Buchtipp: Erich Fromm: Die Kunst des Liebens
Buchtipp: Erich Fromm: Die Kunst des LiebensFoto-Quelle: ©Helmut J. Salzer / www.pixelio.de

Buchtipp: Erich Fromm: Die Kunst des Liebens

Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Liebe ist der Motor unseres Lebens. Wir möchten jemanden lieben, wir möchten geliebt werden, streben nach Anerkennung. Wenn aus einer Liebesbeziehung nichts wird, sind wir enttäuscht, wenn eine Beziehung in die Brüche geht, geraten wir schnell aus dem seelischen Gleichgewicht und müssen uns wieder fangen. Egal in welchem Lebensalter wir uns befinden, ohne Liebe können wir nicht existieren. Wenn wir an Liebe denken, denken wir zuerst an die erotische Liebe zwischen Mann und Frau. Wir verlieben uns, weil die Natur danach bestrebt ist, dass sich unsere Spezies weiter fortpflanzt. Bloß warum gehen Liebesbeziehungen die Brüche? Viele Ehen enden beim Scheidungsanwalt. Liebe auf den ersten Blick ... wir haben das Gefühl, die Liebe fällt vom Himmel. Doch dem ist nicht so. Wir können uns in jemanden verlieben, aber für eine Ehe reicht es nicht, weil es einfach hier und dort nicht passt. Aus Verliebtsein kann sich aber auch eine Liebe entwickeln, die viele Jahre oder ein ganzes Leben lang anhält. Liebe zeugt von innerer Verbundenheit zu einem Menschen, die über das Verliebtsein hinausgeht. So könnten wir Liebe definieren, bloß ist diese Definition unbefriedigend, denn sie erklärt nicht, worin das Wesen der Liebe besteht.

Als ich in den Zwanzigern war, haben viele Menschen Erich Fromm gelesen. Er gehört zu meinen Lieblingsautoren. Fromm war Psychonanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe, besonders seine Bücher „Die Kunst des Liebens“ und „Haben oder Sein“ sind auch außerhalb der Fachwelt bekannt geworden.

Ist Lieben wirklich eine Kunst? Bevor sich Erich Fromm mit der Kunst des Liebens auseinandersetzt, erläutert er den Irrtum, die Liebe falle uns einfach in den Schoß. Die Vorstellung grassierte 1956, als das Buch erstmals erschien, bis heute hat sich daran nichts daran geändert. Das hat gesellschaftliche Gründe:

„Unsere gesamte Kultur gründet sich auf die Lust des Kaufens, auf die Idee des für beide günstigen Tauschgeschäfts.“ (Fromm, Seite 13).

Die Liebe wird wie ein Objekt betrachtet. Ein Mann ist hinter einer attraktiven Frau her, was attraktiv ist, gibt die Gesellschaft vor, ein Bündel positiver Eigenschaften. Umgekehrt, wenn eine Frau hinter einem Mann her ist, passiert das gleiche. Und schließlich finden sich zwei, wo die Attraktivitätsmerkmale sich gegenseitig ergänzen. Es hat viel gemeinsam mit einer Art von Tauschhandel, auf dem man sich einlässt. Das Verständnis der Liebe als ein Objekt ist ein Irrtum, ein anderer Irrtum beruht darauf, das sich verlieben mit der Liebe gleichzusetzen. Zwei Menschen verlieben sich, sie werden vertraut, aber wenn sie sich dann besser kennenlernen, kann die Vertrautheit wieder verloren gehen, dann wird eine Entfremdung in Gang gesetzt, die sich in Enttäuschung, Streit oder und gegenseitiger Langeweile offenbart. Sie waren der Meinung, das Verliebtsein „sei der Beweis für die Intensität der Liebe, während es vielleicht nur beweist, wie einsam sie vorher waren.“ (Fromm, Seite 14).

Um aus diesem Dilemma herauszukommen erklärt Erich Fromm ganz nüchtern, wie müssen die Theorie und Praxis der Liebe erlernen, und dieses Erlernen muss uns wirklich am Herzen liegen. Aus diesem Grund teilt sich das Buch in folgende zweite Teil auf: „Die Theorie der Liebe“ und „Die Praxis der Liebe“

Theorie

Um die Liebe zu begreifen, erläutert Erich Fromm „das Problem der menschlichen Existenz“ an. In einer frühen Phase der Entwicklung zum Menschen sind wir aus der Einheit der Natur herausgeworfen, und haben unsere Instinkte, die die Tiere ja haben, verlassen, stattdessen der Mensch mit Vernunft ausgestattet wurde, er sich der Tatsache bewusst geworden ist, dass er einmal sterben wird. Die Erfahrung von dem Abgetrenntsein der Natur spiegelt sich auch im biblischen Mythos von Adam und Eva, die verbotener Weise vom Baum der Erkenntnis einen Apfel pflücken. Adam und Eva erfahren ihr Getrenntsein, ihr unterschiedliches Geschlecht, und da Adam vor Gott Eva nicht verteidigt, geht Fromm davon aus, das zwischen ihnen keine Liebe war.

