Exekutionen im Irak
Exekutionen im IrakFoto-Quelle: Foto: Ars Skeptica / flickr (CC BY-SA 2.0)

Wer sich in die falsche Richtung verbeugt

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Kurdistan, jeder der Karl May gelesen hat, bekommt bei diesem Wort feuchte Augen. So muss es auch dem SZ-Korrespondenten Tomas Avenarius gehen. "Was für ein Land!" ruft er aus, schwärmt dann von grünen Auen, strohgelben Feldern, Flüssen, in die junge Männer ihre Beine baumeln lassen. Aber die Idylle trügt. "Der Gefragte streckte den Arm aus und deutete auf einen Trupp von vielleicht zwanzig Männern, die den Pfad emporstiegen, auf dem wir vorhin herabgekommen waren. Siehe, das sind Krieger aus Aïram, Hadschi Dsho und Schura Khan, welche diese Gegend sehr gut kennen. Sie gehen den Türken entgegen und werden uns von deren Kommen rechtzeitig benachrichtigen." Dieser Hinweis ist dem zentralen Roman des Dresdner Schriftstellers in seinem "Orientzyklus" mit dem Namen "Durchs wilde Kurdistan" entnommen. Doch die Bedrohung kommt heute nicht von den Türken, sie kommt von den Dschihadisten, der radikal-islamischen Sunniten-Miliz " Islamische Staat Irak und al-Shams", kurz Isis genannt. Und diese Männer, die al-Qaida-nahestehen, erobern im Sturm Stadt um Stadt im Irak, halten Teile Syriens besetzt und greifen nach Jordanien.
Man ist an die Zeiten erinnert, als Dschingis Kahn mit seinen wilden Horden verheerend Asien durchzog, und liest man die Berichte von ermordeten Männern, vergewaltigten Frauen, abgeschlagenen Händen und zerstörten Heiligtümern, glaubt man gerne, dass Abu Bakr al-Baghdadi den Menschen so viel Schrecken einflößt wie einst der Hunnenführer.
Aber wieso? Dass im Irak Schiiten und Sunniten mit einem Hass, den hervorzubringen nur Religionen imstande sind, einander an die Gurgel gehen, ist bekannt. Aber der Erfolg der Isis überrascht doch. Indes nur auf den ersten Blick.

Der Kampf um das wahre Erbe

Der Kampf um das wahre Erbe des Religionsgründers Mohammed findet nicht nur im Irak statt, sondern weltweit. Dass der irakische Premierminister Nuri al-Malikis befahl, alle Muslime müssten künftig in Richtung Kerbela beten und nicht mehr in Richtung Mekka, war der Funke, der das Land in Flammen aufgehen ließ. Dort in Kerbela wurde al-Hussein, ein Enkel Mohammeds, im Jahre 680 nach Christus von seinem sunnitischen Gegenspieler Yazid getötet. Er gilt Schiiten seitdem als Märtyrer. Dort in Kerbela befindet sich sein Mausoleum.
Nach dem Befehl, sich in eine neue Richtung zu beugen, hat Isis zu einem Genozid der Schiiten aufgerufen, weil sie "das Erbe Mohammeds beschädigt hätten". Und weil sie im König von Saudi-Arabien einen Finanzierer mit unbeschränkten Mitteln haben, ist dieser Aufruf mehr als nur eine orientalische Drohgebärde.
Spätestens seit der Einnahme der Millionen-Stadt Mossul ist Isis eine ernstzunehmende Kraft in der Region und ruft die Nachbarn auf den Plan. Zunächst den Iran, einst der Erzfeind des sunnitisch regierten Iran, heute Malikis wichtigster Verbündeter.
Denn erst der Sturz des sunnitischen Saddam-Regimes durch die Amerikaner im Jahre 2003, mit dem man sich zuvor einen Krieg mit Millionen Toten geliefert hatte, und die anschließende Machtübernahme durch die irakischen Schiiten ließen den Iran zu einer Regionalmacht am Persischen Golf aufsteigen. Dass Iran dem Erzfeind USA eine militärische Kooperation anbietet, zeigt, dass auch Teheran Angst vor den gnadenlosen Horden des Abu Bakr al-Baghdadi hat.

