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Hugendubels Abschied

Hugendubels Abschied

Hans-Herbert Holzamer
26.03.2014, 16:00 Uhr
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Auf der Hugendubel-Homepage findet man unter: FAQ, das heißt häufig gestellte Fragen, auch die: "Was ist mein Hugendubel?" Die mich interessierende Antwort finde ich auf der Homepage nicht, dafür aber in den Zeitungen der bayerischen Landeshauptstadt. Mein Hugendubel am Marienplatz macht zu. Wurde im Jahre 2012 die Keimzelle, die Hugendubel-Filiale Salvatorplatz, dicht gemacht, folgt jetzt das Kernstück. Es war - trotz mancher Schwächen - ein Treffpunkt der Literatur- und Buchfreunde. In den verschiedenen Stockwerken fanden sich oft halbrunde Sitzgruppen, in denen man ungestört lesen konnte. Und wenn es dazu einen Espresso gegeben hätte, wäre das schön gewesen.

Hugendubel verliert sein Gesicht

Und wurden vor zwei Jahren mit der Schließung von Hugendubel am Salvatorplatz die "Wurzeln gekappt", wie von Mitarbeitern und Kunden geklagt wurde, verliert Hugendubel jetzt sein Gesicht. Es passt ins Bild, dass der Nachmieter ein Handyladen der Telekom sein wird. Etwas gesichtsloseres gibt es nicht. Und in den oberen Etagen wird der Eigentümer, die Bayerische Hausbau, eine Schörghuber - Tochter, Büros einquartieren. Vorher soll die Fassade umgestaltet werden. Diese Ankündigungen können nur schrecken. Die Investoren-Architektur greift nach Münchens Herzen. Nachdem mit der Messestadt Riem, dem Ackermannbogen und anderen kommunalen Erschließungsgebieten schon die Außenbezirke verunstaltet, aber ökonomisch optimiert wurden, greift einer der größten Bauträger der Stadt jetzt nach einem Filetstück. Literatur und Immobilien - kann man sich etwas vorstellen, das weiter auseinander liegt? Der Mietvertrag läuft 2016 aus, und der Eigentümer habe für das Gebäude andere Pläne, heißt es. Die Geschwister Hugendubel könnten nichts dafür.
"Wir wollten den Marienplatz unbedingt behalten und haben einen Vorschlag für eine neue Nutzung der Fläche vorgelegt", wird Nina Hugendubel, die geschäftsführende Gesellschafterin des Münchner Familienunternehmens von der Süddeutschen Zeitung zitiert, der Eigentümer habe sich jedoch für ein anderes Nutzungskonzept entschieden. "Wir bedauern dies sehr, gleichzeitig respektieren wir die Entscheidung", so Nina Hugendubel.

Man möchte das glauben. Aber war da nicht was? Die Weltbild-Pleite? Das Sterben der Buchhandlungen an der Krankheit namens Amazon.de? Die Niederlassung am Marienplatz war die erste Großbuchhandlung Deutschlands mit mehr als 2000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Dies liege angeblich nicht mehr im Trend, heißt es "aus der Branche". Stimmt das? Das "KulturKaufhaus" Dussmann in Berlin am Bahnhof Friedrichstraße hat mehr als 7 300 Quadratmetern und vereinigt "die ganze Welt der Kultur in einzigartiger Atmosphäre. "

