Jena: die Stapelstadt des Wissens
Jena: die Stapelstadt des Wissens

Jena: die Stapelstadt des Wissens

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Die Szene mutet an wie ein Blick in einen Teilchenbeschleuniger: In dem runden Jena-Tower, dem einst die Intershop AG zu internationaler Berühmtheit verholfen hatte, wuseln Elemente durcheinander, in vermeintlich chaotischer Unordnung. Die „Elemente“ sind jugendliche Mitarbeiter unzähliger Firmen, deren Hasten von Bildschirm zu Bildschirm, von Raum zu Raum, von Firma zu Firma dem E-Commerce gilt, dem Handel von Gütern und Dienstleistungen mit Hilfe des Internet. Alles spielt sich vor der gläsernen Außenwand ab, die hinter den hastenden Akteuren Blicke auf die Stadt oder auf Jenas Berge freigeben, je nach Stockwerk und Blickwinkel.

Software ist das Werkzeug

Schillernd die Namen: Newskraft GmbH, Preisbock GmbH, Truition GmbH – es gibt mehr als 20 kleine und kleinste Firmen im Tower, nur die oberen Etagen werden noch von der Intershop AG genutzt, mit bald 220 Mitarbeitern, Studenten, Praktikanten, Doktoranden, fertige Wissenschafter und gestandene Unternehmer. „Und im Umfeld von vielleicht 200 Metern gibt es weitere 40 Software-Firmen mit weiteren 800 Mitarbeitern“, sagt Reinhard Hoffmann, Vorstandsvorsitzender der TowerByte eG. „Software ist hier das gemeinsame Werkzeug. Davon haben alle ein tieferes Wissen. Wir sind ein Software-Cluster, und die TowerByte ist sein Inkubator.“

Jenas sieben Wunder

Um den Unternehmergeist zu verstehen, muss man ein Stück in Jenas Geschichte zurück gehen. Nicht unbedingt bis zu den sieben Wundern, die es wirklich gibt oder gab, das sind Bauwerke, wie der Altar der Stadtkirche St. Michael oder der Schnapphans an der Rathausuhr, so heißt die astronomische Kunstuhr, oder auch ein Berg, wie der „Mono“. Wer bis zur der Gründung der Jenaer Universität vor genau 450 Jahren, die heute Friedrich Schiller Universität heißt, geht, stößt auf den Geist der Freiheit in Deutschland, auf Hufeland, Schiller, die Brüder von Humboldts, auch Goethe, vor allem auf Johann Gottlieb Fichte, die „die Denkfreiheit von den Fürsten Europas“ und eine „Berichtigung der Urtheile des Publikums über die französische Revolution“ forderte. Er hielt im Mai 1794 auch eine öffentliche Vorlesung über „Moral für Gelehrte“, die der Gesellschaft verpflichtet seien. Fichte war ein Glücksfall für die 850 Studenten und für Deutschland.

Ein Glücksfall war auch das Zusammentreffen von Carl Zeiss, dem Unternehmer, mit Persönlichkeiten wie Ernst Abbé, dem Physiker, und Otto Schott, dem Chemiker und Glasexperten, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts das erste „Cluster“ formten rund um Optik, Präzision und Glas und das fortsetzten, was Goethe rund 50 Jahre vorher schon über Jena gesagt hatte: Diese sei eine „Stapelstadt des Wissens“.

Diese Stadt hat die passende Bevölkerung, so der Oberbürgermeister Albrecht Schröter nicht ohne Stolz, „die mit 20 Prozent den höchsten Akademiker-Anteil in Deutschland ausweist.“

Andreas Tünnermann

Nicht weit ist es auf den Beutenberg, um den Mann aufzusuchen, dessen Name fast regelmäßig fällt, wenn es um Jenenser Innovationen geht, Professor Andreas Tünnermann. Denn er ist nicht nur Chef des IOF, Fraunhofer - Instituts für Angewandte Optik und Feinmechanik, sondern leitet daneben sein Institut an der Friedrich-Schiller-Universität, das Institut für Angewandte Physik (IAP), am Max-Wien-Platz. „Sie werden hier im IOF Studenten, Diplomanten und Doktoranten finden, die sich wie selbstverständlich im Institut unter den Forschern bewegen.“ Diese Voraussetzungen seien „idealtypisch“ in Jena. Pionierarbeiten gelangen ihm so bei der Verbesserung der optischen Eigenschaften von Glasfasern zur Lichterzeugung und damit ihrer Funktionalität als Lasermedium. Auf dem „zukunftsweisenden Feld der mikro- und nanostrukturierten Optik“, so Tünnermann, zu der auch der Faserlaser gehört, hat er Jena an oberste Stelle im internationalen Forschungswettbewerb gesetzt.

Klaus Dicke

Die Friedrich Schiller Universität, einzige Volluniversität Thüringens, ist die Basis des Wissensstapels. Sie ihre eigenen Schwerpunkte neu definiert. Professor Dr. Klaus Dicke, Rektor der Uni, zögert fast noch, als er sie benennt: „Photonik, komplexe biologische Systeme, innovative Materialien, Menschen im sozialen Wandel, Laboratorium Aufklärung.“ Das seien Bereiche, in denen man „vorwärts kommen wolle“, in denen man „innovatives Potential“ habe. Dicke hat sein Büro unten in der Stadt im ehrwürdigen Nachfolger-Gebäude des ehemaligen „Collegium Jenense“, in dem 1548 die Professoren Stigel und Strigel den Lehrbetrieb der „Hohen Schule“ für protestantische Geistliche und Lehrer aufnahmen. Seit diesen Tag pflegt die Uni die Jenenser Tradition der Kooperation. „Die symbiotische Beziehung zwischen Universität und Wirtschaft gibt es seit Zeiss, Abbé und Schott, das hat die DDR überdauert. Wir ticken anders, aber wir können damit umgehen.“

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