Ein Tisch auf der Wiesn und eine Sonnenblume in der Ukraine
Ein Tisch auf der Wiesn und eine Sonnenblume in der Ukraine

Ein Tisch auf der Wiesn und eine Sonnenblume in der Ukraine

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Hurra, wir haben den Wiesn-Tisch! Ist das so wichtig, wo es doch bis zum Oktoberfest noch 6 Wochen hin sind. Während in Gaza, Syrien und Libyen gestorben wird und zwischen Sonnenblumen in der östlichen Ukraine nach Leichen der abgeschossenen Air-Malysia - Maschine gesucht wird. Ist das so wichtig? Das Leben geht weiter, the show must go on. Wir sind noch einmal davon gekommen! Ja wirklich? Wir sind davon gekommen? Es sind vier Deutsche unter den 298 Opfern. Wann ist für sie getrauert worden? Wann hingen die Fahnen in Deutschland auf halbmast? Und die 200 Holländer, darunter 80 Kinder. Wann hat Deutschland für sie getrauert? Sind wir nicht als Europäer eine Union, eine Einheit, auch im Menschlichen, nicht nur im Wirtschaftlichen?

Wir haben doch alle den gleichen burgundroten Reisepass

Wir haben doch alle den gleichen burgundroten Reisepass. Als die Holländer an Bord der MH 17 gegangen sind, waren sie nicht von den Deutschen zu unterscheiden. Doch wir ließen sie alleine trauern, unsere 4 Toten waren uns kein Halbmast wert. Ein römischer Bürger, ein civis romanus, konnte sicher sein, auf Reisen den Schutz des Reiches zu genießen, wo immer er war. Im 19. Jahrhundert versprach Lord Palmerston, der britische Außenminister, "that any British subject shall feel confident that the watchful eye and the strong arm of England, will protect him against injustice and wrong”.

Wo blieb der Schutz der Europäer für seine Bürger unter den 298 Opfern? Wo das aufmerksame Auge und der starke Arm? Wer hat den prorussischen Rebellen die Teddybären der toten Kinder aus den Händen geschlagen, wer die gestohlenen Handys, das Geld, die Laptops? Niemand. Die Putinisten hierzulande palavern ihre Lügenmärchen ohne Scham, und die Politiker wiegen sich in Bedenken. Und die Leser der Münchner Boulevard-Presse rufen Hurra, wir haben einen Tisch auf der Wiesn ergattern können.

Man stelle sich einen Moment vor, es wäre eine Maschine der KLM gewesen oder der Lufthansa. Wäre das ein Angriff gewesen, der nach Artikel 5 des Nato-Vertrages den Ernstfall, den Beistand des Bündnisses ausgelöst hätte? Vermutlich ja. Aber wer will sich denn in Spekulationen ergehen, wer will ein Schlafwandler sein auf dem Weg in einen neuen Weltenbrand? Niemand. Das ist gut so.

Und doch stelle man sich vor, es wären Amerikaner ums Leben gekommen. Für sie gilt heute noch das Versprechen eines watchful eye und eines strong arm. Nur ein einziger Amerikaner im Leichenfeld inmitten der ostukrainischen Sonnenblumen und dazu das Gegrinse eines Rebellen. Die USA hätten mit Sicherheit die Positionen der Rebellen angegriffen, es würde heute keiner mehr betteln müssen, ob er nicht die Leichenteile seiner Landsleute aufsammeln darf.

Warum hat die Europäische Union nicht wenigsten mit einem Ultimatum zur Auslieferung der Täter an das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag aufgefordert und im Falle, das dem Ultimatum nicht Folge geleistet würde, massive Unterstützung der Ukraine in Aussicht gestellt?

210 EU-Bürger starben, aber während sich die Niederlande im Schmerz zerreißen, hängen in Brüssel die Flaggen auf vollem Mast.
Präsident François Hollande besteht auf der Erfüllung des Mistral-Heli-Träger-Deals. Würde er das auch tun, wenn die 210 Franzosen wären? Wohl nicht. Und das ist genau der Punkt. Und er ist es nicht alleine in Paris, London denkt bei 10 Toten an den Finanzplatz, und München denkt bei 4 Toten ans Gasgeschäft und ans Oktoberfest.

In gefährlichen Zeiten kommt man so nicht weiter

Der Revanchismus Putins bringt Europas Länder zusammen, aber es darf bitte nichts kosten. Aber in gefährlichen Zeiten kommt man so nicht weiter. Das Baltikum, alle Länder mit russischen Minderheiten sind von den neurussischen Nationalisten und Kriegstreibern bedroht. Europa muss erkennen, dass der Angriff auf das Flugzeug ein Angriff auf Europa war. Es muss darauf bestehen, die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen. Und es muss die Ukraine so massiv unterstützen, dass Putin seine territorialen Ziele aufgibt.

Ich bin ein Europäer muss soviel gelten wir einst: civis romanus sum oder: I am British. Das wollte ich gesagt haben, bevor alle im bierseligen Mia san mia am hurra-gesicherten Biertisch untergehen.