Gedanken einer ehemaligen Altenpflegerin

Beitrag von wize.life-Nutzer

Der Grund in ein Altenheim zu ziehen, ist die Pflegebedürftigkeit, und diese wird durch die unterschiedlichsten Erkrankungen hervorgerufen. Manchmal zeichnet es sich über längere Zeit ab, dass Mutter oder Vater, gelegentlich sogar beide, ihren Alltag nicht mehr selbständig bewältigen können, z.B. aufgrund fortgeschrittener Demenz oder schwerer Gebrechlichkeit, welche öfter zu Stürzen geführt hat. Bekannterweise kann Pflegebedürftigkeit auch sehr plötzlich entstehen, eben durch die schlimmen Folgen eines Sturzes oder u.a. aufgrund eines schweren Schlaganfalls.
Die eigene Wohnung, in der man sich geborgen, ja, eben zu Hause fühlt, verlassen zu müssen, um in ein Haus, in dem nur alte Leute wohnen, zu ziehen, ist sehr schwer. Besonders schwer wird es, wenn Mann oder Frau sich nicht rechtzeitig mit dem Gedanken an eine eigene eventuell eintretende Pflegebedürftigkeit vertraut gemacht haben und für sich eine passende Lösung ins Auge fassen konnten. Oft kommt nur ein Altenheim in Frage.
Für mich, als ehemalige, langjährige Altenpflegerin steht fest, dass ich, falls es notwendig werden sollte, ins Altenheim ziehe. Meine beiden Töchter sind gelernte Krankenschwestern. Die Eine ist relativ spät Mutter geworden, und die Andere arbeitet schon seit Jahren in der häuslichen Pflege. Sie sind beide so liebevolle Kinder, und doch will ich nicht, dass die Tochter, welche im Nachbarort wohnt, mich zu Hause pflegt. Meine Töchter haben immer fleißig gearbeitet, und sie sollen ihr Alter mit ihren Ehemännern genießen können.
Allerdings wären für mich die regelmäßigen Besuche meiner Familie von größter Wichtigkeit.
Wie oft habe ich es in den vielen Jahren meiner Berufstätigkeit erlebt, dass es immer wieder Bewohner(innen) gab, die kaum Besuch von Familienangehörigen bekamen. Das fand ich sehr traurig. Eine Familie mag für ihr Fernbleiben gute Gründe haben, denn es gibt nun mal Mütter und Väter, die ihren Kindern eine sogenannte schwere Kindheit bescherten. Manchmal ist es auch einfach Desinteresse, Überlastung durch Arbeit von Seiten der Angehörigen, oder der Grund ist eine weite Entfernung, warum Besuche so selten stattfinden. Sei es wie es sei - meine Erfahrungen mit alten Menschen, die im Leben ihre Familien kaum mehr eine Rolle spielten, haben mich zum Schreiben des folgenden Gedichtes veranlasst:

"Endlösung"

In trüben Augen sinnender Blick,
kaum nach vorn, doch weit zurück -
erlebte Freude, verklungener Schmerz -
vom langen Leben ein müde gewordenes Herz.
Kann nicht mehr so stark wie früher schlagen -
darin schlummern Sonnenstrahlen
aus vergangenen Tagen.-
Weißes Haar, welke Haut, eingesunkene Wangen -
tief im Inneren immer noch Hoffen und Bangen.
Kommen die Kinder morgen, oder haben sie wieder keine Zeit?
Haben sie so viele Sorgen?
Ist der Weg zu mir wirklich so weit?
Wache Gedanken in früheres Leben:
Wie konnte ich da meine Hände noch regen!
Wie konnte ich sorgen
und Freude machen meinen Lieben!
Wo sind nur meine Sorgen und Freuden geblieben?
Die Kinder haben sie mir abgenommen. -
Du bist nun alt, und die Zeit ist für Dich gekommen
um endlich einmal auszuruh'n.
Lass andere für Dich die Arbeit tun. -
Das hatten meine Kinder zu mir gesagt
und mich dann gar nicht mehr gefragt,
sondern mich in ein großes Haus
und dort in ein Zimmer gebracht.
Du - sagten die Kinder - es klang ein wenig atemlos -
wir haben uns gedacht,
hier ist es besser für Dich als in deinem bisherigen Heim,
Du konntest dort wirklich nicht länger alleine sein.
Darum konnten wir tragen für dich
die Verantwortung nicht mehr.
Schau, hier bist Du sicherlich in den besten Händen
und lebst doch auch weiter in eigenen Wänden.
Da ist Dein Schrank, sieh', die Bilder gehören auch dir,
Dein Tisch, Deine Stühle, - es sind nur noch vier -
die anderen und Dein übriges Mobiliar
haben wir ausrangiert - wie alt und abgenutzt es schon war!
Du freust dich ja gar nicht -
nun, Du wirst schon seh'n
das Leben wird hier für Dich auch
bestimmt sehr schön!
Du weinst ja - glaub nur,
jetzt ist's vorbei mit der Einsamkeit Qual,
denn hier gibt's ein Gesellschaftszimmer
und auch einen Gemeinschaftsspeisesaal,
freundliches Personal und nette alte Leute,
eben Deinesgleichen; -
und auch ein Telefon für Dich -
Du kannst uns jederzeit damit erreichen.
Wir wollen nun gehen,
damit Du findest jetzt die Ruh'
Dich einzuleben hier. Ach, und vergiss nicht,
wir kommen doch dann ab und zu
Dich auch besuchen mit den Kindern und den Kleinen.
Ach, hör doch endlich auf mit deinem Weinen!
Du brauchst nun nicht mehr putzen, kochen, waschen
und auch nicht länger tragen schwere Einkaufstaschen.
Wir haben uns so viel Mühe
und Arbeit gemacht wegen Dir -
taten es gerne, erwarten deshalb keinen Dank dafür.

Verarbeitete Hände, unruhig suchend im Schoß -
trauriges Fragen: wozu sind sie mir noch nutze bloß?
Was soll ich nur den langen Tag über tun?
Nichts gibt's mehr, um davon im Schlafe auszuruh'n.

Sitzen am Fenster - traurig gebeugt der Kopf -
krumm der Rücken,
mit geschlossenen Augen
in bewegte Vergangenheit blicken.
Dann- - jähes Erschrecken, banges Fragen:
Kommen die Kinder in den nächsten Tagen?
Bitteres Wissen: Sie waren schon lange nicht hier,
und der Weg ist auch nicht allzu weit zu mir!
Die Lösung für ihre Probleme,
die sie sich für mich erdachten
war für die Kinder sehr bequem -
ob sie nicht dabei bedachten,
dass es ihnen im Alter könnte auch so ergeh'n?

Wärme, helles Licht,
sanft klingender Ton aus der Seele Falten
dringt empor! Ich fühle mich geborgen, werde gehalten. -
Leichtigkeit breitet sich in mir aus -
lässt mich schweben - endlich zu Haus.

Waltraud Berndt

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