Otto Dix; der Krieg
Otto Dix; der Krieg

Auf der Straße von Sarajewo

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Als Otto von Bismarck die Schrecken des deutsch-französischen Krieges an eigener Haut erlebte, hätte dies nicht für ihn der Ansatzpunkt sein können, sein müssen, seine Politik zu ändern und auf gute Nachbarschaft mit allen zu setzen statt auf Isolierung eines dadurch Geschwächten? In dem Buch "Ich, Bismarck" (Gräv-Verlag) begegnet uns ein derart gewandelter Reichskanzler. Er, eine fiktive Person mit dem Wissen der Gegenwart, reagiert auf die gemachten Erfahrungen.

Es schwindet die Hoffnung

Und hätten die schrecklichen Untaten des 1. Weltkrieges nicht einen 2. Weltkrieg unmöglich machen müssen? Leider war es nicht so. Und schlimmer noch: Es schwindet derzeit die Hoffnung, dass die bestialischen Erfahrungen des 2. Weltkrieges ihre friedensstiftende Kraft verlieren. Wie kann das sein? Es gab drei punische Kriege und danach Karthago nicht mehr. Wiederholt sich das Schicksal: Drei Weltkriege, und danach gibt es nichts mehr?

Hundert Jahre nach Sarajewo, dem Auslöser des 1. Weltkrieges ist die Frage berechtigt, ob der Abschuss der MH17 vergleichbar ist dem tödliche Schuss auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand, und ob wir uns jetzt auf einer vergleichbaren Straße in den Abgrund befinden. Man mag das als Spekulation abtun. Jedenfalls wäre es töricht anzunehmen, dass der Mord an den 298 Passagieren der MH17 keine Konsequenzen hätte und dass diese Konsequenzen extrem gefährlich sind. Daher ist ein Vergleich mit den Ereignissen vor 100 Jahren sinnvoll, selbst wenn er eine gedankliche Konstruktion ist.

Als Ergebnis des 1. Weltkrieges endete die europäische Herrschaft über die Welt, die Amerikaner rückten an die Position einer alleinigen Weltmacht, die Engländer und Franzosen mussten ihre Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen. Die Herrschaftshäuser schrumpften in die Rolle repräsentativer Funktion. Glamour statt Gloria, Mätzchen statt Macht. Und das Reich der Zaren wurde durch ein Reich einer utopischen Ideologie ersetzt.

Und heute? Könnte nicht ein Weltenbrand das Ende der US-Suprematie ergeben? Das Ende von Aufklärung und Demokratie, von Markt und Wohlstand? Von Kultur und Bildung? Den Aufstieg Chinas zur Weltmacht und das Versinken weiter Teile der Erde unter der Macht prähistorischen Aberglaubens, wie Al Kaida oder Isis?

Damals wie heute beginnt es mit einem terroristischen Akt

Damals wie heute beginnt es mit einem terroristischen Akt, der von einem Staat aktiv und aus egoistischen Gründen gefördert wird. Und beide Male ist Russland mit den Tätern im Bunde. Das holländische Begehren auf freien Zutritt zur Absturzstelle, das Ultimatum an Serbien. Der Griff nach einem scheinbar unwichtigen Stück Land, die Krim, die Ostukraine, damals nach Bosnien-Herzegowina. Die Forderung nach einem südslawischen Staat, heute nach Neurussland. Das ist austauschbar ähnlich, gespenstisch real.

Und der Weg, der nach den Anschlägen beschritten wurde: Der Druck wird erhöht. Auf Druck erfolgt Gegendruck. Der Westen erlässt nach dem Abschuss von MH17 schärfere Sanktionen. Man will Putin zum Nachgeben zwingen. Der russische Präsident hat die Wahl: Entweder er beendet die Unterstützung für die Separatisten, oder sein Land beschreitet den Weg in die wirtschaftliche Krise.
Und ebenso wenig wie damals Serbien den Attentäter und seine Hintermänner an Wien auslieferte, ebenso wenig wird Putin seine Unterstützung für die Verfechter Neurusslands beenden.

