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Stalino, Donezk, Putino

Stalino, Donezk, Putino

Hans-Herbert Holzamer
07.04.2014, 16:25 Uhr
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Die wenigsten der selbsternannten Russland-Versteher hierzulande werden Stalino kennen. Stalino heißt heute Donezk, es liegt in der Ukraine, und ist die Stadt, in der heute Russen eine Republik Donezk und den Anschluss an Russland fordern. Stalino war eine Stadt, die in dem Gebiet liegt, das der Autor Timothy Snyder "Bloodlands" nennt, weil dort unvorstellbar viel Blut vergossen wurde. Alleine durch Aushungern kam Stalin in den Jahren 1932/33 auf 3,3 Millionen Menschen, insgesamt, so die Recherche von Snyder, verloren 14 Millionen Menschen in diesem Land in der Zeit nach der Machtergreifung der Bolschewiken bis zum Ende der Sowjetunion ihr Leben. Schwerwiegend auch der Beitrag der Deutschen. Alleine in Donezk, das seit 1961 wieder so heißt, waren es während der deutschen Besatzung 60 000 Menschen.
Was treibt diese Leute, die meinen, es habe sich bei der Annektierung der Krim nicht um einen Bruch des Völkerrechts gehandelt? Oder die meinen, dieser Bruch des Völkerrechts habe dadurch die Qualität eines Normenbruchs verloren, weil die Amerikaner ähnliches ständig täten?

Die Russland-Versteher

Der Spiegel bemüht sich in seiner Ausgabe Nummer 15 darum, die Russland-Versteher zu verstehen. Er knüpft dabei an die Zaren an, die aus Deutschland Ehegatten und Handwerker bezogen. Eine romantische Sicht. Und im Ergebnis findet der Spiegel-Essayist kein Verständnis für die Versteher. Das geht auch nicht. 1914 haben sich die kaiserlichen Verwandten in Petersburg und Potsdam mit Krieg überzogen, und nach dem Zusammenbruch Russlands hat sich Deutschland ein Stück Land herausgeschnitten, Oberost hieß es. Es umfasste vor allem Litauen und Kurland, dauerte allerdings nur bis Kriegsende. Immerhin war es die Blaupause für Hitlers Lebensraum im Osten. Die Ukraine sollte die Lebensmittel liefern, für die Armee und die Heimat, wie sie das zuvor in der Sowjetunion für die Kommunisten tun musste. Die Ukrainer selbst sollten verhungern, bei Stalin und bei Hitler. Für Stalin waren sie kein eigenes Volk, Kiew die historische Hauptstadt Russlands und für Hitler waren sie lebensunwerte Untermenschen, wie die Polen und die Juden. Der Massenmord durch Hunger an Leningrad ist bekannt, der Mord an den ukrainischen Städten, wie Donezk, stand auch auf dem Programm.

Wer da der Meinung ist, man könne das Völkerrecht brechen und beliebig Landesteile herausschneiden, bei dem muss man schon die Vermutung haben, dass für ihn die Ukraine ein Land und seine Bewohner ein Volk mit geringeren Rechten sind. Das ist ziemlich nahe an der Motivation, die den Grund legte zum Ribbentrop- Molotov-Pakt, der Bloodland aufteilte in eine deutsche und eine sowjetische Interessenzone. Und wer sich fragt, warum Polen und Balten so besorgt sind, dann ist es genau das: eine Wiederholung der Geschichte.

Verstoß gegen das Völkerrecht

Russland hat gegen etliche Normen des Völkerrechts verstoßen, nicht nur gegen das Abkommen über die Schwarzmeerflotte, die Uno nannte bereits 1974 die Verwendung im Ausland stationierter Truppen gegen das Gastland einen "Akt der Aggression". Die Uno hat sich die Verantwortung für "Schutzbefohlene" vorbehalten, keiner darf die staatliche Integrität eines Landes verletzten, um irgendwen zu schützen, auch nicht eigene Landsleute. Wobei bekannt ist, dass Stalin die von Kulaken und Intellektuellen entvölkerten Gegenden mit Russen auffüllte. Wer ist es also eigentlich, der "Anschluss" ruft?
Nun hört man, unter anderem von Helmut Schmidt in der ZEIT, das Argument, wegen der Krise in Kiew habe die Ukraine praktisch aufgehört zu existieren. Ohnehin sei die Ukraine kein "Nationalstaat" und "zwischen Historikern" sei "umstritten, ob es überhaupt eine ukrainische Nation" gäbe. Das ist ziemlich genau die stalinistische Lesart. Dabei ist Ukraine Mitglied der Vereinten Nationen und jedenfalls ein souveräner Staat. Und selbst wenn sie zeitweilig nicht "funktionstüchtig" war, ist das kein Grund zur Intervention.

