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Mein Wort zum Sonntag: Was ist Pädophilie?

News Team
09.03.2014, 10:42 Uhr
Beitrag von News Team

Endlich rückt der Schutz von Kindern vor sexuellem und anderem Missbrauch ins Licht der Öffentlichkeit. Der Fall Edathy hat auch dazu beigetragen. Aber ist jeder, der sich künstlerisch mit Kindern beschäftigt, auch ein Pädophiler?

War Caravaggio pädophil?

Jemand hat gesagt: Würden wir unsere derzeitigen, strengen Grundsätze bezüglich Kinderpornographie auf Künstler der Vergangenheit anwenden, dann wäre ein Maler wie Caravaggio längst hinter Gittern. Vielleicht sogar zu Recht, denn dass man Kinder vor Übergriffen schützen muss, ist eher neu. Doch man kann sich auch täuschen, wie die Biographie des englischen Kinderbuchautors Lewis Carroll (1832 - 1898) zeigt. Alle seine Biographen vermelden, dass sich Carroll nur für kleine Mädchen interessierte, das Interesse an ihnen verlor, sobald sie in die Pubertät kamen, sich manchmal an erwachsene Frauen heranmachte, nur um deren minderjährige Töchter mit seinen Zauberkünsten und Rätseln zu becircen; und dass er in seinen fotografischen Exkursionen hauptsächlich kleine Mädchen nackt oder in (für die damalige Zeit) aufreizenden Kostümen ablichtete. Er schrieb an seine Kindfreundinnen unzählige Briefe, in denen er immer wieder Umarmungen und Küsse einforderte. Seine Biographen beschreiben ihn demnach als emotional unausgereift und unfähig zu normalen Beziehungen. Und als versteckt pädophil.

Lewis Carroll - er interessierte sich nur für Kinder

Aber stimmt das? Was sagt denn der Meister selbst dazu? Das Gleiche: "... die eifrige Freude am Leben, die nur in den glücklichen Stunden der Kindheit kommt, wenn alles neu und märchenhaft ist, wenn Sünde und Sorgen nur Namen sind ..." Womit der Fall klar wäre.
Aber war es wirklich so? Das fragte sich auch Karoline Leach von der Lewis-Carroll-Society London. Sie analysierte seine zahlreichen Briefe und Tagebucheintragungen und erstellte eine Statistik. In ihrem Buch "In the Shadow of the Dreamchild" legte sie ihre verblüffenden Erkenntnisse nieder: Die meisten Empfänger von Briefen und anderen Gunstbezeugungen waren heranwachsende Mädchen oder erwachsene Frauen! Kinder machten - auch bei den Fotos - nur einen Bruchteil seiner Bekanntschaften aus. Und Leach entdeckte die Fortsetzung der obigen Zitate. Da heißt es beispielsweise: "Einige meiner liebsten Kindfreundinnen sind dreißig oder älter." (!) Und: "Ich muss gestehen, dass die Gesellschaft Erwachsener viel interessanter ist (als die von Kindern)."

Was hat der Kinderbuchautor versteckt?

Mehr noch: Seine intensivsten Beziehungen galten erwachsenen, ja sogar verheirateten Frauen. Die durften bei ihm übernachten, er küsste und umarmte sie zur Begrüßung und zum Abschied, er ging mit ihnen Hand in Hand spazieren und besuchte gemeinsam mit ihnen Theaterstücke, Musicals und Galerien. Oft becircte er kleine Mädchen, nur um die Mutter zu einer Foto-Session einladen zu können. Alle seine (echten) Kindfreundinnen, mit denen er später noch Kontakte pflegte, waren ihm als Heranwachsende und Erwachsene viel lieber denn als Kinder.
Was war da geschehen? Wieso entsteht ein so völlig falsches Bild von einem Mann ohne große Geheimnisse? Die Antwort ist simpel und kann nur aus der Zeit heraus verstanden werden. Carroll wollte sich nicht binden, obwohl ihm als Priester die Ehe erlaubt war. Aber Frauen interessierten ihn sehr, und das durfte nicht sein. Schließlich lebte er in der Zeit der Königin Viktoria. Beziehungen zu einer erwachsenen und gar verheirateten Frau waren verpönt, außer, man wollte sie demnächst heiraten. Erwachsene Frauen konnte man auch nicht einfach umarmen und küssen, und mit ihnen ins Theater zu gehen war damals so ähnlich verrucht, wie wenn man sie heutzutage in einen Swingerclub einladen würde. Vaudeville-Shows waren noch schlimmer, denn dort tanzten Frauen und zeigten ihre Beine, und in Ausstellungen sah man gelegentlich - man wagt es kaum auszusprechen - auf den Gemälden nackte Frauen!
All das war einem viktorianischen Gentleman untersagt, erst recht einem Priester und Mathematik-Dozenten in Oxford. Kleine Mädchen dagegen verkörperten unter Königin Viktoria Unschuld und Reinheit in ihrer höchsten Form. Man (und frau) durfte sie nackt zeichnen und fotografieren. So reduzierte Carroll seine weiblichen Bekanntschaften auf Kinder, nur um seinen Ruf zu bewahren. Und genau das hat seinen Ruf heute geschädigt!

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