Stimmungsmache gegen Rentner

Beitrag von wize.life-Nutzer

Auf nach Indien

Folgt man der gängigen Parole "Mehr Kinder gleich höhere Renten", dann müsste man seinen Rucksack packen und nach Indien oder in gleich nach Afrika pilgern. Denn da mangelt es nicht an Nachwuchs. Aber tatsächlich leben dort die Menschen in bitterster Armut. Der Kindersegen verstärkt eher noch die Probleme.

Richtig wäre es gerade im Interesse der jungen Generation darüber aufzuklären, wie die Sache tatsächlich läuft: entscheidend in unserem Sozialstaat - und das betrifft auch die Altersversorgung - ist die Leistungskraft der Wirtschaft. Ausserdem müssen sicher Antworten gefunden werden, die darauf eingehen, das wir immer länger leben und dabei auch immer gesünder bleiben. Die Altersgrenze von 65 Jahren kann nicht zu einem unumstösslichen Götzen der Nation werden.

Der Chef eines Arbeitgeberverbandes kann ganze Stapel von Aktenordnern mit Beschwerdebriefen seiner Dachdecker vorweisen, die ihn aufordern, sofort etwas gegen die Diskriminierung, gegen die falsche Behauptung zu unternehmen, Dachdecker müssten spätestens mit 60 Jahren abgeschlafft und ausgelaugt mit der Arbeit aufhören. Das gibt es sicher, aber es gibt auch genügend Gegenbeispiele. Und sind wir einmal ehrlich, wer kennt nicht rüstige Rentner , die bei steuerfreier "Nachbarschaftshilfe" noch Spitzenleistungen liefern?

Für den "Kunden" zusätzlich nett ist die Tatsache, dass auch keine Abgaben zur Sozialversicherung fällig werden. Jedenfalls: das Dogma 65 wird ausgerechnet gerne von Politikern gepflegt, die auf ihren Sesseln kleben und sich mit 70 Jahren und darüber erst so richtig fit halten um das Land zu regieren.

Die Rente ist sicher

Nun ist Sozialpolitik und Sozialrecht nicht unbedingt ein Feld das Unterhaltung bietet. Ausserdem ist es verwirrend und unsäglich kompliziert. Nur ein nachvolllziehbares Beispiel: was wurde der damalige Sozialminister Norbert Blüm nicht mit Häme überschüttet, weil er im Wahlkampf auf einem Plakat zu sehen war, mit der Aussage "die Rente ist sicher".

Blüm hat damals aber nur aus einem gültigem Gesetz zitiert, nämlich einem Paragarfen in der Reichsversicherungsordnung (heute Sozialgesetzbuch) wo rechtsverbindlich festgelegt war: "die Rente ist sicher". Wer sich die Mühe gemacht hätte, den gesamten Text zu lesen, hätte erkennen können, an was die kaiserlichen Ministerialräte dachten, die das 100jährige Gesetz geschrieben haben. Sie legten fest, dass der Staat notfalls haftet; und zwar nur für die Renten, für die eigene Beiträge einbezahlt wurden.

Nicht eingeschlossen in diese Garantie sind Wahlgeschenke, die der Staat beschliesst und der Rentenkasse aufs Auge drückt; damit er andere wichtige Dinge finanzieren kann, etwa den Einsatz der Bundeswehr in Afrika.

Senioren müssen aufrüsten

Im so wichtigen Kampf um die Meinungshoheit hat die ältere Generation leider noch keine richtige Lobby, die von der Poltik ernst genommen wird. Dies liegt eben auch daran, dass Senioren schlicht erwachsene Menschen sind, mit sehr sehr unterschiedlichen Interessen. Mit einem gewissen Neid muss man nach USA blicken, wo es einen Rentnerverband mit 39 Millionen Mitgliedern gibt. Sein Ziel : beinhart in allen Lebenslagen ohne Rücksicht auf Parteien für die Senioren zu kämpfen. Davor zittert auch Obama. Wenn der Verband beispielweise zuverlässig erfährt, das es in einem Pflegeheim nicht ordentlich zugeht, dann wird dieses Haus in der von 100 Millionen Amerikanern gelesenen Illustrierten der Organisation "lobend" erwähnt.

Da kann man sich die ganze bürokratische Staatskontrolle ersparen. Öffentlichkeit ist eine wirkungsvolle Waffe. Und deshalb ist - so meine ich - "Seniorbook" auch so wichtig, weil es die Gelegenheit bietet, seinem Standpunkt Gehör zu verschaffen. Darüber sollte man durchaus einmal mit seinen Freunden sprechen.

Nur noch ein Wort zu den Ausbildungsjahren: die Aufbaugenaration hat ihr Studium in viel kürzeren Zeiten absolviert und die Sache bewundernswert gemacht. Die so heftig diskutierten Doktorarbeiten fressen nur Zeit und richtig gelesen und genutzt werden sie offenkundig nicht einmal von den Professoren, sondern nur noch von einem Datendienst, der sich angeblich auch gegen Geld eine Freude daraus macht, die Abschreibkünstler aufzuspüren. Frau Dr. Merkel muss sich übrigens keine Sorgen machen, für Physik gibt es noch kein Kontrollprogramm.

von Karl Jörg Wohlhüter

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