Stalino, Donezk, Putino
Stalino, Donezk, Putino

Stalino, Donezk, Putino

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Die wenigsten der selbsternannten Russland-Versteher hierzulande werden Stalino kennen. Stalino heißt heute Donezk, es liegt in der Ukraine, und ist die Stadt, in der heute Russen eine Republik Donezk und den Anschluss an Russland fordern. Stalino war eine Stadt, die in dem Gebiet liegt, das der Autor Timothy Snyder "Bloodlands" nennt, weil dort unvorstellbar viel Blut vergossen wurde. Alleine durch Aushungern kam Stalin in den Jahren 1932/33 auf 3,3 Millionen Menschen, insgesamt, so die Recherche von Snyder, verloren 14 Millionen Menschen in diesem Land in der Zeit nach der Machtergreifung der Bolschewiken bis zum Ende der Sowjetunion ihr Leben. Schwerwiegend auch der Beitrag der Deutschen. Alleine in Donezk, das seit 1961 wieder so heißt, waren es während der deutschen Besatzung 60 000 Menschen.
Was treibt diese Leute, die meinen, es habe sich bei der Annektierung der Krim nicht um einen Bruch des Völkerrechts gehandelt? Oder die meinen, dieser Bruch des Völkerrechts habe dadurch die Qualität eines Normenbruchs verloren, weil die Amerikaner ähnliches ständig täten?

Die Russland-Versteher

Der Spiegel bemüht sich in seiner Ausgabe Nummer 15 darum, die Russland-Versteher zu verstehen. Er knüpft dabei an die Zaren an, die aus Deutschland Ehegatten und Handwerker bezogen. Eine romantische Sicht. Und im Ergebnis findet der Spiegel-Essayist kein Verständnis für die Versteher. Das geht auch nicht. 1914 haben sich die kaiserlichen Verwandten in Petersburg und Potsdam mit Krieg überzogen, und nach dem Zusammenbruch Russlands hat sich Deutschland ein Stück Land herausgeschnitten, Oberost hieß es. Es umfasste vor allem Litauen und Kurland, dauerte allerdings nur bis Kriegsende. Immerhin war es die Blaupause für Hitlers Lebensraum im Osten. Die Ukraine sollte die Lebensmittel liefern, für die Armee und die Heimat, wie sie das zuvor in der Sowjetunion für die Kommunisten tun musste. Die Ukrainer selbst sollten verhungern, bei Stalin und bei Hitler. Für Stalin waren sie kein eigenes Volk, Kiew die historische Hauptstadt Russlands und für Hitler waren sie lebensunwerte Untermenschen, wie die Polen und die Juden. Der Massenmord durch Hunger an Leningrad ist bekannt, der Mord an den ukrainischen Städten, wie Donezk, stand auch auf dem Programm.

Wer da der Meinung ist, man könne das Völkerrecht brechen und beliebig Landesteile herausschneiden, bei dem muss man schon die Vermutung haben, dass für ihn die Ukraine ein Land und seine Bewohner ein Volk mit geringeren Rechten sind. Das ist ziemlich nahe an der Motivation, die den Grund legte zum Ribbentrop- Molotov-Pakt, der Bloodland aufteilte in eine deutsche und eine sowjetische Interessenzone. Und wer sich fragt, warum Polen und Balten so besorgt sind, dann ist es genau das: eine Wiederholung der Geschichte.

Verstoß gegen das Völkerrecht

Russland hat gegen etliche Normen des Völkerrechts verstoßen, nicht nur gegen das Abkommen über die Schwarzmeerflotte, die Uno nannte bereits 1974 die Verwendung im Ausland stationierter Truppen gegen das Gastland einen "Akt der Aggression". Die Uno hat sich die Verantwortung für "Schutzbefohlene" vorbehalten, keiner darf die staatliche Integrität eines Landes verletzten, um irgendwen zu schützen, auch nicht eigene Landsleute. Wobei bekannt ist, dass Stalin die von Kulaken und Intellektuellen entvölkerten Gegenden mit Russen auffüllte. Wer ist es also eigentlich, der "Anschluss" ruft?
Nun hört man, unter anderem von Helmut Schmidt in der ZEIT, das Argument, wegen der Krise in Kiew habe die Ukraine praktisch aufgehört zu existieren. Ohnehin sei die Ukraine kein "Nationalstaat" und "zwischen Historikern" sei "umstritten, ob es überhaupt eine ukrainische Nation" gäbe. Das ist ziemlich genau die stalinistische Lesart. Dabei ist Ukraine Mitglied der Vereinten Nationen und jedenfalls ein souveräner Staat. Und selbst wenn sie zeitweilig nicht "funktionstüchtig" war, ist das kein Grund zur Intervention.

