Henlein-Faschisten beseitigen die GrenzpfÀhle an der deutsch-tschechoslowaki ...
Henlein-Faschisten beseitigen die GrenzpfÀhle an der deutsch-tschechoslowakischen GrenzeFoto-Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-58507-003 / CC-BY-SA

Mein Wort zum Sonntag: Heim ins Reich

News Team
Beitrag von News Team

Die Krimkrise und die Reaktion des Westens werden ganz unterschiedlich bewertet. Was ist Meinungsmache, was Wahrheit?
Die Krimkrise ist zu dem Zeitpunkt, da Sie dies lesen, noch lange nicht ĂŒberstanden. Ihre Folgen sind unabsehbar. Dennoch sollten schon heute ein paar Vorstellungen zurechtgerĂŒckt werden.

Der Vergleich mit Hitlers Forderung von 1938 ist falsch.

Diesen Vergleich machte Amerikas Außenministerin Hilary Clinton. Sie verglich aber nicht Putin mit Hitler, sondern die Situationen: Hitler fĂŒhrte die Tschechoslowakei "heim ins Reich", indem er seine Armee einmarschieren ließ, mit der BegrĂŒndung, seine Landsleute wĂŒrden von der tschechischen Bevölkerung unterdrĂŒckt und er mĂŒsse sie beschĂŒtzen. Praktisch das Gleiche sagte auch Putin ĂŒber die Russen in Bezug auf die Ukrainer. Bedenkt man nun, dass nach Meinung derer, die es wissen mĂŒssen, Putin eine Wiederherstellung der Sowjetunion beabsichtigt, dann ist der Vergleich absolut gerechtfertigt. Um es nochmals zu sagen: Der Vergleich der Situationen, nicht der Persönlichkeiten!

Der Westen nimmt zu wenig RĂŒcksicht auf die SensibilitĂ€t Putins.

Wieso sollte er? Nur weil, wie es die deutsche Bundeskanzlern so schön ausdrĂŒckte, Putin die Probleme des 21. Jahrhunderts mit den Methoden des 19. Jahrhunderts lösen will, nur deshalb muss man auf ihn RĂŒcksicht nehmen, obwohl er, durchaus berechenbar, sich mit der Krim keineswegs zufrieden geben wird? Sind unsere Politiker Psychologen oder Sozialarbeiter?

Der Westen kreist Russland ein.

Wenn sich immer mehr LĂ€nder am Rande Russlands dem Westen anschließen, also erst der EU, dann möglicherweise auch der NATO, dann hat das nichts mit Einkreisung zu tun, im Gegenteil: Diese LĂ€nder wissen, was sie an Russland hatten und wieder hĂ€tten, kĂ€men sie zu einer neuen LĂ€ndergemeinschaft unter Russlands FĂŒhrung. Und deshalb wollen sie nichts wie weg, möglichst auch noch unter einem militĂ€rischen Schutzschild. Und warum wollen sie weg? Es wird wohl mit den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen VerhĂ€ltnissen in Russland zu tun haben, die fast alle LĂ€nder am Rande Russlands dazu bewegen, möglichst das Weite zu suchen!

Der Westen handelt konfus und bietet außer endlosen GesprĂ€chen und ein paar harmlosen Sanktionen nichts wirklich Treffendes.

Ganz im Gegenteil. Noch nie zeigte die EU trotz unterschiedlicher Interessen der Einzelstaaten so viel einheitliche Entschlossenheit wie in der Krimkrise. Unter der ebenso vorsichtigen wie energischen FĂŒhrung der deutschen Bundeskanzlerin hat Europa endlich gemeinsam gehandelt. Nicht nur das, es hat sich sogar mit den USA abgestimmt. Und diesmal wird kein Weltkrieg vom Zaun gebrochen, wie vor genau 100 Jahren, sondern es wird miteinander geredet.

In Kiew regieren rechtsgerichtete Parteien mit.

Das mag stimmen, aber wenn dieser Vorwurf aus Russland kommt, kann man nur sagen: Haltet die Klappe! Rechtsradikale, auslĂ€nderfeindliche, "völkische" Gruppen terrorisieren in Russland AuslĂ€nder und solche, die sie dafĂŒr halten, knĂŒppeln sie auf der Straße und in der U-Bahn nieder, unter wohlwollender Duldung der SicherheitskrĂ€fte. Und ausgerechnet dieser Staat wirft einem anderen Staat vor, dass es dort rechtsgerichtete Parteien gibt? Der Zynismus dieser Doppelmoral ist kaum zu ĂŒberbieten!

Der Westen hat den Russen keine Ausdehnung der NATO versprochen und jetzt sein Wort gebrochen.

Das ist ein Mythos. Und ĂŒberhaupt: siehe oben! Die NATO dehnt sich nicht aus, die Anrainerstatten Russlands wollen einen Schutz gegen genau das, was jetzt in der Ukraine geschieht. Das liegt nicht an der NATO, sondern an Russland.

Die Krim ist ja eigentlich echt russisch.

Die Krim ist genauso "echt russisch" wie SĂŒdtirol "echt österreichisch" ist. Hitler hat Mussolini SĂŒdtirol geschenkt, Chruschtschow hat der Ukraine die Krim geschenkt. Sollen jetzt österreichische Truppen in Norditalien einmarschieren und SĂŒdtirol "heim ins Reich" holen?

Wie wird es weitergehen?

Das kann niemand voraussagen. Aber langfristig wird die Krimkrise Russland immensen Schaden zufĂŒgen. Denn die ehemalige Großmacht (die schon lang keine mehr ist) kann nur durch politische und technologische Neuerungen am Leben bleiben. Lieferungen von Erdgas allein werden auf Dauer nicht ausreichen. Wenn Russland den technischen Anschluss an die Staaten des Westens und des fernen Ostens verliert, dann ist es vorbei mit den schönen TrĂ€umen von einem Großreich. Russland wird von innen unterhöhlt werden, und wenn die Politiker im Schatten der Macht nicht mehr ihren Reichtum genießen können - die Sanktionen der EU und der USA bereiten dies vor - dann wird sich auch der oberste Machthaber nicht mehr lange halten können. Dem geht es vielleicht sogar wirklich um Ruhm und Ehre. Seinen Getreuen aber geht es um Luxus und Geld. So lange der Boss ihnen das bietet, bleiben sie ihm loyal. Wenn nicht mehr - doch das ist ein anderes Kapitel.