An der innerdeutschen Grenze
An der innerdeutschen GrenzeFoto-Quelle: hhh

25 Jahre Mauerfall: Wird die friedliche Revolution beerdigt?

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Eine ordentliche Sause ist in Wowereits Berlin angesagt: 8000 Luftballons werden in den Himmel steigen, dort wo früher die Grenze war, wird es eine Lichtinstallation geben, ein Bürgerfest am Brandenburger Tor, ein Festakt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Es gibt auch Grund zu feiern, an diesem 9. November. Denn vor 25 Jahren öffnete sich die Mauer. Zudem ist es das Datum der deutschen Geschichte, jedenfalls das des 20. Jahrhunderts. Mauerfall, Reichspogromnacht, Hitlerputsch, Novemberrevolution. Es bietet sich reichlich Gelegenheit zum Innehalten: Haben wir die richtigen Lehren gezogen, haben wir gelernt? Nicht nur des runden Jubiläums wegen wird in diesem Jahr vor allem gefeiert. Dafür besteht auch guter Grund: Vor einem Vierteljahrhundert fand auf deutschem Boden die erste und einzige Revolution statt, bei der es keine Toten gab. "Keine Gewalt", war der Schlachtruf derer, die ihr Sehnen nach Freiheit mit der Kraft der Wahrheit und der Überzeugung verbanden.

Als sich die Zellentüren öffneten

Die Türen der Zellen der Gefängnisse der Staatssicherheit öffneten sich, Gängelung, Repressalien, Überwachung, Diktatur - all dies gehörte plötzlich der Vergangenheit an. Die Bürger der DDR mochten es zunächst nicht glauben.

Doch in die Festlaune mischen sich heute Zweifel, Ärger gar. Es gibt Repräsentanten dieses Muts zur Freiheit, im Museum "Haus auf der Grenze", in der "Gedenkstätte Andreasstraße" in Erfurt im Museum "Story of Berlin" in Berlin haben wir sie gesehen, ihre Stimmen gehört. Aber die Festrede hält Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments. Ein guter Mann fraglos. Aber der falsche; als die Mauer fiel, war er Bürgermeister von Würselen. Die Berliner Senatskanzlei hatte angefragt, man wollte einen Promi und bekam ihm. Mehr Gedanken hat man sich offensichtlich nicht gemacht. Aber die friedliche Revolution symbolisiert er nicht. Warum wollte man keinen von denen, die im Herbst 1989 auf die Straße gegangen waren? Vera Lengsfeld oder Friedrich Schorlemmer; Namen gibt es genug. Weil der Spaß den Verstand in den Köpfen verdrängt hat? 25 Bürgerrechtler hätte man reden lassen können, jeder 10 Minuten. Das wären 250 historische Minuten geworden, eine authentische Feier. Aber man zog einen routinierten Redner für eine orchestrierte Veranstaltung vor. Und man kuschte vermutlich vor der Linken, zu denen sich die geflüchtet haben, die als SED- und Stasi-Chargen die Struktur der Diktatur geliefert haben und die heute wieder Morgenluft wittern.

Insassen und Wärter

Sind die Deutschen schon wieder geeint? Sprechen die letzten Wahlergebnisse in Sachsen, Thüringen und Brandenburg nicht eine andere Sprache? Kann es sein, dass die Linke mit Hilfe der Grünen, bei denen die Bürgerrechtler ihre politische Heimat fanden, in Erfurt den Ministerpräsidenten stellen? Die Insassen der fensterlosen Zellen in der Andreasstraße geben ihren Wärtern den Schlüssel zur Macht zurück? Und fast die Hälfte der Wähler haben den Drang zur Demokratie verloren, der sie einst auf die Straßen trieb und gehen nicht mehr wählen? Und viele verschafften der Linken oder den Rattenfängern von rechts, der AfD, zweistellige Ergebnissen. Kann das sein?

Wieder aggressive Fratze

Kann das sein in einer Zeit, wo der militärische Garant der Diktatur in der DDR, Russland, damals im Gewand der Sowjetunion, wieder seine aggressive Fratze zeigt, wie einst gegenüber von Point Alpha, wo der Durchbruch durch den Fulda Gap und die Zerschlagung der Bundesrepublik vorbereitet wurden, für dessen "Helden" die DDR schon die Orden in Bronze, Silber und Gold geprägt hatte?

Dass russisches Militär in der Ukraine steht, weiß inzwischen jeder. Und damit nicht genug. Von estischem Grund wurde ein Beamter des Geheimdienstes, Eston Kohver, nach Russland verschleppt. Ein litauisches Fischerboot, die Jūrų Vilkas, wird aufgebracht. Wer an Zufall glaubt, der glaubt auch die Lüge von den Soldaten, die sich in die Ukraine "verlaufen" haben oder dort "ihre Freizeit" verbringen wollen. "Das kann kein Zufall sein", sagt Nerijus Maliukevičius, Politologe an der Universität Vilnius. "Solche Machtdemonstrationen sind beunruhigend." Mečys Laurinkus, der frühere Chef des litauischen Inlandsgeheimdienstes VSD, sieht das Baltikum bereits im Krieg. "Die Botschaft ist, dass der Krieg nicht mit Panzerfahrzeugen, Panzern oder Jets geführt wird, es ist ein Geheimdienstkrieg", sagte er dem Internet-Portal Delfi. Wenn ein russischer Politiker wie Wladimir Schirinowskij im staatlichen Fernsehen erklärt, die baltischen Staaten, "diese Zwerge", seien ebenso wie Polen zum Untergang verdammt, "sie werden ausgelöscht."

