ein massives Risiko einzulassen. Zudem hätte ein weiterer japanischer Angriff am Nachmittag auch den inzwischen eingelaufenen Flugzeugträger USS Enterprise vorgefunden, was auch die These von den gezielt aus dem Hafen entfernten Flugzeugträgern infrage stellt.

"Wir wissen" heißt nicht: Alle wissen

Die Kryptographen hatten zwar den Code entschlüsselt, was nicht heißt, dass sie alle Botschaften kannten oder gar dem Präsidenten sofort vorlegten. Die Informationsblockade ging wohl vom FBI und seinem berüchtigten langjährigen Chef J. Edgar Hoover aus. Der sah seine Oberhoheit über die Geheimdienstaktivitäten beschnitten, und der Armee misstraute er sowieso.
Fazit: Sieht man genauer nach, löst sich manches in verwirrende Einzelheiten auf, die in scheinbar keinem Zusammenhang stehen. Verschwörungstheorien aber konstruieren diesen Zusammenhang, was dann zu einem einleuchtenden, aber möglicherweise falschen Bild führt.

Doch der kritische Leser wird fragen: Wie war das mit der Ermordung von Kennedy? Und wie erklären wir die vielen Ungereimtheiten über den 11. September?