In einer Bekenntnisschule
In einer BekenntnisschuleFoto-Quelle: Foto: Kirchensite.de

Wie viel Boko Haram in der katholischen Kirche steckt

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Kaum etwas hat die zivilisierte Welt so empört wie die Entführung der 276 christlichen Mädchen durch die Islamistengruppe Boko Haram aus einem Dorf, dem Ort Chibok im Bundesstaat Borno im Norden Nigerias. Sie sollten auf einem Sklavenmarkt verkauft werden, kündigte der Bandenchef an. In einem Video wurden jetzt angeblich 130 von ihnen gezeigt, die zum Islam konvertiert wurden. Sie kämen nur frei, wenn die Regierung in der Hauptstadt Abuja dafür alle inhaftierten Islamisten der Gruppe freilassen würde. Die Vorgänge sind so empörend, dass dies keiner weiteren Erklärung bedarf. Interessanter ist es daher, die Reaktionen auf das Verbrechen zu beleuchten. Nigeria ist unfähig zu reagieren. Aber die USA, England und Frankreich schicken Teams, die Mädchen zu finden. Und Deutschland, das doch angeblich eine aktivere Rolle in der Außenpolitik spielen will? Deutschland beteiligt sich nicht. Mal wieder nicht.

Die Fernsehsender zeigten Ausschnitte, in dem die Mädchen gezeigt werden, sie sind in muslimische Gewänder gekleidet sind, sitzen auf dem Boden und zitieren offenbar unter Zwang Verse aus dem Koran. Die Sender zeigten auch ihre Mütter in ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung. Von offizieller muslimischer Seite in Deutschland oder sonst wo konnte noch kein Schrei der Empörung registriert werden.

Menschenraub ist ein Verbrechen, Menschen durch Zwang von ihrem Glauben abzubringen, ist auch ein Verbrechen. Wie jedoch beurteilen Sie es, wenn Menschen nicht durch direkten Zwang - etwa: konvertiere oder stirb - von ihrem Bekenntnis abgebracht werden, sondern durch Nötigung, durch die Androhung von einem persönlichen Übel? Dieses Übel kann darin bestehen, dass man als Schüler keinen Platz in der Schule oder als Lehrer keine Anstellung bekommt. Himmelswillen nicht diesen Vergleich, werden Sie sagen. Zu Recht, jedenfalls zu einem Teil. Aber zurück zur Frage. Wie beurteilen Sie einen Glaubenswechsel durch Nötigung? Vermutlich und hoffentlich werden Sie die Nötigung ablehnen und als verwerflich ansehen.

Gut, dann sind wir beim Thema, und die tragische Geschichte der Mädchen aus Chibok sollte dazu dienen, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass jeder abgepresste oder abgenötigte Religionswechsel zu ächten ist.

Wir sind im Thema öffentliche Bekenntnisschulen

Wir sind in Nordrhein-Westfalen (und anderen Teilen Deutschlands) und mitten im Thema öffentliche Bekenntnisschulen. Vorsicht, mag einer sagen. Bekenntnisschulen gehören den Kirchen, und die können bestimmen, wer lernt und wer lehrt. Die können vorgeben, dass Andersgläubige oder Geschiedene oder sich nicht der Morallehre entsprechend Verhaltende dort nichts zu suchen haben. Widerspruch. Die Rede ist von Schulen, die zu 100 Prozent von allen Steuerzahlern bezahlt werden, nicht von der Kirche oder ihren Gläubigen. Und die Rede ist von Schulen, die für die staatliche Versorgung der Bürger mit Bildungsangeboten unverzichtbar sind. Denn in NRW sind ein Drittel aller Grundschulen öffentliche Bekenntnisgrundschulen.
Diskriminierung und Nötigung stehen nicht nur im Gesetz, dem Schulgesetz NRW, das wird auch so gelebt. In mehreren Fällen wird aktuell von evangelischen Lehrerinnen verlangt, ein Bekenntnis zum katholischen Glauben abzulegen, sonst gibt es keine Anstellung. Bei muslimischen Lehrerinnen wird es genau so sein, es ist nur kein Fall bekannt. Und natürlich müssen die Kinder - egal welchen Bekenntnisses - dort am Religionsunterricht teilnehmen. Das Grundgesetz wird dadurch an diesen Schulen mindestens relativiert, wenn öffentlich gefordert (und umgesetzt) wird, "dem Interesse gesellschaftlicher Subsysteme verstärkt Vorrang vor dem Individualinteresse einzuräumen", wie es ein Dechant auf dem Juristentag betonte. Gemeint ist: Auch gegen den Widerstand des Schülers oder des Lehrers wird er auf einer katholischen Schule zum Katholiken konvertiert.

Historisch tobt sich in NRW das Gedankengut des 19. Jahrhunderts aus. Bis in diese Zeit war das Schulwesen mit der Kirche eng verknüpft, selbst Bismarck verlor weitgehend seinen Kulturkampf. In Bekenntnisschulen ist noch heute die Teilnahme am Religionsunterricht verbindlich. Die Aufnahme bekenntnisfremder Schulanfänger darf abgelehnt werden, wenn Eltern die Teilnahme ihrer Kinder am Religionsunterricht und an Schulgottesdiensten verweigern. Die Nazis arrangierten sich mit der Kirche und garantierten die Beibehaltung und Neueinrichtung katholischer Bekenntnisschulen. In der Bundesrepublik wurde endlich nach langem Kampf die Zuständigkeit des Staates in Bildungsfragen anerkannt. Nur in Nordrhein-Westfalen und Teilen von Niedersachsen stellen konfessionelle Grundschulen bis heute eine gleichberechtigte, örtlich sogar dominierende Schulart neben der Gemeinschaftsgrundschule dar.

„Lehrer an Bekenntnisschulen müssen dem betreffenden Bekenntnis angehören"

In Art. 12 Abs. 3 Satz 2 der nordrhein-westfälischen Verfassung heißt es: „In Bekenntnisschulen werden Kinder des katholischen oder des evangelischen Glaubens oder einer anderen Religionsgemeinschaft nach den Grundsätzen des betreffenden Bekenntnisses unterrichtet und erzogen.“ § 26 Abs. 6 des Schulgesetzes legt fest: „Lehrerinnen und Lehrer an Bekenntnisschulen müssen dem betreffenden Bekenntnis angehören und bereit sein, an diesen Schulen zu unterrichten und zu erziehen.“ Wie gesagt: bei 100 prozentiger Finanzierung durch den säkularen Staat.

Aktuell liefert die Konfessionsschule vielen Eltern die Chance, ihre Kinder in einem Umfeld erzogen zu sehen, dass nicht von Migranten oder durch Präkariat geprägt ist. Doch dieses Umfeld ist wirklichkeitsfremd und steht dem staatlichen Interesse an Integration diametral entgegen. Der Staat müsste sich daher diesem Trend und den Ansprüchen der Kirchen entgegenstemmen.

Wie verwerflich ist der Vergleich mit Boko Haram?

Wie verwerflich ist der Vergleich mit Boko Haram? Sehr verwerflich. Es ist eine Provokation. Aber wenn die Provokation Denkschablonen sprengt, wenn sie zur einer sachlichen Beschäftigung mit der Frage führt, ob nicht auch das Aufzwingen einer anderen Religion oder Konfession durch Nötigung verwerflich ist, dann wird sie in Kauf genommen, dann hat sie ihren Zweck erfüllt