Interview zu Gefahr durch Cybergrooming: Kinder auch im Netz nicht allein la ...
Interview zu Gefahr durch Cybergrooming: Kinder auch im Netz nicht allein lassen

Interview zu Gefahr durch Cybergrooming: Kinder auch im Netz nicht allein lassen

Sicheres Netz hilft e.V.

Interview zu Gefahr durch Cybergrooming: Kinder auch im Netz nicht allein lassen

Quelle: http://www1.wdr.de/themen/politik/ki...etz100.html
Text: Das Interview führte Nina Magoley
Erschienen: Stand: 07.03.2014, 06.00 Uhr, zuletzt aufgerufen am 09.03.2014 um 10.00h

Über einen scheinbar harmlosen Chat im Internet gerät eine 12-Jährige an einen pädophilen Mann. Die Eltern erfahren erst davon, als das Mädchen spurlos verschwindet. Von den Gefahren im Netz wissen Eltern meist viel zu wenig, sagt Kriminologe Markus Wortmann.

Bild: Mädchen im Internet: Harmloser Chat?
Quelle: http://www1.wdr.de/themen/politik/ki...etz100.html

Maria ist gerade zwölf Jahre alt, als sie Bernhard H. (53) im Netz kennenlernt. Im Mai 2013 steigt sie zu ihm ins Auto und ist seitdem verschwunden. Seither wird international nach Maria und dem Mann gefahndet. So weit muss es nicht zwangsläufig kommen. Davor, dass ältere Männer sich im Netz als Jugendliche ausgeben, um in Kontakt zu Kindern zu kommen, wird allerdings immer häufiger gewarnt. Polizei und auch Eltern stehen bislang vor einem schwer kontrollierbaren Phänomen.

WDR.de: Herr Wortmann, als Kriminalbeamter haben Sie selber mit Fällen von Cybergrooming, wie es mittlerweile heißt, zu tun. Nimmt die Häufigkeit zu?

Markus Wortmann: Aussagekräftige Studien fehlen uns bisher. Die polizeiliche Kriminalstatistik zählt nur die Fälle, in denen es zur Anzeige kommt. Dennoch stieg dort die Zahl von 934 Fällen im Jahr 2011 auf 1.406 Fälle im Jahr 2012. Die Dunkelziffer schätzen wir wesentlich höher. Hinzu kommt: Viele angezeigte Fälle werden nicht so vorangetrieben, dass es zu einer Verurteilung des Täters kommt. Und der "bloße" Versuch von Cybergrooming ist nach Paragraf 176 ohnehin nicht strafbar. Das stellt ein Problem dar.

Markus Wortmann
Bild – Markus Wortmann
... ist Kriminologe und Polizeiwissenschaftler. Im Dienst als Kriminalbeamter beim Polizeipräsidium Südosthessen liegt sein Schwerpunkt vor allem in der Bekämpfung von Kinderpornografie im Internet und bei den Themen Soziale Netzwerke und Internetmobbing. Der von ihm mit gegründete Verein "Sicheres Netz hilft" initiiert Aufklärungsprojekte an Schulen.

WDR.de: Wenn es zu einem solchen Kontakt zwischen einem Kind und einem pädophilen Erwachsenen kommt: Woran kann es liegen, dass Eltern das nicht mitbekommen?

Wortmann: Teilweise sind Eltern hoffnungslos überfordert. Oft sind sie mit den neuen Medien nicht aufgewachsen, es fehlt ihnen an Medienkompetenz. In den meisten Kinderzimmern stehen mittlerweile Computer, auf denen die Kinder ungestört im Internet unterwegs sein können. Oft meinen die Eltern, dass die Schule für die notwendige Aufklärung sorgen muss. Dabei ist es sehr wichtig, dass Eltern in fraglichen Situationen als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Miteinander reden ist wichtig, selbst wenn die Kinder dabei ihren Eltern etwas beibringen können. Kinder, denen unseriöse Kontakte oder merkwürdige Dinge beispielsweise im Chat begegnen, verzichten oft auch aus Scham darauf, ihren Eltern etwas davon zu sagen. Wenn Eltern und Schule gemeinsam dafür sorgen würden, dass den Kindern klar ist, was gut und was schlecht ist im Internet und was gar nicht geht, dann wäre diese Hemmschwelle nicht so groß.

WDR.de: Viele Eltern trauen ihren Kindern viel zu – und können sich schlicht nicht vorstellen, dass sie unvorsichtige Schritte im Netz gehen, Adressen oder Telefonnummern preisgeben. Ist potentiell jedes Kind gefährdet? Oder brauchen pädophile Täter ein bestimmtes Opferschema, um ihre Beute ködern zu können?

Wortmann: Kinder und Jugendliche machen sich oft überhaupt nicht klar, dass das Internet nichts vergisst und persönliche Daten, einmal genannt, für immer dort zu finden sind. Eher gefährdet aber ist zum Beispiel ein Kind, das zuhause bestimmte Werte und Normen nicht vermittelt bekommen hat, das in sich nicht stark ist oder schnell beeinflussbar oder aus einem Elternhaus kommt, wo es ihm an Liebe und Zuneigung fehlt. Ein Täter kann sich im Chat leichter in das Vertrauen eines Kindes einschleichen, dem nie jemand sagt, dass es toll ist oder gut aussieht. Er macht entsprechende Komplimente, und wenn das Kind ihm dann erstmal Fotos oder andere Zeichen geschickt hat, kann er es erpressen: Wenn Du das Deiner Mutter sagst, zeige ich ihr, was Du mir geschickt hast. Das Opfer bekommt dann Angst und verschweigt seine Erlebnisse.

