Deutsch-Türkische Freundschaft oder auch "Wir machen mobil"
Deutsch-Türkische Freundschaft oder auch "Wir machen mobil"Foto-Quelle: Nelos-fotolia.com

Deutsch-Türkische Freundschaft oder auch "Wir machen mobil"

Beitrag von wize.life-Nutzer

Eigentlich sind wir längst angekommen. Nämlich dort, wo sich einst Diogenes von Sinope im antiken Griechenland hin träumte:
in ein Weltbürgertum.

Wir sind zu Hause und gleichzeitig mit Menschen aller Nationen verknüpft. Wir essen exotische Früchte mit einer Selbstverständlichkeit, die es vorher nie gab. Wir genießen den Kaffee-Latte to go. Natürlich fair gehandelt. Wir sprechen mit Menschen in fernen Ländern, sogar in Bild und Ton … vom Sofa aus. Wir sind stolz darauf, wenn wir auf unseren Reisen die mühsam erlernte fremde Sprache zum Einsatz bringen können. Wir unterstützen ägyptische Bloggerinnen im arabischen Frühling. Wir benutzen Flugzeuge, Bahnhöfe und mobile Geräte, die das Kommunizieren und Arbeiten erleichtern.

Wir sind … so unglaublich mobil wie noch nie.

Stimmt das? Waren die Menschen einst weniger mobil? Erkennen wir sie überhaupt als etwas Erstrebenswertes an, diese Mobilität? Oder macht sie uns Angst?
Wie steht es mit Jenen, die das Prinzip der Mobilität leben … soweit, dass sie eines Tages direkt vor uns stehen? Sozusagen als menschlich gewordenes Zeichen des Wandels?

54 Jahre ist es jetzt her, dass Deutschland mit der Türkei ein Anwerbeabkommen geschlossen hat. Der anschließenden Zuwanderung haben wir viel zu verdanken, sagen Forscher. Wirtschaftswachstum, den Ausbau der Sozialsysteme, die Verringerung der Arbeitszeiten oder sogar den sozialen Aufstieg von Arbeiter – in Angestelltenverhältnisse.

Ähnliche Abkommen schloss die Bundesrepublik übrigens auch mit anderen Staaten: Griechenland, Italien, Jugoslawien, Marokko, Südkorea, Portugal Spanien und Tunesien.

Die Menschen aus diesen Ländern leben jetzt alle mit uns, Tür an Tür. Es sind Freundschaften entstanden, binationale Ehen wurden geschlossen. Es ist – im besten Sinne – Völkerfreundschaft entstanden. Man denke nur an unseren Speiseplan, der sich so mannigfach entwickelt hat.

Ja, was könnten wir uns Besseres denken, fragen wir uns das nicht an dieser Stelle?
Offenbar nicht.
Denn ganz ungeduldig erwarten wir, dass es jetzt auch hopp-hopp gehen muss mit der Integration, dem Verstehen unserer Kultur und Gemeinschaft.
„Ihr seid zu uns gekommen, dann müsst Ihr auch unsere Sitten und Gebräuche annehmen. Legt die Schleier ab und lasst Eure Moscheen zu Hause. Die Moslems haben kein demokratisches Verständnis. Wie ist das jetzt, werden bald Halbmonde in unseren Klassenzimmern hängen? Islamisten, Salafisten, Terroristen überrennen unser Land und wir werden verdrängt.“

Vielleicht vergessen wir allzu schnell und leicht, wie lange es im Westen gedauert hat, bis wir soweit waren, wie wir jetzt sind.

Ich will dazu ein paar Gedanken meines Bruders zitieren, den ich sehr schätze. Er ist Ethnologe und hat sich mit dem Thema der Mobilität beschäftigt:

Während sich für viele Menschen, deren Lebensalltag von Mobilität geprägt ist, die Lebenssituation durch das Wagnis, ihre Heimat zu verlassen, verbessert hat, darf nicht vergessen werden, dass dies nicht auf alle zutrifft. Vor allem Flüchtlinge und AsylwerberInnen sind in ihrem durch Mobilität geprägten Leben paradoxerweise auffällig immobil. Oft müssen sie in beengten Massenunterkünften über Monate oder Jahre leben, dürfen den Ort nicht verlassen, an dem sie registriert sind und es ist ihnen untersagt, eine Arbeit aufzunehmen. Flüchtlinge leben oft in sozialer Isolation, die psychische Störungen sowie psychogene Krankheiten mit sich bringt. Aufgrund dieser tief greifenden Folgen muss bei der Auseinandersetzung mit Mobilität auch immer das Phänomen der Immobilität samt seinen negativen Folgeerscheinungen mitgedacht werden. Auch stellt sich hier die grundlegende Frage, wie gerecht der Zugang zu Mobilität und den daraus resultierenden Möglichkeiten verteilt ist.

In vielen Ländern führen Kriege, Verfolgung, Armut, fehlende Bildungsmöglichkeiten, Hungersnöte und der Klimawandel dazu, dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Nach Schätzungen der International Organization for Migration (IOM) leben heute weit über 200 Millionen Menschen an Orten, die nicht ihre ursprüngliche Heimat sind. Das sind etwa drei Prozent der Weltbevölkerung. Diese Zahl wird in Zukunft weiter ansteigen. 60 Millionen Menschen befinden sich laut UN-Flüchtlingshochkommissariat auf der Flucht, innerhalb oder außerhalb ihres Heimatlandes.