Es könnte in Berlin das Brandenburger Tor verglühen, keiner käme auf die Idee, nun könnten die Dänen ihre Minderheit in Flensburg vor dem deutschen Chaos retten, es könnte der Eifelturm umfallen, keiner in Brüssel machte sich Sorgen um die Minderheit der Flamen in Dünkirchen. Wer so etwas vertritt hat vor allem eines nicht verstanden: Dass das Recht in der Gemeinschaft der Staaten regiert, egal was passiert. Und er hat auch die Europäische Gemeinschaft nicht verstanden, deren ehernes Prinzip es ist, dass kein Mitglied irgendwelche territorialen Ansprüche erhebt gegen ein anderes. Wer das Völkerrecht klein redet, weil über allem doch der "Wille des Volkes stehe", der öffnet wirklich die Büchse der Pandora in Europa, dem gehört wegen Landesverrats der Prozess gemacht.


Der Leib ist fruchtbar noch

Dass es neben irgendwelchen Zar- und- Zimmermann-Romantikern auf der rechten Seite Russland-Versteher gibt, die von der Zusammenarbeit Deutschlands mit der Sowjetunion in den 20er Jahren gegen die Beschränkungen des Versailler Diktats schwärmen, die den Ribbentrop-Molotov-Pakt begrüßen, um das Land zwischen Moskau und Berlin aufzuteilen, und die den Zweiten Weltkrieg verdrängen, das sieht man an den unzähligen Kommentaren in den Chat-Foren. Das ist eine schlimme Sache. Der Leib scheint immer noch fruchtbar zu sein.

Dass aber vor allem die Linke und Sozialdemokraten wie Schmidt, Schröder und Bahr sich als Russland-Versteher hervortun, weist in eine andere Richtung. Zu Zeiten von Drittem Reich und Sowjetunion galt die Kommunistische Internationale als Ideal und Moskau als Fluchtpunkt und moralische Instanz. Dass Stalin die KPD nur als Instrument benutzte, ändert daran wenig. Herbert Wehner ist das Sinnbild, KPD-Mann bis 1946, dann führendes Mitglied der SPD. Er wohnte im Hotel Lux und überlebte alle Säuberungen und Mordorgien Stalins. Noch heute wärmt der Gedanke an das proletaire rouge die Linke mehr als der an Jeans und Coca Cola. Und war Stalin auch schrecklich, die Sowjetunion "trug die Hauptlast im Kampf gegen den Faschismus." Dem wird alles und auch jede Kritik untergeordnet. Kommt Putin nicht aus Leningrad, der "Heldenstadt"? Wie kann man ihn da kritisieren? Und dass ein ehemaliger Kanzler bei einer russischen Gasfirma anheuert, ist wohl nur vor dem Hintergrund dieser emotionalen Nähe zu verstehen.

Und nun ist mit Wladimir Putin einer angetreten, für den der Zusammenbruch der Sowjetunion das "größte Unglück des 20. Jahrhunderts" war, der in Tschetschenien, in Georgien und nun in der Ukraine den stalinistischen Marschschritt wieder aufgenommen hat. Der im eigenen Land die Schwulen und die freie Presse und all diejenigen unterdrückt, die hofften, Russland könnte ein europäisches Land wie die anderen auch sein, wo das Recht gilt und der Respekt vor den Nachbarn und dem Andersdenkenden. Und Putin kann sich der Unterstützung aus Deutschland sicher sein, bei seinen Angestellten, bei den harmlosen Romantikern, bei den Apologeten Ribbentrops und bei den Herren, die sich am revolutionären Feuer ihre alten Knochen wärmen wollen.

Dass Donezk demnächst wieder Stalino heißt, ist nicht anzunehmen. Aber Putino ist zu befürchten.

Foto: Leichenfund in einem Massengrab bei Donesk