Also stimmt dieses Argument jedenfalls nicht pauschal. Sind es die Turbulenzen des einstigen und jetzt insolventen Partners Weltbild, die die Bücher aus der Innenstadt verwehen? "Das Kulturgut Buch müsse in den deutschen Innenstädten erhalten bleiben", sagte Max Hugendubel, ebenfalls geschäftsführender Gesellschafter, der SZ. Die Menschen sähen Buchhandlungen als "unverzichtbaren Bestandteil der Einzelhandelsvielfalt an". Sprüche, nichts als Sprüche. Wo expandiert Hugendubel? In Massenmärkten und Einkaufszentren: im Olympia-Einkaufszentrum, im PEP, in den Riem-Arcaden und in den Pasinger Arcaden. Das Buch als Massenware wie Klopapier und Hundefutter. Das kann es doch nicht sein. Vor drei Jahren sagte der Geschäftsführer Max Hugendubel auf die Frage, wie sehr der Online-Buchhandel den Buchhandlungen zu schaffen mache: "Ich bin da sorgenfrei. Menschen mögen Menschen. Sie gehen gern in die Stadt, wo viele Menschen sind und bummeln an den Schaufenstern entlang."
Wo bummelt denn wer in den Riem- oder Pasing-Arcaden an einem Hugendubel-Schaufenster vorbei? Nirgendwo und keiner. Wie der Buchhandel sich retten kann, wird überall überlegt. Lesungen, Krimi-Festivals, Spezialisierung und kompetente Beratung. Das wird diskutiert. Wer geht denn ins PEP zur einer Dichterlesung? Innovative Buchhändler treffen ihre eigene Auswahl, präsentieren Autoren der Stadt oder der Region. Aber Hugendubel tut das nicht, setzt stattdessen auf Hitlisten und die "Shades-of-Grey" -Welle. Da ist man im Supermarkt vermutlich wirklich besser aufgehoben.
Natürlich zerrt die Weltbild-Pleite an den Nerven und an dem Geld. Die Geschwister Hugendubel mussten jetzt den Kredit der Kirche für den insolventen Verlag mit ihrem Privatvermögen absichern. Ob das hilft, einen Käufer und Investor zu finden, steht in den Sternen. Das katholische Unternehmen gehört zwölf katholischen Bistümern und dem Verband der Diözesen Deutschlands. Es hat 6800 Mitarbeiter und meldete am 10. Januar 2014 Insolvenz an. Die etwa 300 bislang gemeinsam unter dem Dach der Finanzholding DBH betriebenen Buchhandlungen sollen aufgeteilt werden. Ob das hilft, einen Käufer und die Rettung zu finden, steht in den Sternen. Man kann davon ausgehen, dass der Weltbild-Verlag längst Geschichte wäre, wenn die Kirche, die das Geld, das sie ausgibt, nicht erarbeiten muss, nicht Eigentümer wäre.

Es kommen also das Zerschellen einer realitätsfernen Firma an den harten Gesetzen des Marktes und die Arroganz einer erfolgsverwöhnten und blind gewordenen Buchhändler-Familie zusammen.

Es ist die übliche Investoren-Architektur

Und was macht die Bayerische Hausbau? Jürgen Büllesbach, Vorsitzender der Hausbau-Geschäftsführung, sagte der SZ, der künftige Außenauftritt werde sehr dezent sein. "Wir werden alles dafür tun, dass sich das Haus gut in das Altstadt-Ensemble einfügt." Deshalb werde es auch keinen reißerischen Werbeauftritt an der neuen Fassade geben. Also Werbeauftritt schon, nur nicht reißerisch - nach dem Verständnis eines nicht ganz unbekannten Bauträgers? Da darf man gespannt sein. Man muss sich nur einmal die Planungen der Bayerischen Hausbau für Welfenhöfe und RegerHof anschauen: Fronten, nichts als einfallslose Fronten mit Fenstern drin. Es ist die übliche Investoren-Architektur, die mit ihren massiven Kuben und Kästen an die Architektur der Faschisten erinnert. Die hatten wenigstens noch Säulen davor. Da kann man nur gespannt sein. Der Architekt Gert Goergens, wie die Bayerische Hausbau gut Freund mit der Stadt München und dem scheidenden Oberbürgermeister Christian Ude, hat mit seinem Architekturbüro bereits einen Entwurf der Stadtgestaltungskommission vorgelegt. Das klingt wie ein Drohung, wenn man sich ansieht, was diese Kommission in den letzten Jahren "gestaltet" hat.

Man sollte den FAQ eine hinzufügen: "Was ist mein München?" Und die Antwort kann man dazu schreiben: "Unter die Investoren, unter die kulturfernen und profitnahen Investoren gefallen."

Foto: Blick auf das Hugendubel-Gebäude / hhh

1 Kommentar

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Starnberger Bahnhof, Hugendubel, dann Cafe Luitpold, Brienner Str., abens ins Gärtnerplatztheater und ganz spät in den Jazzclub in der Ungerer Str.
Das waren so meine Stationen in München
Und aus dem Radio sprach der Rufus Mücke!
  • 27.03.2014, 13:56 Uhr
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