Für die Nachbarn entsteht eine schwierige Lage

Für die Türkei ist die Situation nicht so einfach in ein religiöses Schema zu fassen: Ein Kurdistan als Nachbar würde Sehnsüchte bei den Kurden im eigenen Land wecken, ebenso wie dies im Iran und in Syrien der Fall ist. Und seitdem die kurdischen Peshmerga die Ölstadt Kirkuk von den davon gelaufenen Irakern übernommen haben, wäre ein autonomes Kurdistan auch lebensfähig. Kurdistan ist für die Türkei eine Bedrohung, jedenfalls solange die Regierung Erdogan ihre Politik gegenüber den Kurden nicht ändert.

Und einen radikalen Dschihadisten-Staat hinter der Grenze mag man in Ankara auch nicht. Seit der Geiselnahme im türkischen Konsulat in Mossul weiß man, dass Regeln dort nicht gelten würden, selbst wenn man der sunnitischen Glaubensrichtung anhängt. Zudem macht Ankara mit den syrischen Rebellen gemeinsame Sache. Todesangst hat auch das sunnitische Jordanien. Denn Isis hat schon angekündigt, dass dieses Land zum geplanten Gottesstaat dazugehört und dass darin kein Platz für Königshäuser ist. Letzteres gilt auch für Saudi-Arabien. Ob Riad damit durchkommt, sich wie bei Bin-Laden mit Geld vom Terror im eigenen Land freizukaufen, kann bezweifelt werden.
Saudi-Arabien spielt eine Schlüsselrolle. Einerseits ist Riad ein Verbündeter der USA, andererseits hat es die Terrorgruppe aufgebaut, die im Irak schon gegen die Amerikaner gekämpft hat. Für die Saudis sind der schiitische Irak unter Maliki, die Islamischen Republik Iran und der syrische Staatschef Assad, der auch Schiit ist, Todfeinde.
Diese Frontstellungen sind im Nahen Osten jedoch nicht stabil, das Spiel um Macht und Einfluss, um Öl und Geld gehört ebenso dazu wie die Korruption und der politische Mord. Selbst die aktuellen Kriegsgewinnler, die Kurden, sind ein stets ein zerstrittener Haufen.

Bündnis USA mit Iran?

Für Obama böte es sich fast an, ein Bündnis mit Iran zu schmieden, jetzt wo man doch im Uranstreit vermeintlich auf dem guten Weg ist. Doch Vorsicht ist geboten. Man kann davon ausgehen, dass - wäre man dem Ruf der Öffentlichkeit gefolgt und hätte die Anti-Assad-Rebellen mit Waffen ausgerüstet - diese Waffen jetzt die Arsenale der Isis schmücken würden. Dass der Feind meines Feindes mein Freund ist, das gilt in den Büchern von Karl May. Und im Nahen Osten gibt es keinen, der nicht mit irgendwem verfeindet ist. Auch Saddam Hussein, Herrscher des Irak, war so ein Freund der USA, weil er Feind der Mullahs war, ebenso wie der Schah, Herrscher Irans vor den Mullahs, ein Freund der USA war, weil es damals gegen die Sowjetunion und den Irak ging. Eins jedoch gilt über alle Auslegungsfragen hinweg: Mit einem Ungläubigen, also einem aus dem Westen, geht ein gläubiger Muslim keine Freundschaft ein. Es gibt bestenfalls Absprachen dieser Art, die man auch mit dem Teufel trifft. Ein US-Senator meinte dieser Tage, man hätte ja auch mit Stalin zusammengearbeitet, um Hitler zu besiegen. Ein Orientale lacht dazu.

