Wer mit der Meute heult
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Wer mit der Meute heult

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Stéphane Hessel hat 2013 ein interessantes Büchlein geschrieben: "Empört Euch!" Die FAZ nannte ihn das "Gewissen der westlichen Welt" und "Frankreichs Rebell der Stunde". Der kluge Mann ist leider vergangenes Jahr gestorben.

Er bezog die Kraft zum Widerstand aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und den Vorsätzen, die diejenigen hatten, die das Nachkriegseuropa zu gestalten hatten. Mit den Empörungsgeilen dieser Tage in den sozialen Netzwerken, in Facebook und Twitter und anderen auch, hatte Hessel nichts gemein. Ihn trieb Moral, Ethik und das Gefühl von Verantwortung.

Shitstormend durch die Netze

Was diejenigen treibt, die shitstormend durch die Öffentlichkeit des Netzes hetzen, ist dagegen eine Sache, mit der sich Psychiater oder Staatsanwälte beschaffen mögen.
Beispiele, wie diese Erregungsspiralen funktionieren gibt es viele. Als der Pink-Floyd-Gründer Roger Waters der israelischen Zeitung "Yedioth Ahronoth" ein Interview gab, Israel mit Südafrika zu Zeiten der Apartheid gleichsetzte, die Politiker in Jerusalem als Lügner und den Davidstern als Symbol der Unterdrückung bezeichnete, brach ein mediales Unwetter los. Dabei ging es nicht um die Frage, übte Waters noch Kritik oder sich selbst in der Rolle des Demagogen, es ging nur noch um blanken Hass.

In Deutschland wühlt sich der Mahlstrom der induzierten Erregung zwischen dem § 183a StGB, der Erregung öffentlichen Ärgernisses und den Beleidigungsparagraphen. Doch die Straße ist so breit, dass fast alles hindurch passt, zumal es angeblich auf dem stolzen Ross der Meinungsfreiheit des Artikel 5 GG daher kommt. Dass es so ist, ist auch gut so, Stéphane Hessel und andere haben dafür gekämpft. Die öffentliche Nacktheit wird oft als „Belästigung der Allgemeinheit” wahrgenommen und immerhin als Ordnungswidrigkeit (§ 118 OWiG) geahndet. Die geile Zurschaustellung der eigenen Dummheit ist nicht einmal das. Dafür gibt es nicht einmal einen Platzverweis. Im Gegenteil, viele sehen darin sogar einen kulturellen Ausdruck!

Alle schrien "Rassismus"

Und deswegen spielen für sie Fakten, historische Bezüge, logische Zu- und Einordnungen keinerlei Rolle. In einem Wiener Gymnasium mussten Schüler auf einem Arbeitsblatt mit Anagrammen im Rahmen einer Übung für Legastheniker die Wortkombination “Neger/Enger” finden und “Regen/Gerne”. Die Empörungs-Hysteriker schrien sofort "Rassismus", die Medien stiegen wie gewohnt ein. Dass die skandalisierte Lehrerin selbst ein dunkelhäutiges Mädchen adoptiert hat, tat der Erregungsspirale keinen Abbruch. Vor allem intellektuell Marginalisierte, sozial Verharzte und ihrer politischen oder gesellschaftlichen Bedeutung Verlustiggegangene nutzen jede Gelegenheit, die Witterung aufzunehmen, um mit der Meute zu heulen. Dann fühlen sie sich wieder zurück in der gesellschaftlichen Akzeptanz.

Eine Heulboje

So gibt es neben der “Schweigespirale”, ein Begriff der Kommunikationswissenschaft, ebenso Erregungsspirale, eine "Heulboje" in die andere Richtung. Die Bereitschaft vieler Menschen, sich öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen, hänge von der wahrgenommenen Mehrheitsmeinung ab, sagt Elisabeth Nölle-Neumann. Widerspricht die eigene Meinung der der Mehrheit, gibt es Hemmungen, sie zu äußern, und zwar umso stärker, je ausgeprägter der Gegensatz wird. Daher der Begriff der Spirale.
Aber es ist noch schlimmer: Viele haben gar keine eigene Meinung und übernehmen das, was andere sagen. Dieses Phänomen gibt es auch bei einigen Kommentatoren in "Seniorbook" zu beobachten. Für die Schar der Putinisten ist es ein nicht hinnehmbarer Fehler, sich in allgemein zugänglichen und seriösen Medien zu informieren. Was ihnen an Argumenten fehlt, ersetzen sie durch Beschimpfungen.
Das funktioniert auf der Seite der Putinisten ebenso wie auf der anderen, wer eine andere Meinung, wer sogar eine Mindermeinung hat, soll als Person verächtlich gemacht werden, als "Schmierfink" und ähnliches. Mit entwürdigten Menschen wird man leichter fertig, ist die schlichte Überzeugung, die dahinter zum Vorschein kommt.
Und der so Bedrohte wird es sich überlegen, seine Meinung zu vertreten, denn wer beleidigt wird, dem kann auch Schlimmeres widerfahren. Er kann sich natürlich mit den Mitteln des Rechts wehren, aber das ist mühsam und riskant. Da hält er eher die Klappe.

Eigene Meinung? Lieber nicht laut.

