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Warum schreibt man  nicht einmal über den Zustand der Demokratie in Bayern?

Warum schreibt man nicht einmal über den Zustand der Demokratie in Bayern?

Hans-Herbert Holzamer
01.04.2014, 15:03 Uhr
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Stell´ dir vor, es ist Wahl, und keiner geht hin. Das Original-Zitat ist, nein, nicht von Berthold Brecht, sondern von dem amerikanischen Dichter Carl Sandburg. Es hieß: Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin. Man kann tunlich darüber streiten, ob das Zitat pazifistisch gemeint ist oder - wie der Brecht´sche Zusatz vermuten lässt, bellizistisch, denn dann käme der Krieg "zu euch". Bei der Wahl, zu der keiner geht, kann man streiten, ob das überhaupt eine Wahl war, obwohl die Medien so tun, als ginge es um die Zukunft der Krim, und Seite um Seite füllen.

Der Medienrummel lohnte nicht

Bei der bayerischen Kommunalwahl gingen landesweit gerademal 55 Prozent zur Wahl, in München waren es keine 40. Man stelle sich vor, es würden nur 55 Prozent der Gemeinderäte besetzt, oder die auf die Nichtwähler entfallenden Sitze, Landräte und Bürgermeister würden an - beispielsweise - die Verbände und Vereine vergeben. Dann sähe Bayern anders aus. Aber so lohnt sich der ganze Medienrummel nicht. Natürlich, bei einer Kommunalwahl werden alle losgeschickt, Voluntäre, Praktikanten, die Freien und die Redaktionshengste. Denn, was sie auch schreiben, es kommt ins Blatt. Platz wurde reichlich zur Verfügung gestellt. Auf den Terminen kann man Kontakte, Netze und Seilschaften knüpfen, daher schreibt man Freundliches, ein Foto dazu, und das Übliche kann beginnen, eine schöne Legislaturperiode lang. Das Übliche? Natürlich. Wodurch unterscheiden sich in der Landeshauptstadt München der SPD-Kandidat Dieter Reiter von seinem CSU-Kollegen Josef Schmid? Äußerlich kaum, inhaltlich noch weniger. Dass München so bleibt, wie es ist, will der Konservative (SPD), neues Denken fordert der Progressive (CSU).
Was das für das eigene Regierungshandeln heißt, darüber schweigen sie sich aus. Es ist wohl auch egal. Was wirklich die Stadt voranbringt oder zumindest bewegt, wird in Volksbefragungen entschieden, wie die Untertunnelung des Mittleren Rings oder der Ausbau (oder auch nicht) des Münchner Flughafens. Themen darüber hinaus? Die Wohnungsnot in der Landeshauptstadt? München hat sich aus dem Spiel längst verabschiedet, indem es seine eigenen Bestände an Mietwohnungen kapitalisiert hat. Neubau? Das erledigen die großen Bau- und Immobilienfirmen mit ihrer Investitionsarchitektur unter sich. Die Urbanität der Stadt? Dito, das Beispiel, dass Hugendubel durch Telekom ersetzt wird, mag genügen. Bildung? Das ist vor allem ein bayerisches Thema, G 8 oder G 9 oder G 8 und G 9, keiner blickt durch.

Ist es da ein Wunder, dass sich der Bürger von Wahlen verabschiedet? Nein.
Ansonsten lebt die Stadt vom FC Bayern und von der Wiesn, ob Sepp Krätz ein Zelt oder Uli Hoeness Knast bekommt, stand nicht zur Wahl.

Und wie in der Landeshauptstadt so im Land. In Schweinfurt hat Sebastian Hubertus Remelé "großartig gesiegt, weil der Großteil der Schweinfurter zufrieden scheint", vermeldet die Presse. "Warum also die Spitze verändern? Also weiter so." Die Wahlbeteiligung auch hier bei 40 Prozent.

