Putin und die Büchse der Pandora
Putin und die Büchse der Pandora

Putin und die Büchse der Pandora

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Die Erinnerung eines Volkes währt, so sagt man, 5 Generationen, das sind etwa 150 Jahre. Betrachtet man die Vorgänge auf der Krim und in der Ukraine in dieser historischen Parallele, befindet man sich in den Jahren nach dem Krim-Krieg. Dieser war 1853 ausgebrochen, weil sich Moskau als Schutzherr der orthodoxen Christen in Jerusalem und der Balkanslawen sah. Außerdem fühlte man sich im Reigen der europäischen Mächte ebenbürtig, hatte man doch die Hauptlast in dem Krieg gegen Napoleon getragen. Doch der Krieg - gegen das Osmanische Reich, England und Frankreich - ging schlecht für die Russen aus. Sewastopol, die Marinefestung der Russen, wurde erobert. Moskau fühlte sich allein gelassen, vor allem von Österreich-Ungarn und Preußen.

Russische Empfindungen

Heute ähneln sich die Empfindungen der Russen: Man trug die Hauptlast im Kampf gegen die Mittelmächte im Ersten und gegen den Hitler-Faschismus im Zweiten Weltkrieg und fühlt sich doch um seinen Platz in der Weltpolitik betrogen. Putin ist kein Zar, und er ist auch kein Stalin, aber den russischen Nationalismus muss er bedienen, wenn er nicht fallen will. Mit der Kirche hat er sich versöhnt, seine Schwulenhatz kommt ihren Zielen entgegen. Dem Friedens- und Wohlstandsreich der Europäischen Gemeinschaft will er eine eurasische Union entgegenstellen, aber kaum einer will freiwillig mitmachen. Der Welt will er seine Ebenbürtigkeit und den Glanz des Reiches mit den Winterspielen in Sotchi beweisen, aber es bleibt ein schaler Geschmack. Die Ähnlichkeit zu der Olympiade in Berlin 1936 ist zu auffällig, vor allem die Zivilgesellschaft im eigenen Land läßt sich nicht blenden.
Und mit der Besetzung der Krim durch seine Camouflage-Truppen hat er nicht einmal einen nationalen, russischen Erfolg gefeiert, die Begeisterung im Lande war gering, dabei aber eine Büchse der Pandora aufgemacht. Was als Trick eines Schachspielers gewertet wird, Soldaten zu schicken und sie als regionale Selbstverteidigungstruppen auszugeben, ist ein Zeichen von Schwäche. Auch hier drängen sich Bilder aus der Geschichte auf: Der Angriff auf den Sender Gleiwitz durch angebliche polnischen Verbände, das Vorgeplänkel zum Zweiten Weltkrieg. Und die Erklärung vor der Presse, man werde gegen ein "Brudervolk" keinen Krieg führen, erinnert an die Brudervölker, die im Namen des internationalen Sozialismus unterjocht wurden, allen voran die Polen, Tschechen und Slowaken.

Erinnerung an die Kiewer Rus

Und die Ukraine, das "Grenzland", wurde von den Zaren nach Belieben filetiert, nachdem es sich im 17. Jahrhundert unter deren Schutz begeben hatte. Dabei war das Reich von Kiew, die Kiewer Rus, vor 1000 Jahren nicht nur das Reich des byzantinischen Christentums, sondern auch die Wiege Russlands. Und die Ukrainer waren einer der Stämme unten den Groß- Weiß- und Kleinrussen. Doch seitdem Iwan IV, der Schreckliche, aus dem Großfürstentum Moskau ein Zarenreich gemacht hatte, zählten sie als eigenständige Nation nichts mehr, große Bevölkerungsteile wurden russifiziert, Hunderttausende nach Sibirien verschleppt, Millionen verhungerten. Stalin setzte das Werk der Zaren fort, und als Nikita Chruschtschow der Ukrainischen Sowjetrepublik die Krim schenkte, verschwand er keinen Gedanken daran , die Ukraine könnte einen anderen als den russischen Weg gehen.

Putins größte Katastrophe

Dann zerbrach die Sowjetunion, für Putin die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts, und er, Wladimir Putin, tritt an, die Teile wieder unter seine Macht zu bringen: Weißrussland, Kasachstan, Aserbeidschan. Selbst Krümel werden gerne einverleibt wie Ossetien und Abchasien, wie Transnistrien. Die Liste ist lang. Nachdem das russische Parlament jedem den Schutz des Vaterlandes versprochen hat, der Russisch spricht und darum bittet, geht die Angst auch im Baltikum um. Dort gibt es viele, die Russisch sprechen. Aber das Hauptaugenmerk Putins gilt der Ukraine, die Kiewer Rus. Ohne sie bleibt die eurasische Union ein Torso. Er wähnte sich schon fest am Ziel mit einer Mischung aus Erpressung und Verlockung und dem Satrapen Janukowitsch. Dann kam die Revolte des Maidan. Sie zeigte, die Ukraine ist kein kleines Russland, es ist eine europäische Nation und blickt nach Westen, nicht nach Osten. Auch sie hat eine 150jährige Erinnerung: an Teilung, Verschleppung, Ermordung, kulturelle Vernichtung.

Und nicht nur sie: Die Krimtataren werden sich in kein russischen Protektorat Krim einfangen lassen. Aus den Weiten Sibiriens sind sie in ihre Heimat zurück gekehrt - als Minderheit unter lauter Russen. Sie sind das Gefährlichste, was Putins Pandora - Büchse entströmt: Sie sind nicht einmal Brudervolk, und sie haben Freunde, in der Türkei, in Tschetschenien, im ganzen islamischen Unterbauch des russischen Reiches. Was der Westen jetzt diskutiert, Boykott und Ächtung, hat bei den Popen und dem neuen Großmächtigen in Moskau nur geringe Bedeutung. Er wird sich diplomatische Geplänkel gefallen lassen, jetzt, wo er sein Ziel auf der Krim erreicht hat. Nachgeben wird Putin nicht. Er wird den Weg zuende gehen, demnächst werden die östlichen Provinzen der Ukraine Mütterchen Russland um Hilfe rufen.

Zurück zu den Denkschablonen des Krimkrieges

Der Westen wird sich nicht nur an die Olympiade in Berlin erinnern sondern auch an das Münchner Abkommen und den Sender Gleiwitz. US-Präsident Barack Obama wird wieder eine rote Linie ziehen. Vor allem aber wird er seine Beziehung zum Iran in Ordnung bringen, sich fragen, warum er eigentlich in Afghanistan das sanieren wollte, was gerade die Russen versaut hatten. Die Türken, die Turkvölker und das ganze muslimische Mittelasien werden plötzlich wichtig. Man wird zu den Denkschablonen des Krimkrieges zurückkehren: Die Russen gilt es einzupferchen.

Foto: Copyright hhh

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