Es ist immer gut, statt des Freund-Feind-Denkens sich auf die eigenen Interessen zu besinnen. Mit dem unseligen Streit der Muslime haben wir direkt nichts zu schaffen. Aber dass Isis im Nahen Osten ein Terror-Emirat schafft, das Attentäter nach Madrid, München oder New York schickt, das können wir nicht wollen. Und die USA und andere Mächte, darunter der Iran und die Türkei, auch nicht. Dass man sich mit Abu Bakr al-Baghdadi verständigen könnte, weil er Öl hat, ist zu befürchten, aber nicht zu hoffen. Noch hat er keine funktionierende Pipeline. Die Kurden übrigens auch nicht.

Eine Neubewertung des saudischen Königshauses ist nötig

Zu hoffen ist, dass Europa und die USA eine Neubewertung des Saudisches Königshauses vornehmen. Die Bluttaten der Isis gäbe es ohne das Geld aus Riad nicht.
Was Iran angeht, sollte man den neuen Freund nicht zu heftig umarmen. Teheran hat gewollt, dass Nuri al-Maliki die Gebetsrichtung änderte und so das Höllenfeuer entfachte. Und der Hass auf die USA ist Staatsräson, eint seit dem Sturz des Schah und dem Sturm der amerikanischen Botschaft das Volk mit den Regierenden. Nicht zuletzt in Israel und Palästina sitzt man in gegeneinander gegrabenen Gräben.
Immer richtet sich der Blick auch auf die Russen und die Chinesen. Doch dass die Russen an dem Zerstörer des irakischen Staates Freude haben, ist nicht anzunehmen. Der Bauch Russlands ist muslimisch, und Moskau hat mit islamischem Terror bereits schmerzliche Erfahrungen gemacht. Vergleichbares gilt für China. Der Widerstand der Uiguren speist sich auch aus dem Glauben, und der ist sunnitisch - wie bei Isis.
Abu Bakr al-Baghdadi muss man trotz seiner Feinde ernst nehmen, dass die USA ein Kopfgeld von zehn Millionen Dollar auf ihn ausgesetzt haben, heißt nicht, dass man ihn nicht für sich einsetzen könnte, wie es bislang die Saudis getan haben. Er soll inzwischen sogar mehr Ansehen haben als Al-Qaida-Anführer Ayman al-Zawahiri. Er sei gewalttätiger und bösartiger als dieser. US-Geheimdienste gehen davon aus, dass er über 7000 bis 10000 Getreue verfügt. Er beansprucht für sich, ein direkter Nachfahre des Propheten Mohammed zu sein. Nach Osama bin Ladens Tod schwörte er al-Zawahri nicht die Treue, was den Bruch zur Folge hatte.

Deutschland hat ein innenpolitisches Problem

Für Deutschland ist die Isis vor allem innenpolitisch von Bedeutung. Immerhin sollen 320 Deutsche dort im Einsatz sein. "Auf zur Schlacht, ihr Löwen", lauten die Rufe der "Deutschen Brigade von Millatu Ibrahim ". Zynisch mag man sagen, lass die Dschihadisten sich doch in Syrien oder im Irak umbringen, nur fort aus Deutschland sollen sie sein. Das ist eine naive Sicht. 500 Fanatiker, die keine Ahnung haben wie man Bomben baut oder scharf macht, sind weniger gefährlich als 5 kriegserfahrene Heimkehrer.
"Wenn du uns sagst, wie viel das Leben eines Emirs aus Germanistan wert ist," wird Hadschi Halef Omar, der deutsche Erzähler in Karl Mays "Durchs wilde Kurdistan" aufgefordert.
„Es ist gar nichts wert.“ „Nichts? Du scherzest!“
„Ich rede im Ernste. Gar nichts ist es wert.“
„Inwiefern?“
„Weil Allah auch einen Emir zu jeder Minute zu sich fordern kann.“
„Du hast recht; das Leben steht in Allahs Hand; aber es ist ein Gut, welches man beschützen und erhalten soll!“
„Du scheinst kein guter Moslem zu sein, denn sonst würdest du wissen, daß die Wege des Menschen im Buche verzeichnet stehen „
„Und dennoch kann der Mensch sein Leben wegwerfen, wenn er diesem Buche nicht gehorcht. Willst du dieses thun?“
Dass deutsche Dschihadisten zu den Karl-May-Lesern gehören, ist allerdings nicht bekannt.