Das Ergebnis ist, dass derjenige, der dem Mainstream missfällt, häufiger schweigt als der Mann an der Heulboje. In den USA gibt es viele, die Edward Snowden für einen mutigen Mann halten.
Aber sie sagen das lieber nicht laut, schon gar nicht im sozialen Netz.
Das Washingtoner Pew-Research-Internet-Projekt stellte fest, dass 84 Prozent über das Thema NSA im realen Leben diskutieren, allerdings nur 17 Prozent dies auch in den sozialen Medien tun. Dies belegt, dass die gängigen sozialen Netzwerke, Facebook oder Twitter, keine Plattform für politische Diskussionen liefern und dass sie nicht den Anspruch erheben dürfen, die in ihnen als "allgemein" dargestellte Meinung hätte einen Absolutheitsanspruch. Und doch ist es eine allgemeinen Geisteshaltung der User geworden, sich über irgend etwas dauerhaft zu empören.

Die wirklich oder nur gefühlt Marginalisierten und Gehartzten sind wild darauf, denen zu folgen, die das kritisieren, was ihnen bedrohlich vorkommt. Und das wird immer mehr. Die Welt wird wieder ein ungastlich Haus. Diesem Gefühl des Bedrohtseins leistet Twitter dadurch Vorschub, dass 140 Zeichen die maximale Länge der Äußerung sind; argumentieren, differenzieren geht da nicht. Twitter ist die Heulboje der eigenen Ängste, und Zeitungen sind des Teufels.

Rat von Anselm Grün

Konstruktive Kritik geht da nicht, Empörung schon. „Gute Worte sprechen, gute Worte schreiben“ forderte Pater Anselm Grün im Benediktinerkloster Damme Journalisten auf. In der Gesellschaft gebe es einen Trend zur sogenannten Empörungskultur. Daran beteilige er sich nicht, sagte der Benediktiner. Menschen, die sich ständig über andere empörten, täten dieses meistens, um von sich selbst und ihren Fehlern abzulenken. Und Sprache präge die Gesellschaft. Er plädierte für eine Sprache, die die Menschen verbinde, die einfach sei und an der alle teilhaben könnten. Er riet zu einer Sprache, die nicht bewerte, sondern wertschätze.
Soweit würde ich gar nicht gehen, Bewertungen sind zulässig. Aber wenn es nur noch Schmierfinken, Faschisten und US-Knechte gibt, ist mir das für eine kritische Auseinandersetzung zu wenig. Mit Schablonen kann man nicht diskutieren. Dann fühle ich mich an Zeiten des "Stürmers" erinnert oder an die wilhelminische Presse, die ich beide zum Glück nicht erlebt habe, und vor deren Wiederkehr uns Männer wie Stéphane Hessel bewahren wollten.
Nicht alle Erregungsstürme haben politische oder gesellschaftliche Relevanz, viele sind banal oder zum Lächeln, wie etwa die Mitleidshysterie um die erschossene Kuh in München oder die Online-Petition einer Frau, die sich über den Fernsehmoderator Lanz geärgert hat. Vergleichbar jedoch sind die stets gleichen Versuche, aus der eigenen Belanglosigkeit herauszukommen und die Wuthitze, die im Handumdrehen eintritt.

Vergleichbar ist auch, dass dieses Bashing immer über die persönliche Schiene läuft, über Verächtlichmachung, Abstempeln, Diffamieren.
"Jemandem einfach mal eine reinzuhauen, digital und anonym, das scheint ein ewiges Bedürfnis zu sein, ganz wie früher in der Schule, als sich die Horde großer Jungs sehr stark vorkam, weil sie den bebrillten Schwächling kopfüber in den Mülleimer gestopft hatten." Das las ich im Netz als eine Erklärung. Einmal, das mag sein. Aber diese latente Aggressivität ist im Dauerzustand, und wartet nur darauf, abgerufen zu werden.

"Steinigungskultur"

David Hugendick schreibt in „Zeit Online“ von einer „Hetzmasse“, von einer „digitalen Steinigungskultur". Da ist etwas dran, wenn auch der Begriff "Kultur" falsch ist. Aber Hugendick erklärt nicht. Das hat auch nichts mit Demokratie im Netz zu tun, wie einige meinen. Es ist das blöde Geheul dazu Bereiter; das ist gefährlich viel, denn man kann sich ihrer bedienen, sie sind manipulierbar. Und sie haben das Ohr der Medien. Als sich im Oktober einige Asylanten auf einen Fußmarsch in die Hauptstadt begeben, um auf die ihrer Ansicht nach unzumutbaren Bedingungen aufmerksam zu machen, drehten die Piraten sofort an der Heulboje. Im Netz, insbesondere bei Twitter, erreichte die Empörung rasch Siedetemperatur. Nur hatte keiner der Empörten irgendein Wissen über die Gründe des Fußmarsches. Und es gab von den alarmierten Journalisten keine Rückfrage bei den angegriffenen Beamten oder den zuständigen Behörden. Denn es ist Konsens, dass diejenigen, die sich als unterdrückt und gedemütigt darstellen, vertrauenswürdig sind. Fakten und Zusammenhänge spielen keine Rolle, schon die Recherche setzt den Journalisten und jeden kritisch Fragenden des bösen Verdachts aus, ein Feind zu sein.
Stéphane Hessel sagt "seht Euch um, dann werdet Ihr die Themen finden, für die Empörung sich lohnt." Ja, aber wer sieht sich denn noch um?