Lasst uns Sirtaki um die Kloake tanzen - wie die Griechen Geld versenken
Lasst uns Sirtaki um die Kloake tanzen - wie die Griechen Geld versenken

Lasst uns Sirtaki um die Kloake tanzen - wie die Griechen Geld versenken

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Sorgfältig zog sich der Biologe der Universität Thessaloniki die weißen Plastikhandschuhe über die Finger, bevor er mit einer Plastikflasche eine Probe aus dem Karla-See nahm. Er musste wohl geahnt haben, was ihn erwartete, kommentierte Bernd Niebrügge diese Vorsichtsmaßnahme. Er hatte Recht, es war ein Griff in eine Kloake. Nach dem Ergebnis, das der Biologe mitteilte, lag die Schadstoffbelastung um das Vierfache über dem, was die Weltgesundheitsorganisation für zulässig hält. Es wäre ein Grund, den gesamten See abzusperren. In Niebrügges Film "Griechisches Roulette" in der Serie "Die Story im Ersten", der am Montagabend ausgestrahlt wurde, kam man aus der Kloake während seiner gesamten Dauer nicht hinaus.

100 Millionen aus Brüssel für die Natur- und Erholungsvision Karla-See

Die Wiederherstellung des Karla-See, der 1962 im Rahmen eines Landwirtschaftsprogramms ausgetrocknet wurde, wobei die traditionsreiche Fischerei verschwand und das sich als ökologischer und ökonomischer Fehlschlag erwies, ist eines der größten Projekte in Griechenland, das mit bis zu 95 Prozent von der EU finanziert wird. Mehr als 100 Millionen wurden bislang verbaut. Aber nichts spricht dafür, dass das Projekt Ende des Jahres 1915 fertiggestellt sein wird.

Das Team von Niebrügge machte nun nichts anderes, als sich den See anzusehen und den Beteiligten auf den Zahn zu fühlen, vor Ort in der Nähe der Stadt Volos, in Athen und in Brüssel. Sie machten eine unaufgeregte, saubere journalistische Arbeit. Das Ergebnis war erschütternd.
Eine Stelle bei dem römischen Dichter Properz bietet einen Hinweis, dass sich am Ufer des Karla-Sees, der damals noch Böbeischer See hieß, Hermes und Hekate vereinten. Mit jungfräulichem Leib, hätten sie sich zärtlich geschmiegt. Das Wasser des Sees selbst, sei schmutzig, ölig gewesen, wohl auch weil hier ein Eingang zur Unterwelt, zum Hades vermutet wurde.

Das passt. In den Kanälen, mit denen der zuständige Gouverneur der Region Thessalien, Konstantinos Agorastos, den fast trocken gefallenen See fluten wollte, stapelten sich Reifen, Chemikalien, Schrott und all die anderen Dinge, die man in einem See, aus dem - so der Plan - die Stadt Volos ihr Trinkwasser, die Bauern die Bewässerung ihrer Felder und die Touristen ihre Erholung beziehen sollen, besser nicht findet.

Jeder macht, was er will. Keiner macht was für die Gemeinschaft

Die Bauern ziehen derzeit Grundwasser aus dem Boden, das bereits von 30 Meter auf eine Tiefe von 100 Meter unter Niveau Null gefallen ist. Man sieht die Schäden an den Straßen, den Häusern, Meerwasser drückt nach, aber die Bauern blocken Agorastos ab. Der Bauer Yiannis Papachristos sieht gar nicht ein, sein Verhalten zu ändern. Wenn Wasser da wäre, würde man die Reifen und Plastikbehälter nicht sehen. Und warum die Stadt Volos bevorzugt werden solle, versteht er auch nicht. Von Touristen kein Wort. Für die gibt es eine Fahrradtour um den See. Dass hoffentlich keiner hineinfalle. Und es gibt ein Museum. Aber das steht leer.