Wenn man diese Zeichen an der Wand sieht, gewinnt die Feier zum 25. Jubiläum des Falls des Mauer eine dramatische Bedeutung. Was wäre wohl, fragt man sich, wenn das Baltikum und Polen nicht in der NATO wären? Und war es nicht ein Fehler, Georgien, Moldawien und der Ukraine den Schutz der NATO zu verweigern? Alle drei Staaten mussten in den letzten Jahre eine Verkleinerung ihres Herrschaftsbereiches hinnehmen.

Was hat das mit uns, was mit der 25-Jahr-Feier zu tun? Eine Menge, das innerdeutsche Grüne Band ist ein Teil des Risses, der durch das ganze Europa lief, vom Nordmeer bis zum Schwarzen Meer. Und viele sind unzufrieden mit der Entwicklung, die Deutschland im letzten Vierteljahrhundert genommen hat. "Das Brot der Demokratie wird hart", sagt Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher der evangelischen Landeskirche, ein Zeitzeuge, der damals Pfarrer war, "das Brot, das wir uns damals in der friedlichen Demokratie erkämpft hatten." Oft hörten wir kritische Stimmen auf unserer Reise durch die Nahtstellen Deutschlands. "Der Kampf ist noch nicht vorbei", sagte Berthold Dücker, ein Republikflüchtling mit 16, der 1992 zurückkehrte und das Amt des Chefredakteurs der Südthüringer Nachrichten in Geisa übernahm. "Die Linke, davor PDS, davor SED, nur der Name änderte sich, nicht aber die Kader, nicht die Struktur, nicht die Ziele, will die Regierungsgewalt in Thüringen übernehmen, zusammen mit der SPD und den Grünen." Noch ist es nicht entschieden. Der Leiter des Grenzmuseums Schifflersgrund, Wolfgang Ruske, Ltd. Polizeidirektor a.D. und früher mit der Bewachung der Grenze auf DDR-Seite betraut, nannte Namen von Männern, die früher die Diktatur stützten und heute bei der Linken sind.

Das Schlimmste ist die Lüge

Das Schlimmste aber ist die Lüge. So wie die russische Regierung ihre Schandtaten bestreitet, leugnet die Linke den Schießbefehl, die Tatsache, dass der Bau der Mauer von der SED befohlen wurde. "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen", tönte Walter Ulbricht. Die Linken behaupten, der Kreml hätte dies befohlen, gelogen. Und die Orden für die Eroberung der Bundesrepublik werden auch als Erfindung bezeichnet. Es wurden Mauern, Zäune, Selbstschussanlagen und Todesstreifen gebaut. Und die Zellen wurden gefüllt. In Erfurt, Bautzen oder Hohenschönhausen gab es die drinnen und die draußen. Die einen waren die Opfer die anderen die Täter. Letztere klammerten sich an das, was war und was sie konnten und hatten, ihren Zusammenschluss tauften sie mehrfach neu. Heute nennen sie sich, „die Linke“. Die Opfer, die Mutigen und Visionäre fanden sich im „Bündnis 90“, das aus den Oppositionsgruppen „Demokratie Jetzt“, „Initiative Frieden und Menschenrechte“ sowie dem „Neuen Forum“ bestand.

Das „Bündnis 90“ schloss sich mit den Grünen zusammen, die sich freuten den „Erfahrungsanspruch antitotalitären Widerstands“ in ihre politische DNA eingliedern zu können. Und nun könnte der Linke Bodo Ramelow Ministerpräsident werden, wenn sich neben der SPD die Grünen für ihn entscheiden. Was gibt es da zu feiern? Das Ende der friedlichen Revolution? Mindestens zwei ehemaligen Stasi-Mitarbeiter sitzen für die Linke im thüringischen Landtag. 40 Bürgerrechtler haben die Grünen vor dieser „fatalen Fehlentscheidung“, Steigbügelhalter der Linken sein zu wollen, gewarnt, weil „die mehrfach umbenannte SED über immense demokratische Defizite“ verfüge.

Natürlich kann man die Feiern zum 25. Jahrestags des Falls der Mauer nicht verschieben. Aber man kann deutlich machen, dass dieses Jubiläum etwas anderes ist eine Spaß-Veranstaltung "Deutschland sucht den Superstar". Dass es Vermächtnis ist und Auftrag, dringender Auftrag. Und vielleicht ist bis dahin auch klar, dass die Linke in Erfurt nicht in den Besitz der Schlüssel Thüringens kommt.

Information:
www.pointalpha.com
www.grenzmuseum.de
www.stiftung-ettersberg.de/andreasstrasse/
www.erlebnisgruenesband.de/
www.story-of-berlin.de