Neusprech
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Ihre politische Korrektheit geht mir auf den Geist

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Ach, waren das noch Zeiten, als man in Deutschland noch mit Worten die Klingen kreuzte, als rhetorische Gefechte mit Spannung zu hören oder zu lesen war, als ...
Halt, Sie, nicht weiter: Klinge und Gefechte sind bellizistische Begriffe, die in einer seriösen Plattform wir Seniorbook nichts zu suchen haben. Im übrigen, mein Herr, werden mit Klingen bevorzugt Tiere geteilt. Daher geht aus Respekt vor denen, die es ablehnen, Fleisch zu essen, dieser Begriff schon gar nicht.
Es geht mir nicht um Krieg, ich habe auch nichts gegen Vegetarier, es geht mir darum, dass in unserer Gesellschaft kein Dialog mehr stattfindet, dass keiner mehr traut, sich etwas zu sagen aus Angst. Diese Lähmung spüre ich auch bei unseren Usern.
Halt, und noch einmal halt. Nichts gegen Vegetarier zu haben suggeriert, dass es der Normalfall wäre, dass man etwas gegen sie hat, dass man mithin ein Fleischfresser ist. So ist es jedoch nicht. Normal ist es nicht, Fleisch zu essen, im Gegenteil, es ist pervers. Und dann: User und ebenso keiner sind unerlaubte Begriffe. Es muss heißen, Userin und User, keine und keiner.
Mein Gott.
Halt. Wer sagt Ihnen, dass Gott männlich ist? Wenn Sie Ihren Chauvinismus nicht begraben, können Sie leider am Dialog nicht mehr teilhaben.
Ich will auch nicht mehr mit Ihnen einen Dialog führen, weil Sie keinen führen wollen. Sie meinen, auf meinen angeblichen Gesinnungsterror reagieren zu müssen, indem Sie mir bestimmte Worte verbieten wollen. Aber der Terrorist sind Sie. Ich akzeptiere, dass die Gesellschaft ohne Tabus nicht auskommt. Dazu gehören auch sprachliche. Wer ein gesellschaftliches Miteinander will muss auf Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen. Mit einem Juden rede ich nicht über eine Endlösung der Palästinenserfrage. Mit einem Migranten nicht über Ausländer, mit einem Hartz-IV-Empfänger nicht über Sozialschmarotzer. Aber der Respekt darf nicht dazu führen, dass man sich sprachlos gegenüber steht. Denn versagt das Wort, beginnt die Faust zu regieren. So äußere ich voller Überzeugung, dass die AfD ausländerfeindlich, Putin kein Demokrat, sondern ein Despot und ein gottsverdammter Lügner ist, dass diejenigen, welche angesichts der 80 ermordeten holländischen Kinder nicht mit ihrem Vertuschen und Rechtfertigungsgerede aufhören, ekelhafte Figuren sind, für deren Deutschsein ich mich schäme. So langt Ihnen das jetzt? Reicht das, mich mit einem Shitstorm zu überziehen? Nur zu. Ich bin auch nicht sozialdemokratisch und beurteile die Güte unserer Bundeskanzlerin auch nicht danach, wie weit sie sozialdemokratische Positionen vertritt oder nicht. Und wenn Peter Sloterdijk befürchtet, dass "im Irrenhaus oder im Ausland lande, wer in Deutschland nicht sozialdemokratisch ist", sage ich, dass die lähmende Uniformität der political correctness nur dann hier das intellektuelle Leben erstickt, wenn die Angst davor, nicht angepasst und mithin ein Außenseiter zu sein, überhand nimmt.

Gedankliche Bevormundung geht mir auf den Geist

Ich bin für den Euro, für die Eigenverantwortung der in soziale Not Gekommenen, ich bin Christ und stolz darauf, für Nächstenliebe nicht mit 27 Jungfrauen im Jenseits belohnt werden zu müssen. Glühend verehre ich unseren Rechtsstaat als bestes Prinzip ever und verbeuge mich vor dem Völkerrecht, dass es verbietet, einem souveränen Land einfach ein Stück wegzunehmen. Das bedeute nicht, mein Herr, das ich keine Angst davor hätte, dass Sie und Ihresgleichen mir Denk- und Redeverbote auferlegen wollen. Ihr gedankliche Bevormundung und permanente Gängelei gehen mir auf den Geist. Die Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann sprach bereits in den 70er Jahren von einer Schweigespirale. Danach treibt den Menschen die Angst vor der sozialen Isolation um – keiner will in einer Gruppe oder der Gesellschaft außen stehen. Mir, mein Herr, macht das nichts. Ich fahre keinen Porsche und wenn, würde ich mir keinen Aufkleber "hybrid" auf die Karosse kleben, um meine ökologisch korrekte Einstellung kund zu tun.