„Das Bewußtsein der menschlichen Getrenntheit ohne die Wiedervereinigung durch die Liebe ist die Quelle der Scham. Und es ist gleichzeitig die Quelle von Schuldgefühl und Angst.“ (Fromm, Seite 19).

Der Mensch ist von dem Grundimpuls getrieben, dieses Abgetrenntsein zu überwinden. Es gibt Riten primitiver Stämme, in denen durch Trancezustände vorübergehend die Außenwelt verschwindet und dadurch das Gefühl des Abgetrenntseins von der Natur verschwindet. Dieses Gefühl kann auch unter Zuhilfenahme von Drogen erreicht werden. Auch der Sexualakt kann für einen Moment dieses Getrenntsein überwinden. Drogenabhängigkeit, Alkoholismus und die hohen Absätze der Pornoindustrie spiegeln die Verzweiflung der Menschen wieder. Die Suche nach der Einheit mit der Natur führt hier in die dumpfe Abhängigkeit. Erich Fromm ist ein Kritiker unser Kapitalistischen Gesellschaft. Der Mensch wird zur Gleichheit degradiert, er agiert als Verlängerung einer Maschine oder er „wird zu einer bloßen Nummer, zu einem Bestandteil der Arbeiterschaft oder der Bürokratie aus Verwaltungsangestellten und Managern“, von dem nur wenig Eigeninitiative verlangt wird, weil der gesamte Apparat durch die Organisation der Arbeit alles vorschreibt (vgl. Fromm, Seite 27). Diese Art von Gleichheit hat nichts mit Einheit in der Natur zu tun.

Der Roman „Der Verschollene“, des Prager Schriftstellers Franz Kafka, hat das Getrennsein zum Thema. Der fünfzehnjährige Karl Roßmann wird von seinen Eltern nach Amerika geschickt, weil er von einem Dienstmädchen vergewaltigt worden ist, die nun geschwängert war. Er soll verbannt werden, von seinen Eltern auf immer und ewig getrennt, nicht weil Karl die Schuld der Vergewaltigung trägt, sondern um die Schande an sich von der Familie fernzuhalten. Die Bedeutung dieses Romans liegt u.a. darin, dass Kafka zu Beginn des 20 Jahrhunderts erschreckend in eine hochtechnisierte Welt sah, die den einzelnen Menschen, das Individium, unbedeutend erscheinen ließ. Der einzelne Mensch wird entmenschlicht. Es wird aber erwartet, der Mensch müsse in der hochtechnisierten Welt funktionieren.

Nach Erich Fromm ist „die reife Liebe eine Vereinigung, bei der die eingene Integrität und Individualität bewahrt bleibt. Liebe ist eine aktive Kraft im Menschen.“ (Fromm, Seite 31). Liebe überwindet das Gefühl des Abgetrenntseins. Liebe ist ein aktiver Zustand, der sich in einem Menschen entwickelt, in erster Linie ein „Geben“ und nicht „Empfangen“. Das Geben ist nicht gemeint, als ein Opfer, das jemand erbringt, sondern das Geben als Audruck von Reichtum, Vitalität und Potenz.

„Nicht reich ist der, der viel hat, sondern der, der viel gibt.“ (Fromm, Seite 34).

Das Geben ist aber nicht auf das materielle begrenzt, es liebt insbesondere im zwischenmenschlichen Bereich. Wenn wir lieben, geben wir einem Menschen etwas von uns, dass in uns lebendig ist. Humor, Freude, Wissen, Traurigkeit u.a. Auf diese Weise schenken wir jemanden anderes etwas von unserer Lebendigkeit und bereichern damit das Leben eines anderen. Das ist nichts mit aufopfern zu tun. Liebe beinhaltet auch Fürsorge, Verantwortungsgefühl, Achtung vor dem anderen und Erkenntnis. Die Fürsorge der Mutter gegenüber ihrem Kind. Das Verantwortungsgefühl ist „die Antwort auf die ausgesprochenen oder auch unausgesprochenen Bedürfnisse eines anderen menschlichen Wesens.“ (Fromm Seite 38). Zu jemanden gegenüber Achtung haben heißt, „jemanden so zu sehen, wie er ist“ (Fromm, Seite 39). Diese Achtung ist mit Achtsamkeit gleichzusetzen. Wir nehmen einfach nur wahr, wie jemand ist, ohne es zu kommentieren, ohne ihn /sie zu kritisieren, ohne jemanden ändern zu wollen. Alle diese Eigenschaften der Liebe gehen mit der Erkenntnis einher. Nur wenn ich mein eigenes Interesse transzendiere und den anderen wahrnehme, wie er ist, nur dann kann ich erkennen wie sich jemand fühlt, wie es ihm geht und so weiter.

