Stolz auf 80 km/h
Stolz auf 80 km/hFoto-Quelle: Hans K., EFG WOL

Früher war alles besser!?

Beitrag von wize.life-Nutzer

Früher war alles besser! So sagten es nicht nur manche Bewohner der neuen Bundesländer nachdem vieles für sie umgestellt wurde, sondern so reden nicht selten auch Senioren, die die Last der Zeit oder des Alters tragen. Aber wie war es denn nun?

War es besser als die Waschmaschine noch mehr Programme hatte als der Fernseher und man zum Umschalten aufstehen musste, obwohl es sich vielleicht gar nicht lohnte? War das noch eine schöne Zeit, als den Motorsportfreunden das Herz durch den Geruch des bleihaltigen, schädlichen Benzins höher schlagen ließ?
Aber vielleicht war es doch schöner für den Straßenbauarbeiter, der u.U. schon mit 50 in Rente gehen konnte, weil er noch nicht tonnenschwere Lasten mit einem kleinen Joystick über eine Hydraulik heben konnte, sondern durch die körperliche Schwerarbeit kaputte Knochen hatte.
Aber vielleicht war es ja wenigstens beim Apotheker leichter, der vor etlichen Jahrzehnten noch keine unendliche Listen von Arzneien mit dem Computer erfassen musste, weil es noch nicht so vieles Verschiedenes gab. Und gegen manche Krankheiten gab es ja auch noch gar nichts.
Und wie war die Zeit der D-Mark. War die nicht besser? Vieles war einfach billiger als heute. - Nur komisch, dass wir uns heute eher mehr als weniger leisten können. War früher wirklich alles besser? Warum reden manche so, aber wollten doch nicht zurück, selbst wenn sie könnten?!

Was wurde eigentlich anders?

Natürlich ist die Zeit komplexer geworden. Die Informationsflut scheint zu erschlagen. Der heutige Abiturient hat das Wissen eines Hochschulprofessors aus dem Mittelalter – sagt man. Für jemanden, der nicht mehr auf Neues erpicht ist, ist das Muss zur Veränderung unangenehm, geschweige denn das viele Neue, was eine computerisierte und globalisierte Welt mit sich bringt. So war es eben früher einfacher – aber wohl nur aus heutiger (!) Sicht. Geklagt hat mancher Senior vielleicht früher auch schon. Schon Sokrates schimpfte über veränderte Zeiten und die zunehmend verrohende Jugend.

Und jetzt?

Wir sind uns als Erwachsene im fortgeschrittenen Alter zwar unserer gewonnenen Lebenserfahrung bewusst geworden, einschließlich der Möglichkeit des Vergleichs zwischen damals und heute. Aber die Tatsache, dass wir mit dieser Aussage, ‚Früher war alles besser!‘, eigentlich jung mit alt vergleichen, also eher Äpfel mit Birnen, übersehen wir leicht.
Wer jung ist, hat in der Regel weniger Mühe mit Neuem als die ältere Generation. Außerdem hatte er gefühlt eine fast unendliche Zukunft vor sich, die versprach, das in der Zukunft alles besser wird. Zwar ist diese illusorische Seifenblase mit dem Alter geplatzt, aber man schaute nach vorn. Wohin aber soll der Senior blicken, woher soll er seine Hoffnung nehmen, die jeder Mensch als starken Lebensmotor braucht? Oder soll man die undifferenzierte Behauptung, dass früher alles besser war, stützen und sich auch noch das jetzige Leben unnötig madig machen und dem (inneren) Miesmacher stets neue Nahrung bieten?