Ich werde den Othello nicht umschreiben

Ich bin sogar geradezu froh, wenn mir Alternativen zur herrschenden Meinung einfallen oder ich einen neuen Denkansatz vortragen kann. Aber nur weil er alt ist, werde ich den Othello nicht umschreiben, um den Begriff "Mohr" zu tilgen. Und ich lasse es mir von Ihnen nicht verwehren, Sie auf ein Gerichtsverfahren vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten hinzuweisen. Das Gericht bezeichnete es in diesem Zusammenhang als nicht politisch korrekt, einen Toast auf den Staat (die Vereinigten Staaten) anstatt auf das Volk (der Vereinigten Staaten) auszubringen, weil der Staat zwar das edelste Werk des Menschen, der Mensch selbst aber das edelste Werk Gottes sei. Das war bereits im 18. Jahrhundert und beweist, dass Sie mit Ihrer political correctness nicht die Sicherheit auf Ihrer Seite haben, an der Ihnen so gelegen ist. Die Begriffsinhalte können sich nämlich ändern. Und dem Trend hinterherzulaufen, mein Herr, kann in die Sackgasse führen. Schwulen- und Lesben, Gender und Feminismus, palästinensische Selbstbestimmung und Anerkennung des Lebensrechtes Israel sind ebenso Veränderungen in ihrem Verständnis unterworfen wie der Wertekanon des Westens oder das Recht auf Asyl. Oft genug kann, was als Kreuzzug für Anstand begann, umgeschlagen in Zensur und Verfolgung. Selbst der Begriff der Wahrheit ist nicht in Fels gemeißelt. Wenn Sie mein Herr, nur an der Sprache herumbasteln, die tatsächlichen Ursachen der Diskriminierung aber außen vor lassen, erreichen Sie gar nichts. Im Gegenteil. Sie beweisen die Unfähigkeit, die tatsächlichen Ursachen von Rassismus und Sexismus allein durch Sprachpolitik zu überwinden. Sie geraten in eine Euphemismus-Tretmühle. Sie sind selbstbezogen, verlieren den Kontakt zur Realität. Der Germanist Armin Burkhardt, der die Auffassung vertritt, dass politische Korrektheit auf lange Sicht nicht erfolgreich sein könne, wenn nicht zugleich die alten Tabus, Vorurteile oder Aberglaube überwunden würden, hat recht. Einen geistig Behinderten als "mental herausgefordert", einen Dicken als "gravitativ benachteiligt" zu bezeichnen, ist eher Slapstick als Versuch, ihnen zu helfen. Und wer den Zigeuner nicht Roma und den Neger nicht Farbigen nennt ist noch lange kein verabscheuungswürdiger Rassist.

Mein Herr, Sie sind ein Mitläufer

Mein Herr, man kann durchaus über sprachliche Bezeichnungen streiten, denn Sprache lebt und verändert sich, aber den niederzumachen, der nicht Ihrer Meinung ist, das geht nicht. Oh, doch das tun Sie. Und ich sage es offen heraus: Sie tun es nicht aus intellektueller Stärke. Sie sind Mittelmaß, eher dumm als klug, Sie sind ein Mitläufer, der sich bei dem Starken anbiedert in der Hoffnung, dieser lasse Sie dann auch man auf die anderen, die Ausgegrenzten einschlagen. Das hatten wir alles schon, mein Herr. Ich soll mich nicht aufregen? Ich soll ruhig bleiben? Sehen Sie, das ist mein gutes Recht. Ich rege mich auf, auch wenn Sie sagen, es wäre ein Zeichen von Schwäche.