Überlastung in der Pflege früh erkennen
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Überlastung in der Pflege früh erkennen

Sozialverband VdK Bayern e.V.

Angehörige brauchen mehr Unterstützung, damit sie nicht krank werden


Manchmal kündigt es sich lange an, manchmal ist man plötzlich damit konfrontiert: Ein Familienmitglied braucht nicht nur gelegentlich Hilfe, sondern dauerhaft Pflege. In vielen Familien ist es für die Angehörigen selbstverständlich, dass sie diese Aufgabe übernehmen. Von den derzeit über 2,3 Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden zwei Drittel von Angehörigen zu Hause versorgt.

Meist sind es Frauen, die sich aufopferungsvoll – oft rund um die Uhr – um ihre Eltern, den Partner, das eigene Kind oder die Schwiegereltern kümmern. Viele pflegende Angehörige sind einer großen Belastung ausgesetzt, sowohl körperlich als auch seelisch. Sie merken meist erst zu spät, dass sie Gefahr laufen, sich selbst zu überfordern.

„Das erkennen viele erst, wenn sie mit Schlafstörungen, starken Schmerzen oder Burn-out eindeutige Symptome zeigen“, so Diplom-Psychologe Mathias Klasen vom Beraterteam der psychologischen Online-Beratung für pflegende Angehörige www.pflegen-und-leben.de. Das Online-Beratungsportal bietet eine anonyme und kostenfreie Beratung durch geschulte Psychologen. Einige Erfahrungsberichte von pflegenden Angehörigen kann man auf der Homepage nachlesen.

So schreibt die 71-jährige Gerlinde: „Seit zwei Jahren betreue ich meinen Mann, und langsam werde ich selbst zum Pflegefall. Zwei Mal am Tag kommt eine Pflegekraft, die meinem Mann beim Waschen und Anziehen hilft, aber alles andere mache ich. Oft tun mir alle Knochen und besonders der Rücken weh. Ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste. Zeit zum Ausruhen bleibt selten. Immer öfter schlafe ich schon abends gegen acht vor dem Fernseher ein.“

Wie groß die Gefahr für pflegende Angehörige ist, sich zu überfordern, hat die Untersuchung der Siemens Betriebskrankenkasse (SBK) gezeigt: Versicherte, die Angehörige pflegen, mussten weit öfter medizinisch versorgt werden als die anderen Versicherten. Das größte Problem waren laut Studie die seelischen Belastungen durch die Pflege, ganz besonders, wenn es um Demenz-Erkrankungen ging. Zu den körperlichen, seelischen und sozialen Belastungen kommen häufig auch noch finanzielle hinzu. All diese Bürden müssen täglich neu bewältigt werden.

„Die Folgen können unterschiedlich sein und mit Erschöpfung, Gereiztheit, Nervosität und Unzufriedenheit einhergehen“, so Mathias Klasen. Bei Demenzkranken komme noch die Wesensveränderung hinzu, was für den Angehörigen, der den Partner oder die Eltern anders kennt, schwer zu verkraften ist.

Doch nur wem es gut geht, kann auf die Dauer auch gut für einen Angehörigen sorgen. Wer überlastet ist, reagiere oft anders, als er es eigentlich will. Das könne auch zu Aggressionen und sogar Gewalt führen. Der Psychologe rät pflegenden Angehörigen, diese Warnsignale ernst zu nehmen, auf sich zu achten und sich rechtzeitig Hilfe zu suchen.

Doch noch sind nicht ausreichend Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige vorhanden. Pflegebedürftige und ihre Angehörigen warten schon lange darauf, dass die Politik die Weichen für eine bessere Pflegepolitik stellt. Die neue Regierung muss endlich eine große, konsequente und umfassende Pflegereform auf den Weg bringen, fordert der Sozialverband VdK.

Dazu gehört nach Auffassung des VdK, die Leistungen der Pflegeversicherung in allen Bereichen, vor allem in der häuslichen Pflege, deutlich anzuheben. Des weiteren müsse der neue ganzheitliche Pflegebedürftigkeitsbegriff endlich eingeführt werden, damit auch demenziell Erkrankte angemessene Leistungen der Pflegeversicherung bekommen können. Die „Pflegestufe 0“ und die geringe Anhebung des Pflegegelds seit Anfang 2013 reichen nicht aus.

Der VdK fordert außerdem eine bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, die rentenrechtliche Gleichstellung von Familienpflege- und Kindererziehungszeiten sowie den Ausbau von Entlastungsangeboten wie Tages- und Kurzzeitpflege.

Kontakt

Das zentrale Angebot auf www.pflegen-und-leben.de besteht aus einer internetbasierten psychologischen Beratung für pflegende Angehörige. Anonym, kostenfrei und datensicher geben Psychologinnen und Psychologen pflegenden Angehörigen fachliche Unterstützung und Beratung in seelischen Stress- und Belastungsphasen. Die speziell geschulten Beraterinnen und Berater bieten Gelegenheit zum schriftlichen Austausch mit den pflegenden Angehörigen. Gemeinsam wird im Beratungsprozess nach individuellen Wegen gesucht, die hilfreich sein können, seelischen Druck aus dem Pflegealltag zu nehmen.
(Ines Klut)

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