Er wird weiterhin versuchen, mit Hilfe seiner Eurasischen Union eine Wiedergeburt der Sowjetunion zu erreichen. Der Versuch, ihn in ein System westlicher Sicherheit, Forschung, Marktwirtschaft und demokratischer Entwicklung einzubinden, ist gescheitert. Wann genau der Punkt ohne Rückkehr war, darüber werden sich Historiker streiten. Jedenfalls seitdem er die Chance nicht nutzte, die mit den Spielzeugen getöteter holländischer Kinder posierenden Verbrecher zu stoppen; seitdem ist der Weg zurück versperrt.

Pathologien toben sich aus

Wohin führt der Weg nun? Es geht Putin nicht um die Weltherrschaft des Kommunismus, diesen Traum träumt er nicht. Aber er will alle Menschen russischer und russischähnlicher Sprache unter der Knute des Mütterchens Russland zwingen, und die russisch-orthodoxe Kirche schwenkt dazu ihre Weihwasserkessel. Wo er diese Grenze auf Europas Landkarte ziehen will, das ist noch offen. Das hängt auch von dem Widerstand der Europäer ab. Kiew gehört jedoch für Wladimir Putin dazu.
Das ist sicherlich pathologisch. Der Mann ist normalem Denken nicht mehr zugänglich. Aber das macht es nicht leichter, im Gegenteil. Auch vor 100 Jahren tobten sich Pathologien aus. Militarismus, Nationalismus in Deutschland, Revanchismus in Frankreich, Imperialismus in England und Russland.

Vielleicht hat man deswegen, weil es pathologisch war, nicht daraus gelernt, nicht lernen können. Als alles in Trümmern lag, wurden 1918 / 1919 falsche Erkenntnisse gewonnen. Das Buch Christopher Clarks, Sleepwalkers, war noch nicht geschrieben, und alle dachten, ohne Deutschland wäre der Krieg nicht möglich gewesen. Deutschland war es zuzuschreiben, dass der Krieg nicht diplomatisch, zeitlich und geographisch eingegrenzt werden konnte. Diese Einschätzung ist sicherlich auch richtig gewesen, doch sie reicht nicht aus. Der 1. Weltkrieg brach nicht monokausal aus. Und der 2. Weltkrieg, den eindeutig Hitler entflammte, verstellte die Chance für die Erkenntnis, dass Deutschland nicht der einzige Schuldige an WK 1 war. Die Habsburger legten das Feuer ans Pulverfass, weil sie sich sich auf ihre Verwandten in Potsdam verließen, wie sich die Rebellen in Donezk und Lubansk auf die Unterstützer im Kreml verlassen.

Aber nur weil Angela Merkel das Gegenteil von Wilhelm II ist, bedeutet das noch nicht, dass damit der Vergleich zu seinem Ende kommt. Und es heißt nicht, dass es heute keinen Automatismus geben könnte wie damals. Vergleichbar ist, dass die Annektion der Krim für fast alle überraschend kam - im Gefolge eines Regierungskrise, die sich in Kiew aus einem Streit um das Assoziierungsabkommen mit der EU entspann. Keine große Geschichte; eigentlich.

1914 hieß es in den Medien Europas, Deutschland, Frankreich und England würden sich im Streit um den Balkan annähern. Und die Wolken zwischen London und Berlin würden sich verziehen. Deutschland hatte genug innenpolitische Probleme, um draußen Händel zu suchen.
Noch drei Wochen nach Sarajewo zeigten die Börsen in London und New York keine Zeichen von Panik. Erst als am 31. Juli das massenhafte Sterben auf den Schlachtfeldern begann, wachten die Investoren auf und versuchten, ihr Geld in Sicherheit zu bringen.

Taugen die Instrumente zur Verhinderung eines Krieges?

