AZ-Insolvenz: Erst fehlt der Beiß, dann der Leser
AZ-Insolvenz: Erst fehlt der Beiß, dann der Leser

AZ-Insolvenz: Erst fehlt der Beiß, dann der Leser

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Sigi Sommer trägt einen Trauerflor. Denn seine Zeitung, die Münchner Abendzeitung, schafft es nicht mehr. Sie ist insolvent. Pleite war sie schon lange, spätestens seit 2001 häufte sie Schulden über Schulden. Nur hat jetzt die Verlegerfamilie gesagt: Wir mögen nicht mehr. Und die Geschäftsführung des berühmtesten Boulevardblattes der Republik musste bei Gericht den bitteren Antrag auf Insolvenz stellen.

Viel Geld hatte die Familie Friedmann ausgegeben, ihr Tafelsilber veräußert, Zeitungs- und Rundfunkbeteiligungen. Wie die anderen Miteigentümer der Süddeutschen Zeitung. Auch diese Verleger haben viel Geld verloren. Das ganze Immobilien-Filet-Stück in der Ecke Sendlinger Straße, Färberstraße, Hotterstraße, Hackenstraße gehört jetzt anderen.

"Wir machen weiter - für Sie!

Trotzig titelte gestern am 05.März die AZ: "Wir machen weiter - für Sie!" Aber wer ist das: "Sie?", und warum sind diese Sie nicht bereit, für die AZ den notwendigen Preis zu bezahlen? Alle, Redaktion und Verlag lebten wohl den Traum, dass die Tage nicht vorbei wären, in denen Sigi Sommer seine philosophisch- kauzigen Kolumnen schrieb, als Michael Graeter der Bussi-Bussi-Gesellschaft der bayerischen Landeshauptstadt auf den Teller und unter die Bettdecke schaute, als er den AZ-Leser mit den Großen dieser Welt, Gunther Sachs, Jack Nicholson, Bianca Jagger und anderen tuchfühlend bekannt machte, so dass sie stolz mit der AZ unter dem Arm durch die Stadt flanierten. Als das ganze Land Kir Royal und Monaco Franze, den ewigen Stenz, bestaunte, und München die Sehnsuchtsstadt der Deutschen war. Der Traum ist längst vorbei, nur wach wurde man erst, als ein Minus von 70 Millionen Euro in den Büchern stand, alleine 2013 satte 10 Millionen.

Die Geschäftsführung gibt sich zerknirscht, es hätte doch bei der "notwendigen Verzahnung von Print und Online durchaus Erfolge" gegeben, die sich an massiv gestiegenen User-Zahlen ablesen ließen. "München ohne Abendzeitung ist wie Hirn ohne Beiß" kalauerten gestern die Redakteure der AZ. Aber wo war ihr "Beiß"? Den hatte sie in Wirklichkeit nie, Sigi Sommer schrieb seine Kolumne "Blasius, der Spaziergänger" und reflektierte das Münchner Flair, so wie es die Münchner selbst gerne sehen wollten. Zum Dank setzte man ihm 1998 sogar ein Denkmal in der Fußgängerzone unweit der Redaktion, das jetzt den Trauerflor trägt. Ponkie war als Fernsehkritikerin bekannt, dann gab es den archetypischen Münchner "Herr Hirnbeiß", der mehr grantelte als biss. Bayerische Originale trafen auf die Münchner Schickeria, und dank AZ durften alle dabei sein.

Nach dem Knast und vor dem Knast

Und heute? Einen Monaco Franze gibt es nicht mehr, aus dem Schätzchen Uschi wurde Uschi die Glasierte. Die Bussi-Gesellschaft bewegt sich in einer Phase entweder hinter dem Steuer-Knast wie der Kolumnist Michael Graeter, der als 72 jähriger Schlaganfall-Patient hinter der alten Zeit herschreibt, oder vor dem Knast wie FC-Bayern-Chef Ulli Hoeneß, dessen Prozess in wenigen Tagen ansteht. Und die Szene in der Stadt? Moshammer ist lange tot. Investoren-Architektur gibt den Ton an. Eine Clique von Bauträgern hat Bau- und Planungsamt des Rathauses fest im Griff. Agfa-Hochhaus, Ackermannbogen, Messestadt Riem, Pasing-Arcaden. Die Ästhetik wurde abgeschafft. Im geilen Blick die zu erwartende Steigerung der Einwohnerzahlen geht es nur um Profit-Maximierung. Den Maklern sind die reichen Russen und Araber am liebsten, die an der Sophienstraße die Wohnungen kaufen und längst ihre eigenen Kaufhäuser haben, mit sprachkundigem Personal. Die Kreativen haben die Stadt längst verlassen, Richtung Berlin und Hamburg.

In München bleiben die Träumer und ihre bronzenen Denkmale, wie die von Siggi und dem ewigen Stenz.

Die Abendzeitung hat auch eine Menge Fehler selbst gemacht. Sie zoffte sich mit der großen Schwester SZ, baute eine eigene Druckerei und hoffte auf die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Zu teuer und zu riskant. Und der Redaktion fehlte der "Beiß", die augenfälligen Veränderungen in ihrer Stadt zu kritisieren. Man war zu nahe an den Empfängen, am Champagner, den Häppchen und den Anzeigenkunden. Da kamen Chefredakteure, die kannten München nicht, die setzten auf Gewinnspiele statt kritische Recherche. Die Auflage war im Sturzflug von einst stolzen 270 000 auf jetzt 100 000.

Der Leser orientiert sich um

Und der Leser orientierte sich um, der direkt angeflehte "Sie" suchte andere Titel und andere Formate. Doch was ist mit der Leserschaft der anderen Münchner Zeitungen? Die TZ, die ordinäre Schwester des Münchner Merkur, behauptet sich dank Kooperationen im Anzeigenbereich und einem Verleger namens Bernd Ippen, der immer mehr auf die Bilanz als auf den Glamour geschaut hat, der das Münchner Umland, wohin es die Familien mit Kindern trieb, bediente. Dem Bilder von sportlich erfolgreichen Kindern wichtiger waren als Bilder von feiernden Promis. Das zahlt sich heute aus. Und die Süddeutsche Zeitung? Ihre von den Amerikanern mit der ersten Lizenz für eine Zeitung in der US-Zone beschenkten Verleger verstanden sich lange mehr als Herausnehmer denn als Herausgeber. Als es eng wurde, haben sie Eigentum und Geschäft an Leute gegeben, denen es gelungen ist, das Blatt auf Kurs zu halten. Noch; denn der Kampf um die mediale Zukunft Münchens ist noch lange nicht vorbei. Man muss nicht mehr präsent sein in München, wo nur noch Oper und Theater leuchten, der Rest aber geldgeil, banal und provinziell geworden ist. Der AZ-Konkursverwalter wird sich schwer tun, einen zu finden, der den Redakteuren ihr Spielzeug erhält, wenn kein Leser in Sicht ist. Und auch die anderen Titel sollten die Zeichen an der Wand sehen. Mal sehen, wer weitermacht und wer Trauerflor trägt.

Foto: Alter Hof, Copyright: hhh