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Gnadenloses Eigenlob: als Beobachter für Seniorbook beim Kommunikationskongress in Berlin

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Kommunikation muss neu buchstabiert und neu gedacht werden. Zu diesem Ergebnis kam der Kommunikationskongress 2014, der am Freitag im Berliner Congress Centrum am Alexanderplatz nach zweitägiger Dauer zuende ging. Aber wie? 1400 Teilnehmer waren registriert, um dazu Anregungen zu geben, und Seniorbook hat diese Veranstaltung für Sie beobachtet. Es ist das jährliche Treffen der deutschen Pressesprecher, genau genommen ihre Verbandes, des BdP. Und "innovative Impulse zu allen Bereichen der professionellen Kommunikation" versprach Jörg Schillinger, der Präsident des BdP, in seiner Eröffnungsansprache.

Social Media

Social Media, der Bereich zu dem auch Seniorbook gehört, ist ein wichtiger Bereich in dieser Welt des Austausches von Information und Meinung. Denn erstmals wird hier die Möglichkeit der Interaktion eröffnet. Der Leser, Hörer, Seher ist nicht mehr bloßer Adressat, schlichter Konsument dessen, was andere, Journalisten, PR-Profis und Firmensprecher fabriziert haben, sondern er kann reagieren. Nicht nur indem er glaubt und kauft, sondern indem er seine Meinung von sich gibt, indem er bestätigt oder widerspricht. Und selbst wenn er gar nichts tut, hat es Bedeutung. Denn unbarmherzig erfasst die Statistik jede Reaktion, und in diesem Sinne ist auch die Nicht-Reaktion eine.

Motivation und Aggression

Schwerpunktthema des Kongresses war die Motivation, denn "Motivation ist die Grundlage des Erfolgs und Raison d´être unseres Berufes" sagte Schillinger. Das klingt hausbacken und war es auch, denn ewig schon geht es darum, wie man die Mitarbeiter pusht und zu besseren Leistungen treibt, ohne dass sie sich geschoben fühlen. Aber die Veranstaltung hatte noch ein zweites Schwerpunktthema, das alle Panels und Workshops durchzog und das durchaus etwas mit Motivation zu tun hat: Das war die Aggression in der Kommunikation. Die "Kunst des Streitens in der Mediengesellschaft" nannte es reichlich verniedlichend Roger Willemsen, der "am offenen Herzen des bundesrepublikanischen Politikbetriebes" seine Beobachtungen anstellt. Die Leute mögen ihn, weil er gut formulieren kann und sympathisch und gebildet wie ein idealer Schwiegersohn rüberkommt. Aber da war die Diskussion im Panel I schon schärfer. Oliver Schumacher, Pressesprecher bei der Deutschen Bahn, der trotz der Dauerpannen meint, "den idealen Job" zu haben, Bela Anda von der "Bild" und Oliver Santen von Siemens stritten sich darüber, ob ein "gnadenloser" Journalismus die PR treibt oder ob es umgekehrt ist. Aber die Gier nach der fetzigsten Schlagzeile ist erstens so neu nicht, und zweitens meint Gnadenlosigkeit in den Medien heute etwas anderes. In Zeiten, wo mit Hilfe eines sehr leicht zu bewerkstellenden Shitstorms über Facebook Außenseiter in den Selbstmord getrieben werden können, gehört es fast zum guten Ton, zum schlechten Ton, einen Redakteur mit beleidigenden Aussagen niederzumachen. Die Gewichte haben sich geändert: Was früher einem Leserbrief anvertraut werden musste, der gekürzt und zensiert abgedruckt wurde oder auch nicht, kann heute ungefiltert ausgekübelt werden. Und in den Redaktionssitzungen wird nicht diskutiert, ob ein Leser - bei digitalen Diensten, ob ein User - neue Anregungen zur Recherche gegeben hat, sondern ob man ihn nicht wegen übler Nachrede oder Beleidigung anzeigen müsste. Nur verstecken sich die übelsten Verleumder nicht selten hinter kryptischen Namen, die nicht zu dechiffrieren sind. Und Redakteure haben nicht diese Recherche im Sinn, wenn sie sich morgens an ihren Arbeitsplatz setzen. Nein, die Gnadenlosigkeit ist heute nicht in erster Linie ein Problem des Journalismus sondern der ungezügelten Reaktionen darauf.

Die "best practice - Beispiele", die der Kongress lieferte, schienen aus einer ferner harmonischen Zeit zu kommen. Christian Klaue vom Deutschen Olympischen Sportbund schilderte, wie genial er die Social Media nutzt, um seine Arbeit zu tun. Martina Ludwig vom Verband der Chemischen Industrie meinte, sie hätte die "Wahrnehmung der Branche" in der Öffentlichkeit positiv geändert. Und sogar Enno Isermann fand lobende Worte für sich und seine "Krisenkommunikation" für die unvollendete Elbphilharmonie in Hamburg. Fehlte eigentlich nur jemand, der seine Genialität bei der publikumswirksamen Vermarktung des neuen Berlin-Brandenburger Flughafens herausstellte.

Nun gehört es zum Konzept des Kongresses, die Mitglieder des PdB herauszustellen. Und keiner fährt nach Berlin, um allen zu erklären, was er für eine Pfeife ist. Viel schöner ist es zu erzählen, wie er - Christian Schönfelder von Styrolution - "von Null auf Hundert einen Weltmarktführer" erschuf. Für Kritisches und Relevantes gab es die Keynotes, von A wie Peter Altmeyer, dem Kanzleramtsminister, bis eben Roger Willemsen. Und für Erkenntnisse, wohin wirklich die Fahrt geht, gab es das Warm Up und die Gala-Speakersnight im Stage Theater am Potsdamer Platz.

Die Firmen wollen die Guten sein

Die Antwort ist nur scheinbar überraschend: Die Firmen hüten sich davor, mit den Usern so intensiv direkt zu kommunizieren, dass sie sich mit den Anfeindungen auseinanderzusetzen hätten. Auch sofern sie die sozialen Netze nutzen, bleiben sie in der Rolle des Guten, der Leuchtstrahler in die schattigen Ecken stellt und Schwächen im Produkt oder der Botschaft mit Goodies , mit kleinen Geschenken, verkleistert. Und entsprechend war auch der "Presseclub", der einen "Rückblick auf das Medienjahr" bieten wollte. Da wurde von einigen Journalisten um Georg Mascolo allerlei Lustiges dargeboten, PR-Flops und mediale Klöpse. Selbst das Verlosungs-Debakel im NSU-Prozess wurde erneut serviert. Bloß nichts Ernstes, doch bitte keine problematischen Themen. Die sich gnadenlos verdüsternde Umwelt der Medien, aller Medien, die sich der Interaktivität und damit dem Pöbel unter ihren Usern stellen, ist nicht "unser Ding", wie es ein Firmensprecher geradeheraus erklärte. Da könnte er sich mittelfristig irren, sollte er wirklich Kommunikation neuer und wirkungsvoller, also User-näher buchstabieren wollen.

Vielleicht ist das im nächsten Jahr ein Thema für Jörg Schillinger und den PdB. Motivation war gestern. Kampf um den Anstand in PR und Medien ist heute.