Kann sich das wiederholen? Haben die Menschen gelernt? Taugen die Instrumente zur Verhinderung eines Krieges? Die Vereinten Nationen werden es nicht richten können, dann die Russen sind Mitglied im Sicherheitsrat und können das Wirken der UNO lahmlegen. Die europäischen Institutionen? Gerade hat Moskau zwei gewaltige Verfahren verloren, vor dem Schiedsgericht und vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Wird es sich dem Richterspruch beugen? Es ist nicht anzunehmen. Denn schon geht in der gelenkten Presse Russlands die Propandamär um, dass die Urteile politisch seien und die Gerichte im Dienste der USA stünden. Dass Putin sich aus dem Europarat und anderen europäischen Institutionen verabschiedet, ist zu erwarten.

Die toten Kinder des Fluges MH17

Aber, und das ist ein wichtiger Unterschied: Die europäischen Institutionen, allen voran die Europäische Union, zwingen die Europäer mit einer Stimme zu sprechen. Damals, 1914, konnte Moskau mit englischer, französischer, schließlich sogar amerikanischer Unterstützung rechnen. Und heute gibt es auch keine neuen Allianzen wie 1915, als Italien die Seite wechselte. Putin kann nicht damit rechnen, durch Druck mit einem höheren Gaspreis oder mit Verlockungen das Bündnis des Westens zu sprengen. Die toten Kinder des Fluges MH17 lassen das nicht zu. Noch etwas ist anders als 1914: Die Gesellschaften Europas haben heute keinen Bock auf Krieg. Sie genießen Frieden, Wohlstand und Demokratie. Die Nato-Staaten wären zu einer militärischen Auseinandersetzung ohne amerikanische Unterstützung gar nicht fähig, so stark haben sie abgerüstet. Vor 100 Jahren eilten alle gierig zu den Waffen und die Bajonettspitzen juckten. Die Jugend in Moskau und Leningrad dürfte ebenso wenig Bock auf Krieg haben. Russland hat in beiden Kriegen gigantische Opfer gebracht. Es ist anzunehmen, dass die jungen Leute lieber am Strand liegen als im Schützengraben. Dass in der Ukraine tschetschenische Einheiten im Einsatz sind, kommt ja nicht von ungefähr. In dem vom Bürgerkrieg zerrissenen und verwüsteten Land gibt es keine andere Perspektive als den Söldnerdienst. Aber auf der Unlust der Russen zu kämpfen kann man sich nicht verlassen. Die Propaganda betreibt Hirnwäsche in großem Stil. In Kiew regieren die Faschisten und die MH17 hatte die Leichen der verschwundenen anderen Maschine der Air Malaysia an Bord. Dies und ähnlichen makabren Unsinn bringen die Staatsmedien in einer Endlosschleife.

Es ist bitter, dass wieder die Ukraine Schlachtfeld ist

Dieser Irrsinn macht nüchternes Kalkulieren schwierig. Wohin führt nun der Weg aus dem Leichenfeld der 298? Es erscheint undenkbar, dass die Ukraine selbst auf westlichen Druck hin ihren Osten aufgibt. Der Westen, und das meint vor allem die USA, werden die Ukraine vielmehr aufrüsten, um Donezk und Lugansk zu befreien. Nur die Krim wird wohl verloren sein. Es ist bitter, dass wieder die Ukraine Schlachtfeld ist und wieder große Opfer bringen muss.

Dieses Szenario, Rettung des ukrainischen Ostens und Aufgabe der Krim dürfte der Kalkulation in den Hauptstädten des Westens zugrundliegen. Ärgerlich nur, dass Putin womöglich anders kalkuliert. Jede Hypothese hat als inhärente Schwäche, dass sie eine Hypothese ist. Auch der Bismarck in "Ich, Bismarck", der aus den Schrecken der Kriege lernt und eine bessere, friedliche Politik will, muss am Ende sein Scheitern erkennen.