Keine Rechenschaft, keine Kontrolle

Nun ist für Projekte der Europäischen Union ein jährlicher Fortschrittsbericht Vorschrift. Aber den hat Niebrügge nirgendwo zu Gesicht bekommen. In der Hauptstadt der Region Larissa nicht, in Athen nicht, in Brüssel nicht. Im zuständigen Umweltministerium in der griechischen Hauptstadt erfährt er von Nikolas Mamalugas, es gäbe am Karla-See keine "Probleme, keine Hindernisse". In Brüssel erklären Ingeborg Gräßle, die Vorsitzende des Haushaltkontrollausschusses, und der EU-Kommissar für die Entwicklung der Regionen, man habe keine Kontrollmöglichkeiten und Niebrügge solle doch selbst fragen. Was dieser - vergeblich tat.
Nun gibt es in Griechenland auch Leute wie den Biologen der Universität Thessaloniki oder Pantelis Sideropoulos von der lokalen Umweltbehörde, die etwas bewegen wollen, auch den Gouverneur Agorastos kann dazu zählen. Aber sie sind erfolglos, müssen erfolglos bleiben, weil das Verständnis für die Sinnhaftigkeit von Projekten und weil die Kultur fehlen. Der Film machte es deutlich: Gemeinsam handelt man nur, wenn es darum geht, Geld abzugreifen, hier das Geld des europäischen Steuerzahlers. Ansonsten macht jeder sein eigenes Ding. Jeder gegen jeden. Nichts greift ineinander. Wie Räder, die sich alleine drehen. Gemeinwohl? Fehlanzeige. Eigennutz steht über allem.
Und der Karla - See ist überall. Doch die Kloake in Athen ist sicherlich noch schlimmer.

Ein Filz von Medien, Macht und Geld

Mit Hilfe eines griechischen Kollegen, Kostas Vaxeranis, der das Magazin Hot Doc herausgibt und eine Rundfunksendung hat, ist Niebrügge im zweiten Teil des Beitrags der Frage nachgegangen, warum nachwievor Milliarden an der Steuer vorbei in die Schweiz und gewaschen zurück gebracht werden. Sie trafen einen Insider, Nikolas Zigras, der - weil sterbenskrank - auspackte, was es aufzupacken gab. Es gibt eine Oswald-Liste, eine Lagarde-Liste, es gibt 65 CDs mit weiteren 258 Listen und 500 000 fragwürdigen Konten. Es gibt de facto kaum Geheimnisse für die Staatsanwaltschaft, aber nichts passiert. Auf der Oswald - Liste sind sogar drei hohe Mitarbeiter des Finanzministeriums, keiner schreitet ein. Das aktuelle Heft von Hot Doc macht mit der Geschichte auf, wie der Kunstmarkt der Geldwäsche dient, es regt kaum einen auf. Weil, wie es der ehemalige Außenminister Dimitri Droutsas in der Sendung sagte, der Filz zwischen Medien, Macht und Geld funktioniert.

Reichen 30 Helden für 11 Millionen Griechen?

Man könnte, wenn man den Film zuende gesehen hat, nur noch verzweifeln und seine Hellas-Liebe in den Karla-See werfen. Das wäre verständlich, aber zu einfach. Zudem würde man denen, die vor Ort kämpfen, die notwendige Unterstützung entziehen.
Darum muss man sich auf das Positive konzentrieren und seine Kritik an den Missständen laut vorbringen, an den Fehlern, die in Athen und Brüssel gemacht werden.
In Griechenland sei eine "neue Welt mit neuen Regeln entstanden", schreibt Hans Leyendecker in der SZ, "immer öfter wird Korruption verfolgt und bestraft."
Öfter als früher vielleicht, aber immer noch zu selten. Leyendecker hat 30 Helden ausgemacht. Unter 11 Millionen Griechen. Staatsanwälte, die angetreten sind, die Netze des Bösen zu zerschlagen: mit Hilfe von selbst gekauften Computern und von zu Hause aus. Und irgendwann gibt es dieses neue Griechenland auch in den Amtsstuben. Dann treffen wir uns und tanzen Sirtaki um den Karla-See. Ob das der See erlebt oder wir? Das wäre eine schöne Frage an das unbestechliche Orakel von Delphi.

http://www.ardmediathek.de/das-erste...Id=20371606

Fotos: Die Akropolis / hhh