Es könnte in Berlin das Brandenburger Tor verglühen, keiner käme auf die Idee, nun könnten die Dänen ihre Minderheit in Flensburg vor dem deutschen Chaos retten, es könnte der Eifelturm umfallen, keiner in Brüssel machte sich Sorgen um die Minderheit der Flamen in Dünkirchen. Wer so etwas vertritt hat vor allem eines nicht verstanden: Dass das Recht in der Gemeinschaft der Staaten regiert, egal was passiert. Und er hat auch die Europäische Gemeinschaft nicht verstanden, deren ehernes Prinzip es ist, dass kein Mitglied irgendwelche territorialen Ansprüche erhebt gegen ein anderes. Wer das Völkerrecht klein redet, weil über allem doch der "Wille des Volkes stehe", der öffnet wirklich die Büchse der Pandora in Europa, dem gehört wegen Landesverrats der Prozess gemacht.


Der Leib ist fruchtbar noch

Dass es neben irgendwelchen Zar- und- Zimmermann-Romantikern auf der rechten Seite Russland-Versteher gibt, die von der Zusammenarbeit Deutschlands mit der Sowjetunion in den 20er Jahren gegen die Beschränkungen des Versailler Diktats schwärmen, die den Ribbentrop-Molotov-Pakt begrüßen, um das Land zwischen Moskau und Berlin aufzuteilen, und die den Zweiten Weltkrieg verdrängen, das sieht man an den unzähligen Kommentaren in den Chat-Foren. Das ist eine schlimme Sache. Der Leib scheint immer noch fruchtbar zu sein.

Dass aber vor allem die Linke und Sozialdemokraten wie Schmidt, Schröder und Bahr sich als Russland-Versteher hervortun, weist in eine andere Richtung. Zu Zeiten von Drittem Reich und Sowjetunion galt die Kommunistische Internationale als Ideal und Moskau als Fluchtpunkt und moralische Instanz. Dass Stalin die KPD nur als Instrument benutzte, ändert daran wenig. Herbert Wehner ist das Sinnbild, KPD-Mann bis 1946, dann führendes Mitglied der SPD. Er wohnte im Hotel Lux und überlebte alle Säuberungen und Mordorgien Stalins. Noch heute wärmt der Gedanke an das proletaire rouge die Linke mehr als der an Jeans und Coca Cola. Und war Stalin auch schrecklich, die Sowjetunion "trug die Hauptlast im Kampf gegen den Faschismus." Dem wird alles und auch jede Kritik untergeordnet. Kommt Putin nicht aus Leningrad, der "Heldenstadt"? Wie kann man ihn da kritisieren? Und dass ein ehemaliger Kanzler bei einer russischen Gasfirma anheuert, ist wohl nur vor dem Hintergrund dieser emotionalen Nähe zu verstehen.

Und nun ist mit Wladimir Putin einer angetreten, für den der Zusammenbruch der Sowjetunion das "größte Unglück des 20. Jahrhunderts" war, der in Tschetschenien, in Georgien und nun in der Ukraine den stalinistischen Marschschritt wieder aufgenommen hat. Der im eigenen Land die Schwulen und die freie Presse und all diejenigen unterdrückt, die hofften, Russland könnte ein europäisches Land wie die anderen auch sein, wo das Recht gilt und der Respekt vor den Nachbarn und dem Andersdenkenden. Und Putin kann sich der Unterstützung aus Deutschland sicher sein, bei seinen Angestellten, bei den harmlosen Romantikern, bei den Apologeten Ribbentrops und bei den Herren, die sich am revolutionären Feuer ihre alten Knochen wärmen wollen.

Dass Donezk demnächst wieder Stalino heißt, ist nicht anzunehmen. Aber Putino ist zu befürchten.

