Abendklang
Abendklang

Abendklang

Beitrag von wize.life-Nutzer

„Achtung“, rief einer, „Zschorni kommt!“ In Windeseile stand jeder neben seiner Schulbank, die Hände straff an der Seite, Blick nach vorn.
Lehrer Dornbusch nannten alle Schüler Zschorni, weil er im Ort Zschorna wohnte. Wenn Herr Dornbusch einen erwischte, der ihn so nannte, nahm er ihn am Schlafittchen und orderte ihn vor die Tür.

Herr Dornbusch sollte uns die russische Sprache beibringen. Voller Inbrunst sag er 'Вечерний звук'. Alle 5 Strophen. Ich dachte lange Zeit, dass dies sein Lied sei: Zscherni klang wie Zschorni. Dass Zscherni Abend hieß, behielt Herr Dornbusch für sich. Es wäre ihm, glaube ich, wie eine Entweihung vorgekommen.
Russisch wollte keiner, aber ums Wollen ging es nicht. Es ging um die, die eingezogen waren und Befreier genannt wurden. Die Alten zu Hause hassten sie, weil sie nicht vergessen konnten, wie sie sich über die Frauen hergemacht und die Vorratskammern geplündert hatten. Sie hassten die Befreier auch wenn sie sie Freunde nennen mussten. Sie hassten sie und schwiegen. Ihr Hass ging mit uns in die Schule und legte sich um Herrn Dornbusch, der die Sprache der Befreier lehren sollte. Da half auch der inbrunstige Gesang des Herrn Dornbusch nichts. Kopfnüsse hingegen schon, manchmal auch der ganze Kopf gegen die Wand. Dann war Ruhe. Die Mädchen ließ Herr Dornbusch links liegen. Die trauten sich sowieso nicht aufzumucken.
Besser Russisch bei Zschorni als bei Frau Hermann. Frau Hermann sang nicht, verteilte keine Kopfnüsse, aber rauchte wie ein Schlot. Ihre Stimme klang wie ein Reibeisen und wenn sie die erhob, lernte man freiwillig das russische Alphabet und die Vokabeln. Ihre scharfen Worte trafen die Mädchen besonders. Frau Hermann war mit ihrer Mutter aus der Gegend um Wolgograd gekommen und hatte nun die alte Dame hier in der Stadt begraben. Deshalb war Frau Hermann geblieben und verdiente ihr Brot nun als Russischlehrerin. Die wurden dringend gebraucht. Gleichviel Russisch wie die Muttersprache. Das war dem Staat die Freundschaft wert. Der Zorn ihres Lebens schlug sich in den Vokabeln nieder und traf die pubertierenden Mädchen. „Macht was aus eurem Leben, ihr Gänse!“, brüllte Frau Hermann, wenn die Vokabeln nicht saßen.
Dann lieber Russisch bei Zschorni.
Die Sprache brachten uns beide nicht bei. Die Melodie der Worte und die kyrillischen Schriftzeichen hatten gegen den Hass unserer Eltern keine Chance.

Text: Connie B.
Foto: Rainer Sturm- pixelio.de