Spannend wie die deutsche Meisterschaft

Die Wahl in Bayern war so aufregend wie der Kampf um die deutsche Fußball-Meisterschaft. Nur die Medien fanden es "spannend". Na klar, wenn man sich schon einen Abend um die Ohren schlagen und bei Auszählungen Präsenz zeigen muss, will man das nicht auch noch als vertane Zeit dokumentieren. Lustig fand den Wahlabend alleine der glückliche Kollege, der in der Gemeinde Schwaigen im Landkreis Garmisch-Partenkirchen Dienst tat: Der einzige Kandidat, der antrat, verlor die Wahl.

Vielleicht ist die bayerische Kommunal-Wahl auch zu kompliziert für die Bayern. Es gibt nicht einen, der wie der FC Bayern nur gewinnen oder wie der Kandidat in Schwaigen gewinnen oder verlieren kann. Hier kann man mit seinen Kreuzchen kumulieren, häufeln oder panaschieren. Da bleibt der Bayer auch gerne direkt vor dem Wahl- und geht ins Stammlokal.

Den Zeitungen im Freistaat ist das demonstrative Desinteresse der Wähler vermutlich nicht verborgen geblieben. Sie haben sie nur unter bunten Grafiken versteckt. Schwarz für die CSU, rot für die SPD. Bunt war das im Ergebnis auch nicht. Rot die Großstädte, schwarz das Land, ein paar grüne und graue Flecken. Mit den Grafiken wurde, Platz war reichlich da, bis in die Ortsteile herunter das Farbenspiel betrieben. Da konnte sich schon fast jeder Schwarze oder Rote wiederfinden.

Nur die Abstinenten blieben außen vor. Das sind sie natürlich selber schuld. Dass sie sich nicht für die Kandidaten interessieren, dass es keine Themen gibt, über sie hätten abstimmen können, dass das Wetter sonnig war und der Wahlzettel trübe, das sind alles Faktoren, die mitgespielt haben. Aber stell dir vor, es gäbe keine Wahl, und dürftest auch nicht hingehen, wie furchtbar wäre das denn? Vielleicht sollten man für jeden, der wählt einen Steuerfreibetrag von 1000 Euro ausloben, das wäre doch ein Anreiz.

Warum nur 55 Prozent? Das wäre doch eine Analyse wert

Jedenfalls müssten die Medien mehr für die Demokratie zu bieten haben, als die Leser mit Grafiken und hochgehypten Berichten zuzuwerfen. Warum gingen 60 Prozent der Münchner oder der Schweinfurter und noch 45 Prozent aller Bayern nicht zur Wahl? Das wäre doch eine Analyse wert. Der FC Bayern ist eh Meister, das Oktoberfest kommt auch - mit und ohne Krätz - und der Rest ist ebenfalls absehbar. Also, warum schreibt man nicht einmal über den Zustand der Demokratie in diesem Land?

Fotos: München, Marienplatz / Copyright hhh

2 Kommentare

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zur Demokratie in Bayern.
Wir dürfen doch frei wählen wer uns unterdrückt!
  • 04.06.2014, 12:24 Uhr
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Demokratie in Bayern? Als Alter Bayer habe ich da so meine Erfahrungen!
Als Ministrant mit elf Jahren durfte ich das erste Mal an einem Sonntag auf den Altar. Was der Bub nicht wusste, war, dass es ein "Wahlsonntag" war.
Erschrocken merkte der kleine Ministrant, dass die Predigt ausfiel!
Statt dessen wurde ein "Hirtenbrief" des "Erzbischofs München/Freising" verlesen.
An dem Tag hatte der Bub noch nicht verstanden um was es da ging. Doch im Laufe der Jahre wurde es ihm klar. Der Inhalt war stets der Gleiche. "Ein gläubiger Christ" wählt eine christliche Partei. Eine klare Wahlempfehlung!
So nach dem Motto, wer nicht CSU wählt kommt in die Hölle!
Als der Bub ein junger Mann war und Pfarrjugendführer, konfrontierte er den "Pfarr-Gemeinde-Rat" mit der Tatsache, dass diese Praxis gegen das "Bayerische Wahlrecht" verstößt!
Er war sein Amt schnell los, wurde vom sogar vom "Weihbischof" gerügt!
Demokratie in Bayern ein Witz.! Demokratie in der Kirche, wäre das erste Wunder, das es gäbe!
  • 26.05.2014, 06:26 Uhr
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