WDR.de: Mittlerweile gibt es zahlreiche, oft gut gemachte Informationsbroschüren und Flyer im Internet, die Eltern, Lehrer oder Kinder und Jugendliche über die Gefahren im Netz aufklären sollen. Reicht es, Aufklärung lediglich anzubieten?

Wortmann: Flyer, Poster oder Broschüren sind oft vergilbt, bevor sie gelesen oder gar verstanden wurden. Es gibt gute Broschüren, ja, aber die sollten in jedem Fall mit den Eltern gemeinsam gelesen und besprochen werden. Leider werden solche Broschüren ohnehin meist erst dann gelesen, wenn eine Straftat bereits geschehen ist.

WDR.de: Wo und wie müsste gehandelt werden?

Wortmann: Präventionsarbeit ist Basisarbeit: Es müssen handelnde Personen vor Ort, in den Schulen, als Projektleiter und Multiplikator agieren. Medienkompetenz muss schon in der Grundschule Thema sein. Schule, Polizei und andere Institutionen müssen gemeinsam arbeiten. Es fehlt außerdem an repräsentativen Studien zu den unterschiedlichen Phänomenen der Internetkriminalität, um erkennen zu können, wer Opfer wird und warum, wer die Täter sind, damit wir die Opfer vor ihnen schützen können. Wir müssen die Eltern wirksamer erreichen und aufklären darüber, wie wichtig es ist, selber mit den Neuen Medien umgehen zu können, um sie ihren Kindern erklären zu können. Wir haben die "10 Goldenen Regeln" für Kinder und Eltern wie einen Vertrag formuliert, den beide Seiten unterschreiben und einhalten müssen. Das zusammen mit den eigenen Kindern durchzuarbeiten kann ein tolles Erlebnis sein.

WDR.de: Mit dem "Verein Sicheres Netz Hilft" engagieren Sie sich immer wieder in Aktionen, die Kinder, Eltern und Lehrer vor Ort sensibilisieren sollen. Wie realistisch wären Ihrer Einschätzung nach verpflichtende Informationsveranstaltungen für Eltern – beispielsweise in Form von regelmäßigen Abendveranstaltungen an Schulen?

Wortmann: Besser ist es natürlich, alle Beteiligten davon zu überzeugen, dass es sinnvoll ist, sich zu engagieren: Dass ganze Schulen sagen, wir wollen verhindern, dass unsere Schutzbefohlenen Opfer einer Straftat werden und Kinder dagegen stark machen. Die sogenannten Internet Medien Coaches ®, die wir ausgebildet haben, treten beispielsweise als Multiplikatoren auf, die mit den Lehrern, Eltern und Schülern gemeinsam zu Themen wie Cybermobbing, Cybergrooming, Preisgabe persönlicher Daten oder Betrugsphänomene sensibilisieren. Schüler werden dabei zu Multiplikatoren, die selber als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Viele Schulen haben schon erkannt, wie wichtig das Thema ist. Ich würde mir aber wünschen, dass sowohl auf politischer als auch auf behördlicher Ebene sehr viel mehr passiert. Dass Geld und Personal bereit gestellt werden, um solche Aktionstage durchzuführen, um aktive Kriminalprävention möglich zu machen.

WDR.de: Was sollen Eltern tun, die merken, dass ihr Kind im Internet von einem Fremden kontaktiert wird?

Wortmann: Ganz wichtig: Alles dokumentieren. Den Namen oder das Pseudonym des Unbekannten aufschreiben, möglichst das komplette Chatprotokoll fotografieren oder als Screenshot festhalten, nachvollziehen, wann genau der Kontakt begann, wie oft und in welchem sozialen Netzwerk er stattgefunden hat. Welche Gesprächsinhalte gab es, welche Forderungen? Das alles sollte ausgedruckt und der zuständigen Polizeidienststelle übergeben werden. Je nachdem, wie weit die Tat ging, sollte ein Fachanwalt eingeschaltet werden. Wichtig ist auch, einen Vertrauenslehrer oder den schulpsychologischen Dienst mit einzuweihen, denn oft versucht der Täter auch, sein Opfer unter Druck zu setzen: Wenn Du nicht machst, was ich will, sende ich Deine Fotos an sämtliche Freunde von Dir. Das kann dann durchaus zu einem schulinternen Problem werden. Deshalb ist es wichtig, dass so viele Stellen wie möglich mit einbezogen sind und an einem Strang ziehen können, um dem Kind Sicherheit und Rückhalt zu geben – und letztlich auch, um im besten Fall den Täter ausfindig zu machen.

Mehr zum Thema

10 Goldene Regeln für Kinder und Eltern (pdf) – Download unter: http://www.sicheres-netz-hilft.de

Das Interview führte Nina Magoley.

Weitere Infos unter: http://www.sicheres-netz-hilft.de