Foto: Leichenfund in einem Massengrab bei Donesk

7 Kommentare

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Hans-Herbert Holzamer
Nach zwei Monaten ist es Zeit, die Kritiken zu diesem Text Revue passieren zu lassen. Ich danke denen, die meine Position des Völkerrechts stärkten. Bedanken möchte ich mich auch bei denen, die den Beitrag ablehnten, weil sie mir die Chance geben zu lernen. Und deswegen habe ich an sie direkte Fragen: Warum meinen Sie, dass Putin nicht das Völkerrecht, insbesondere das Budapester Memorandum, zu respektieren habe, das eine Annektion der Krim verbietet. Um es für mein Verstehen einfacher zu machen, habe ich einige denkbare Antworten aufgelistet: 1. Weil das völkische Recht generell stärker ist. 2. Weil das Referendum auf der Krim die legale Grundlage bietet. 3. Weil die historische Zugehörigkeit der Krim zu Russland stärker ist. 4. Weil die Regierung in Kiew nicht der legale Repräsentant der Ukraine ist. 5. Weil die USA und / oder die EU auch völkerrechtswidrig handelten. 6. Weil es nicht um Völkerrecht geht, sondern um die Wiederbelebung der Sowjetunion.
Danke
  • 09.06.2014, 17:46 Uhr
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Das ist schon eine Debatte, die einen Psychiater erfreuen würde: Der eine - Putin - schafft mit Gewalt finstre Fakten, aber kritisiert wird der andere Obama, weil er - angeblich - finstre Pläne schmiede. Es empfiehlt sich hinzuschauen, was ist, auch wenn nicht gefällt, was man dann sieht.
  • 13.05.2014, 17:18 Uhr
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leider habe ich erst heute den artikel von h-h.h.gelesen.ich bin der meinung auch dieser artikel zeigt einige fakten deutlich dar.in der bundesrepublik stelle ich eine russia-phobie fest,die sich in den verschiedensten dingen äussert.gleichzeitig sehe ich eine usa-zustimmung,die meiner meinung nach sehr übertrieben ist.ein beispiel.:
der brandenburger bobpilot machata konnte nicht die olympianorm für sotschi erreichen. er gab seine kufen,wie es bei bobfahrern oft gehändelt wird weiter.
der russe subkow wurde mit diesen kufen olympiasieger.
daraufhin wurde machata vom deutschen bobverband mit einer sperre wegen unsportlichen verhaltens belegt.ich behaupte,wäre der nutzniesser ein us-sportler gewesen,hätte machata den fairnispreis erhalten.
auf dem maidan wurde von nichtrussischen scharfschützen auf demonstranten gefeuert.
in der ukrainischen übergangsregierung sitzen 4 rechtsradikale.
frau timoschenkow erklärt,sie würde eigenhändig putin und alle russen erschiessen.
ist das recht?
  • 11.04.2014, 12:47 Uhr
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Das sehe ich schon als Volksverhetzung, ganz im Sinne von Obama, unserer Regierung und ihren neuen braunen Freunden in der Ukraine.
Russland ist böse, siehe 1932, ... wie lächerlich!
Deutschland hat auch dunkle Jahreszahlen.
Bleiben wir doch mal in der jüngeren Geschichte, die ist ausschlaggebend für die aktuelle Situation.
Was hat dieses böse Russland oder der böse Putin gemacht, wo der Amerikaner nicht schon viel härtere Beispiele geliefert hat?
Aber Vergleiche sind ja unerwünscht, passen nicht in die Hetzpropaganda.
  • 07.04.2014, 19:02 Uhr
machen beide Fehler, ist richtig. Die Frage ist, warum regt man sich dann nur über einen auf?
Kritische Journalisten, die Obama lebenslang wegsperrt, werden bei uns vielleicht mal nebenbei erwähnt, ebenso wie die weltweite Jagd auf Snowden, Wikileaks-Leute, ... die den Mund aufgemacht haben.
Kopfgeld Tot oder Lebendig, kenne ich von Putin nicht!
Wer den Mund aufmacht kommt ins Straflager? Nachweislich oder westliche Medienhetze?
Du meinst nicht die mehr oder weniger geheimen US-Lager in Guantanamo, Thailand, Polen oder Rumänien?
Und diese Pussys, die hätten diese barbusige Nummer mal in Deutschland, in einer jüdischen Einrichtung abziehen sollen.
Im übrigen kamen sie sehr gepflegt, keinesfalls verhungert aus den sogenannten Straflagern.
  • 07.04.2014, 21:32 Uhr
liebe d.binder.sagen sie mal in deutschland etwas gegen die kolonialpolitik israels,gegen die behandlung der palästinenser durch israel.sie werden sofort in eine antisemitische ecke gestellt.da brauchen sie noch nicht mal ihren blanken busen in einer jüdischen einrichrung zeigen.mit dem gleichen recht ist das immer so eine sache
  • 11.04.2014, 12:57 Uhr
auch ich bin nach 45 geboren.ich habe bis 89 in einem staat gelebt,indem es keine treffen der ss gab,indem ehemalige nazis u.ä.kriegsverbrecher rigoros verfolgt wurden,indem es keine kriegseinsätze der nva gab,um die wirtschaftsinteressen am hindukusch zu vertreten.es gab keinen oberst klein,der einen mörderischen luftangriff auf kinder befahl. 1945 wurde die rote armee zum befreier deutschlands.die westlichen alliierten gründeten als erstes die brd.und nicht die russen die ddr.natürlich bauten die russen ihren einfluß in europa aus.ebenso,wie die usa.nach der wende zogen die russen ab.die usa und die nato bauten ihren einfluß bis an die grenzen russlands aus.wie sollen die russen reagieren,wenn ihr nachbar ihnen so auf den pelz rückt.und in der ukraine wieder mit neonazis politik gegen russland macht. soll putin der nato,den usa und der ukraine sein wohlwollen ausdrücken?versuchen sie mal die situation von dieser seite zu beurteilen.
  • 13.04.2014, 11:41 Uhr
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