„Die Liebe ist ein aktives Eindringen in den anderen, wobei das eigene Verlangenm ihn zu erkennen, durch die Vereinigung gestillt wird.“ (Fromm, Seite 41).

In weiteren Unterkapiteln geht Erich Fromm auf die verschiedenen Formen der Liebe ein. Nächstenliebe, Mutterliebe, Erotische Liebe, Selbstliebe und die Liebe zu Gott. Und es wäre eben kein Buch von Erich Fromm, wenn er nicht auf den Verfall der Liebe in der heutigen Gesellschaft eingehen würde, denn Erich Fromm, das zeigt auch sein überaus erfolgreiches Buch „Haben oder Sein“, ist in erster Linie ein Sozialkritiker, wenn nicht gar ein Sozialphilosoph.

Praxis

Paradoxerweise setzt die Fähigkeit des Liebens voraus, dass wir auch alleine sein können, ohne uns durch innere Unruhe treiben zu lassen. Erich Fromm empfiehlt und erläutert hierzu Konzentrationsübungen im Sitzen, die durchaus meditativen Charakter haben. Hinzukommt das Lernen, bei Tätigkeiten im aktiven Leben konzentriert zu sein. Das erinnert an Achtsamkeitsübungen, die inzwischen durch Jon Kabat Zinn in der Medizin Eingang gefunden haben. Erich Fromm konnte damals das nicht wissen. Kabat-Zinn setzt sich für die Achtsamkeitspraxis in der Medizin und in der Gesellschaft ein, und hat ein therapeutisches Verfahren entwickelt, dass unter anderem Achtsamkeitsmeditation beinhaltet und er greift auch auf Körperübungen zurück, die im Hatha-Yoga gelehrt werden. (Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR)). Erich Fromm definiert diese Konzentriertheit wie heute auch Achtsamkeit definiert wird, „ganz in der Gegenwart, im Hier und Jetzt leben“ (Fromm, Seite 126). Au jemand anderem konzentriert sein, heißt insbesondere, dass wir lernen zuzuhören, dann entwickeln wir ein Gespür für die Belange und Lebensäußerungen eines Mitmenschen. In der Liebe überwinden wir unseren Narzißmus, d.h. wir überwinden die Haltung, die es zulässt, dass wir nur das als real erkennen, was in uns vorgeht und die Außenwelt außen vor lassen.

„Vernunft ist die Fähigkeit, objektiv zu denken. Die ihr zugrunde liegende emotionale Haltung ist die Demut.“ (Fromm, Seite 132).

Erich Fromm erläutert, zur Praxis des Liebens gehört ein Glaube, nicht der Glaube an etwas Nichtrationalem, sondern die Gewissheit und Unerschütterlichkeit der eigenen Überzeugung. Wenn wir nicht von der Beständigkeit der Existenz unseres Selbstes überzeugt sind, gerät unser Identitätsgefühl in Gefahr und machen uns von anderen Menschen abhängig. In diesem Falle erleben wir nur durch Zustimmung anderer unser Identitätsgefühl. (vgl. Fromm, Seite 135). Der Glaube an die Liebe, und der Glaube an die Fähigkeit, dass die eigene Liebe bei anderen Liebe auslöst, ist die Grundlage für eine Liebesbeziehung.

Wie kann man in ein er Gesellschaft Liebe praktizieren, die davon geprägt ist, dass jeder seine eigenen Vorteile sucht. Unsere Gesellschaft wird von einem riesigen Bürokratieapparat gelenkt und Menschen werden durch Massensuggestion gelenkt, bestimmte Waren zu kaufen. Der Wahn, jedes Jahr seinen Umsatz steigern zu müssen, dienst einem Selbstzweck, der es darauf anlegt, möglichst viel Geld einzutreiben. Der Mensch selbst bleibt dabei ziemlich unwichtig. Solange aber der mensch selber nicht im Mittelpunkt des Interesses steht, hat es die Liebe schwer und sie bleibt in einer kapitalistischen Welt nur eine unbedeutende Randerscheinung. Der Wirtschaftsapparat muss dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Da fordert Erich Fromm am Ende seines Buches. Nur die Liebe kann eine befriedigende Antwort zur Existenzfrage des Menschen geben.

Quelle: Erich Fromm: Die Kunst des Liebens; Lizensausgabe des Deutschen Bücherbundes; Stuttgart / München